Wie geht es ihm?

Ich habe alles dafür getan, daß die Kinder niemals Zeuge eines Totalabsturzes wurden. Sie haben T. kein einziges Mal in seinen schlimmsten Zuständen erlebt, gesehen wie er bewußtlos auf dem Boden lag, oder von einem Krankenwagen abtransportiert wurde.


Ich wollte auf keinen Fall, daß sie ihn so sehen müssen, bis zur Unkenntlichkeit betrunken, und sich noch mehr sorgten, als sie es wahrscheinlich ohnehin schon taten.


Ich habe mit ihnen darüber gesprochen, daß seine Alkoholsucht der Grund ist, warum ich mich getrennt habe, habe versucht, ihnen die Krankheit so gut es geht zu erklären, und ihnen aber bei allen offenen Worten, die in meinen Augen unnötigen Details, des ganzen dramatischen Ausmaßes seines Zustands, erspart. Genau so wenig habe ich Ihnen erzählt, daß er sich mehr als einmal in lebensbedrohlichen Zuständen befand, sei es durch den Grad der „Vergiftung“, durch Verkehrsunfälle, oder schlichtweg aufgrund seiner eigenen Unzurechnungsfähigkeit, die sich ab einem gewissen Pegel zwangsläufig einstellt. Ich würde das rückblickend nicht anders machen, alleine, um ihnen gewisse „Bilder“ zu ersparen, die, wer weiß wie lange durch ihre Köpfe geistern, und für das Verarbeiten und begreifen des Erlebten nicht wichtig sind. Doch Kinder begreifen trotzdem so viel mehr, als wir ahnen, und uns manchmal vielleicht wünschen. Man kann ihnen

nicht wirklich etwas vormachen, oder ihnen die Wahrheit in einer weich gespülten Variante für

bare Münze verkaufen. Sogar mein mittlerweile zehnjähriger Sohn hat alleine durchschaut und verstanden, wo es irgendwann hinführt, wenn einem alkoholkranken Menschen nicht die Umkehr zu einem Leben ohne Alkohol gelingt.

Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem die Kinder lesen.

A. Aurelius



Wenn es morgens schon so warm ist, daß ich meinen Kaffee, die Füße barfuß im warmen Kies, draußen im Garten trinken kann, ist für mich der allerschönste Start in den Tag, den ich mir zu Hause vorstellen kann. Und genau so begann der Freitag letztes Wochenende, und ebenso herrlich ging es weiter.


Wir verbrachten die zwei Tage hauptsächlich an unserer Badehütte, die der schönste, urigste, verwunschenste, und friedlichste Ort ist, den ich mir vorstellen kann.


Die kleine Hütte aus dunklem Holz, mit den grünen Fensterläden, zusammen gewürfelten Möbeln aus verschiedenen Stationen unseres Lebens, den vielen lauschigen Sitzecken, Korbsesseln und Bänken, ist ein regelrechter Kraftort, an dem wir regelmäßig baden, uns um das SUP „streiten“, Musik hören, grillen, in der Sonne dösen, Kirschkerne ins Wasser spucken, plaudern, lachen, lesen, und gemeinsam die Zeit vergessen.


Liegt man nach dem Schwimmen zum trocknen auf dem warmen Steg, kann man dem Geklimper der Segelboot - Masten lauschen, die sich im nahegelenden Hafen, im Takt der Wellen berühren, während das Wasser schmatzend an die Steine des Ufers schlägt. Diese absolut entspannte, fast meditative Atmosphäre wird lediglich von von der Frage unterbrochen, wer einen Pfirsich, ein Stück Melone, oder etwas zu trinken haben möchte, die einer von uns regelmäßig in die Rund wirft.


Die Kinder sind meistens alle den ganzen mit dem Treetboot beschäftigt, machen Arschbomben, und kommen nur freiwillig aus dem Wasser, wenn ihnen wieder einfällt, daß es noch Kekse, Brezeln, oder Schokolade gibt.


Wenn wir gegen Abend den Grill anwerfen, packt jeder mit an, und der große Tisch im Garten deckt sich in Windeseile mit einem köstlichen Allerlei von Salaten, Kräuterquarks, Grillgemüse, Käse, Saucen und Baguette. Jeder packt an, jeder steuert etwas bei, und am Ende eines solchen Tages, sitzen wir oft bis spät in die Nacht zusammen, um uns direkt wieder für den nächsten Tag zu verabreden. Alle fallen satt, müde, sonnen gebräunt und glücklich ins Bett.


Am Sonntag waren wir mittags noch in einem kleinen Biergarten, um den Geburtstag meines Vaters zu feiern, und kamen anschließend noch bei ihm zu Hause gemütlich zusammen. Es gab Kaffee, Erdbeerkuchen, und schöne Gespräche. Wir ließen auch diesen Tag mit Freunden am See ausklingen. Und obwohl es gegen Abend begann zu regnen, machten wir es uns an der Hütte gemütlich, zogen unsere Hoodies über, und die Reste im Kühlschrank reichten noch locker für eine wunderbare Brotzeit. Zwischen Otis Redding, Bolier, und Gladis Night, belegten Broten und Essiggurken, einem wahnsinnigen Sonnenuntergang, und einem warmen Sommerregen, sprangen die Kinder ausgelassen über die nasse Wiese.


Als wir relativ spät zu Hause waren, und ich meinen jüngeren ( zehnjährigen ) Sohn bat, sich bitte bettfertig zu machen, während ich noch schnell die nassen Handtücher aus den Badetaschen fischte, hörte ich ihn rufen:


„Mama?“ Ich dachte er sucht mal wieder irgendetwas… vielleicht seinen Schlafanzug, den er gerne fallen lässt, wo er ihn auszieht, und ich antwortete, „jaaa?“…, während ich Sonnencreme, Fußballbilder, Bücher und Klamotten sortierte.


„Wie geht es eigentlich dem T.?“


Diese Frage traf mich in dem Moment so unerwartet und unvorbereitet, wie ein heftiger Sturz, nachdem einem das Bein gestellt wurde, und man seine Haut ungebremst in den Asphalt rammt. Ich unterbrach mein Aufräumen und das Sortieren unserer Badesachen in der Sekunde, hielt kurz inne, holte tief Luft, und antwortete so klar und deutlich ich konnte:


„Schatz,… ehrlich gesagt, weiß ich es nicht.“ Nach einer kurzen Pause ohne Antwort, in der ich mich nicht von der Stelle rührte, hörte ich ihn etwas leiser als zuvor fragen:

„meinst Du er lebt noch?“.


Die Tatsache, daß er so klar und ohne Umschweife aussprach, was ich in der Vergangenheit schon so oft gedacht, gefürchtet und verdrängt hatte, traf mich wie ein Schlag in die Magengrube, und ich erstickte, mein nicht mehr zu unterdrückendes Schluchzen in dem feuchten Wäscheknäuel, das ich noch unsortiert in den Händen hielt. Ich spürte, wie mir heiße Tränen über die Wangen liefen, holte erneut, nur etwas tiefer Luft und sagte, so unbeschwert wie möglich: „sicher lebt er noch…“


„Warum bist Du Dir da so sicher?“, kam es durch das Treppenhaus zurück.


Ich legte alles auf den Boden, wischte mir kurz mit dem Handrücken über das Gesicht, und ging hinauf zum Badezimmer. Ich nahm seine Hände, und er setzte sich auf dem Badewannenrand auf meinen Schoß. "Man würde mich informieren, wenn ihm etwas zustossen sollte.“ Er nickte.


„Gut! … dann ist er sicher wieder in der Klinik, wo man aufpasst, daß er keinen Alkohol trinken kann. Darf er dort sein Telefon benutzen?“


Während ich mit den Tränen kämpfte, antwortete ich, daß ich nicht wüßte, ob er gerade in einer Klinik ist, aber daß er sein Telefon sicherlich benutzen darf, wenn es so wäre.

„Warum fragst Du, Schatz?“ „Ich möchte ihm etwas sagen.“ „Was möchtest Du ihm denn sagen?“


„Ich möchte fragen wie es ihm geht, und ob er bald gesund wird.“




Alkoholismus und Co - Abhängigkeit beeinflussen früher oder später nicht nur alle Bereiche einer Beziehung, sondern auch alle Lebensbereiche. Man spricht nicht umsonst von Alkoholismus als Familienkrankheit.


So war es auch bei uns:

Unser Leben war das Suchtsystem. Das Suchtsystem war unser Leben.

Es gab kein Thema oder keinen Bereich, der davon gänzlich verschont blieb.

Es gab Tage oder sogar Phasen, die liefen gut, aber das war zu keinem Zeitpunkt, plan-,

berechen-, oder vorhersehbar. Mit einem nicht trockenen Alkoholiker zusammenzuleben ist genau aus diesem Grund eine nervliche Zerreißprobe, weil Du nie weißt, was Dich erwartet, Du emotional zu keinem Zeitpunkt auf festem Boden stehst.

Irgendwann weißt Du nicht mehr, was Dich erwartet wenn Du die Haustür aufsperrst, oder wenn Du hörst, wie sie aufgeschlossen wird.




Byebye Co - Abhängigkeit!

Alles Liebe,

Julia




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