Up and down...

Ich habe mittlerweile viele Filme zum Thema Alkoholismus gesehen. Ein Schlüsselmoment in

„A Star Is Born“ war für mich die Szene, als Kelly ( Lady Gaga ) in der Wanne sitzt und Jackson

( Bradley Cooper ) ins Badezimmer kommt.


Er ist ziemlich betrunken und fängt an wirres Zeug zu reden. Und jetzt passiert das, worüber man aus meiner Erfahrung mit niemandem spricht: die Transformation von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde.


Der Zeitpunkt, in dem sich ein liebenswerter Mensch durch den Alkohol verwandelt und bösartig, zynisch, ungerecht, anklagend und extrem verletzend wird.


Das geschieht vor allem dann, wenn sich ein Alkoholiker ertappt fühlt, er fürchtet man könne aussprechen was er am meisten fürchtet: die Tatsache, daß er den Alkohol nicht im Griff hat. Er weiß das natürlich längst selber, aber leugnet dies vor seinem Umfeld, wie auch vor sich selber, da seine größte Angst (noch) darin besteht, ohne Alkohol leben zu müssen.


Also dreht er den Spieß, in dem Moment wo jemand im Begriff ist, die ungeliebte, beängstigende Wahrheit auszusprechen, einfach um, indem er angreift.


Verbal und brutal.


Mein alkoholkranker (Ex) Partner verfügte über eine hohe Sensibilität und kannte alle, noch so kleinen Schwachstellen seines Gegenübers und insbesondere meine, ganz genau.


Er wusste, wo es richtig weh tut.


Ganz genau wie Jackson, als er ins Bad getorkelt kommt.


Er sieht seine Freundin an, wie sie nackt vor ihm in der Badewanne sitzt und sagt zu der Frau die er liebt: „Du bist so häßlich.“ Treffer versenkt! Das war das Verletzendste was er in diesem Moment zu ihr sagen konnte und zwar nicht, weil sie besonders eitel war, sondern weil er den Finger in ihre größte Wunde bohrte. Er rammte bildlich das Messer in ihren Glaubenssatz: „Egal wie außergewöhnlich meine Stimme ist, egal wie wunderschön die Lieder sind, die ich schreibe, bin ich es nicht wert, auf einer Bühne zu stehen, weil ich nicht schön genug bin.“


Er war es, der sie über sich und ihre Komplexe hinauswachsen ließ, als sie nicht an sich glaubte und er ist es auch, der sie wieder mithilfe ebendieser Komplexe emotional zusammenbrechen läßt, wenn sie der Wahrheit, seinen Ängsten, seinen verdrängten Emotionen und Gefühlen zu nahe kommt.


Ich habe es genau so erlebt.


Ich habe mittlerweile verstanden, daß dieses Verhalten, genau wie das Leugnen ganz essenzielle Merkmale der Krankheit Alkoholismus sind. Es hat weder (zwangsläufig) etwas mit dem Charakter des Kranken, noch mit seinen Gefühlen für die Menschen zu tun, die er verletzt. Dennoch tut es unendlich weh, wenn sich der Mensch den man liebt in einen ekelhaften Fiesling verwandelt. Es ist, als versperrt Dir ein Fremder den Weg und gibt Dir keine Möglichkeit an ihm vorbeizukommen. Du hast nicht den Hauch einer Chance auch nur ansatzweise in die Nähe des Menschen zu gelangen, den Du eigentlich kennst, der aber momentan in seiner Persönlichkeit bis zur Unkenntlichkeit von seiner Krankheit verändert ist. No way! Dieser Anschluß ist vorübergehend nicht erreichbar…


Und somit wartete ich unzählige Male darauf, daß er wieder zurück kommt.


Natürlich hatten wir trotz allem auch sehr schöne Momente. Momente in denen ich mehr denn je davon überzeugt war, daß alles gut werden wird. Das alles gut werden muß!

Das Fatale ist nur, umso intensiver die guten Zeiten sind, umso tiefer ist auch der Fall, wenn sich das Blatt wieder wendet.


Es gab damals niemanden mit dem ich lieber zusammen war als mit T., wenn er in der Spur war. Wir waren uns genug und verbrachten viel Zeit am See oder in den Bergen. Aber wir erlebten auch einige tolle Reisen. Meinen 40. Geburtstag verbrachten wir gemeinsam in New York. Insgeheim wußte ich, daß das eine Flucht meinerseits war, um nicht durch eine Party zu gefährden, daß es anstatt einer fröhlichen Feierei ein böses Erwachen geben könnte.


Ich blendete die Tatsache, daß ich eine Beziehung führte, in der mir ein Fest mit Freunden Angst machte aus und redete mir ein, daß ich darauf ohnehin keine Lust hatte.


Wann immer es mir gelang, machte ich mir vor, alles sei in bester Ordnung. So auch auf diesem Trip. Er schenkte mir den „Wire Ring“ und die zwei aneinandergrenzenden „Ts“, standen in unserem Fall nicht für Tiffany, sondern für ihn. Obwohl die Reise meinen und seinen finanziellen Rahmen zur der Zeit komplett sprengte, überraschte er mich auch noch mit einem Helikopterflug. Die Sonne ging langsam unter und tauchte die glänzenden Hochhausfassaden in ein leuchtendes, fast glühendes Orange. Er hielt meine Hand ganz fest und wir hörten „Empire State of Mind“ von Alicia Keys. Es war so atemberaubend schön, daß mir die Tränen in den Augen standen.


Mittlerweile besuchten wir auch regelmäßig seine Familie und ich fühlte mich in ihrer Gesellschaft unglaublich wohl. Sie sind wundervolle Menschen, die es zudem verstehen, die tollsten Feste zu feiern, die man sich überhaupt vorstellen kann.


Mit den Kindern verbrachten wir wunderschöne Winterferien und T. war in meinen Augen der beste Skifahrer der Welt. Seine Tante, die scheinbar auch eine exzellente Skifahrern ist, hatte es ihm als kleiner Junge beigebracht.


Sobald er auf den Brettern stand schien es, als könne ihn nichts und niemand aufhalten. Er stand unerschütterlich auf beiden Beinen und strotzte nur so vor Selbstsicherheit und Kraft. Er wirkte zu jedem Zeitpunkt tiefen entspannt und sah mit seinem, bis zur Brust geöffneten, olivgrünem Parka, seinem braungebrannten Gesicht und dem Dreitagebart immer unfassbar gut aus.


Seine dichten braunen Haare verschwanden, egal wie kalt es war, niemals unter einer Mütze und in der klaren Bergluft nahm ich seinen himmlischen Hermès Duft besonders intensiv, wie angenehm war. An einem Tag wurden wir beim Aussteigen aus der Gondel von Windböen empfangen, die so gewaltig waren, daß es meinen jüngeren Sohn direkt wegwehte. Man konnte kaum die Hand vor Augen sehen. T. schnappte ihn am Kragen und brachte ihn, zwischen seine Beine geklemmt, sicher ins Tal, als sei es ein Spaziergang. Ich schaffte die Abfahrt alleine nur mit Mühe und Not.


In solchen Momenten wünschte ich mir, er könnte diese Souveränität immer fühlen, sie einpacken, konservieren und mit in unseren Alltag nehmen. Hier war er derjenige, der souverän war und alles im Griff hatte.


Er kannte jeden Berg, jede Abfahrt und jeden Lift. T. plante unsere Route, schloß die Skischuhe der Jungs, polierte die Gläser der Brillen, kontrollierte den Sitz der Helme und checkte die Bindungen. Er fuhr durch Tiefschnee und über spiegelglatte Eisplatten mit derselben Leichtigkeit, wie auf den platt gewalzten Hängen. Wenn ich ihn so sah, wünschte ich mir jedes Mal, daß er auch zu Hause genau so sein könnte. Ein Mann, der sich nicht so leicht von dem Gegenwind des Lebens umblasen ließ. Ein richtiger Partner, einen auf den ich mich, egal was kommt verlassen konnte.


Wenn wir nicht auf den Pisten unterwegs waren, kochten wir zusammen, spielten Monopoly, gingen ins Schwimmbad oder in die Sauna. Eines nachmittags saßen wir bei schönstem Wetter in einem Café und aßen jeder einen gemischten Eisbecher, während wir die warmen Sonnenstrahlen genossen.


Auf der anderen Seite des kleinen idyllischen Platzes standen Pferdeschlitten, deren Sitzbänke von dicken Lammfellen bedeckt waren. Die Köpfe der stämmigen Tiere waren mit großen bunten Federn geschmückt und sie dösten, ein Bein angewinkelt, bis zur nächsten Fahrt vor sich hin. Es war ein stiller, kleiner perfekter Moment, einer scheinbar glücklichen Patchworkfamilie.


Anschließend kauften wir stapelweise Päckchen mit den Fußball Sammelkarten für die Jungs. Wir liebten es beide ihnen dabei zuzusehen, wenn sie auf dem Fußboden des Wohnzimmers im Kreis saßen und ganz aufgeregt und tief versunken ihre neue Beute inspizierten. Ihre Köpfe steckten dann immer fast verschwörerisch zusammen, so daß ihre Nasenspitzen dabei fast die Seiten ihres gemeinsamen Albums berührten. Immer wieder stiessen sie laute Schreie der Begeisterung aus, wenn sie einen guten „Neuzugang“ entdeckten. Abends machten wir es uns dann gemütlich, kuschelten uns alle auf das große Sofa und sahen uns gemeinsam Filme an. Es hätte wirklich nicht schöner sein können.


Das waren Sie, die anderen Seiten des Lebens mit einem Alkoholiker, die so perfekt und schön waren, daß ich einfach nicht wahrhaben wollte, daß es nicht immer so sein konnte.


Aber Fakt ist, das das Leben mit einem nicht trockenen Alkoholiker, egal wie viele gute Phasen es noch beinhaltet, nicht über längere Phasen schön sein kann. Ich weiß noch, wie wir nach einer, entsetzlich aus dem Ruder gelaufenen Silvesterparty nach Rom geflogen sind. Ich war nach diesem wirklich schrecklichen Abend so verzweifelt, daß ich den ganzen Tag bis zur Abreise nur geweint habe und den ganzen Trip eigentlich abblasen wollte. Letztendlich flogen wir doch und kaum waren wir in Italien angekommen, hatten wir wieder eine der allerschönsten Zeiten überhaupt.

T. hatte sich gefangen und da wir ganz alleine unterwegs waren, musste ich mir auch keine Sorgen mehr um die Fassade machen.


Wir waren weit weg von allem Ärger, weit weg von allen Problemen und schwebten regelrecht durch die ewige Stadt.


Wir standen im Morgengrauen auf einem fast leeren Petersplatz an, um uns den Dom anzusehen, besuchten kleine Restaurants aus unserem Slow Food Führer, kauften mir ein wunderschönes Kleid, schlenderten Hand in Hand durch Museen, aßen saftige Feigen mit köstlichem Parmaschinken und genossen die ersten warmen Sonnenstrahlen nach dem Winter. Es gab keinen Streß, keinen Streit, keinen Rausch und keinen Absturz.


Es gab ihn und es gab mich. Hättest Du uns dort gesehen, wärst Du nie im Leben auf die Idee gekommen, was in unserem echten Leben, was in unserem Alltag los war. Du hättest diesen unglaublich netten, charmanten, zurückhaltenden, verschmitzt lächelnden Mann niemals für einen, seit JAHREN strauchelnden Alkoholiker gehalten.


Abgesehen von der Liebe, machten es mir genau diese wunderschönen Momente umso schwerer, früher die Reißleine zu ziehen. Und obwohl ich mittlerweile wußte, daß T. schon lange vor unserer Beziehung etliche Entzüge und Therapien hinter sich hatte, war ich wieder einmal sicher, daß sich jetzt alles ändern, daß er ganz bestimmt endgültig die Kurve kriegen würde. Hinzu kam der riesengroße Schmerz über die Vorstellung, die Kinder müssten schon wieder eine Trennung erleben, hatte ich mir doch nichts sehnlicher gewünscht, als daß sie letztendlich in einer glücklichen Familie aufwachsen.


Aber kaum waren wir zu Hause, bahnte sich das Drama wieder seinen Weg.



Byebye Co - Abhängigkeit!

Alles Liebe,

Julia


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