Sich selber finden.

Aktualisiert: Juni 25

Ich verbrachte vor kurzem einen sehr schönen Abend mit zwei meiner besten Freundinnen. Wir haben zusammen ein Thaicurry gekocht, Tränen gelacht, die restlichen Marzipanpralinen von Ostern vernichtet, uns quer durch DIE Playlist gehört und sassen schließlich, satt und glücklich, die Haare zusammen gebunden, und die strumpfsockigen Füsse auf dem Tisch, gemütlich vor dem Kamin.


„Wärd Ihr gerne noch einmal zwanzig?“ Während die eine diese Frage ausgesprochen hatte, und die andere stirnrunzelnd darüber nachdachte, sagte ich wie aus der Pistole geschossen: „Nein.“ „Echt jetzt? Warum denn nicht?“ hörte ich es neben mir, und blickte, als ich mich zur Seite drehte, in ein leicht wehmütiges, wie ungläubig blickendes Augenpaar, das mich über den Rand einer dezent verrutschten Brille, fragend zu einer Antwort herausforderte. „Das kann ich Dir sagen...“


Mit zwölf dachte ich, daß mein Leben trostlos und ohne Sinn verlaufen wird, wenn sich Dave Gahans und meine Wege nicht eines Tages kreuzen würden. Mit vierzehn wollte ich aussehen wie Nene Cherry, mit der ich allerdings so viel Ähnlichkeit hatte, wie eine Ente mit einem Dobermann. Weil an dieser Tatsache auch alle Schminktipps von Mädchen und Bravo Girl zusammen nichts ändern konnten, begnügte ich mich damit, ihren Look zu kopieren, und trug Radlerhosen zur Bomberjacke. Mit fünfzehn wollte ich dieselbe Frisur haben wie Terence Trent D´arby, und verfluchte meine Mutter, weil sie es mir nicht erlaubt hatte, meine Haare zu vielen kleinen Zöpfen flechten, und schwarz färben zu lassen. Vor jeder Party betete ich, daß meine Pickel wie durch Zauberei verschwinden mögen. Meine Gebete wurden selten erhört, und somit entschied ich, welcher der Schlimmste von allen war, und versuchte diesen mit Hilfe eines Kajalstiftes als Schönheitsfleck zu tarnen.


Dieser „Fleck“ wanderte lange Zeit durch mein Gesicht, und führte nicht selten zu der Frage, ob ich mich verletzt hätte. Es begann die Zeit, in der um einen herum wild mit Drogen experimentiert wurde, und man einigen Mädels und Jungs, die sich von Kurt Cobain inspiriert fühlten, bei ihrem Untergang zusehen mußte.


Meine erste allerbeste Freundin aus Reiterhof - Zeiten, begann Technoparties und Pillen für sich zu entdecken, was das Ende unserer Freundschaft einleutete.


Mit neunzehn hatte ich, zur großen Freude meines Vaters, die grandiose Idee, nach dem Abi mit meinem damaligen Freund eine Eisdiele zu eröffnen, die nur nachmittags geöffnet hat, damit wir täglich ausschlafen könnten. Die Wintermonate wollten wir an irgendeinem Strand chillen. Wir verwarfen dieses, wirklich mehr als vielversprechendes Businessmodell so schnell, wie es uns in den Sinn gekommen war, und ließen uns stattdessen unsere Initalien tätowieren, was wiederum bei meiner Mutter wahre Begeisterungsstürme auslöste. Sie sprach eine ganze Woche kein einziges Wort mit mir, genau so wie ich, nicht viel später, aber dafür nachhaltig, mit besagtem Freund.


Mit Mitte zwanzig arbeitete ich dann, anstatt hinter einer Eistheke, als Moderedakteurin für einen englischen Verlag. Ich flog für Produktionen nach Kapstadt, besuchte Presse Events in Berlin, München, oder Hamburg, verbrachte als Praktikantin ein Wochenende im Adlon, war nach Stockholm eingeladen, wo Grace Jones in einem Steinbruch life für H&M performte, und mit Levi´s ging es nach New York. Wir wohnten im angesagten Soho Grant Hotel, tranken in der Hotelbar Apple Martinis, während ein DJ schon nachmittags für den passenden, wirklich sehr coolen Sound sorgte. Doch egal wie schick sich all das präsentierte, wie viele PR - Geschenke ich bekam, wie lustig die Teams waren, mit denen ich arbeiten durfte, fühlte ich mich nicht angekommen. Ich dachte immer, das kann es noch nicht gewesen sein. Ich sah kein Ziel, keine Perspektive und fühlte keine richtige Erfüllung in dem, was ich tat. Auch wenn alle anderen toll fanden was ich mache, fühlte es sich für mich nicht richtig rund an, weil ich mich dort nicht sah.


Ich fand all das lustig, aber war tief in mir unsicher, uninspiriert, und ständig auf der Suche, aber wußte nicht wonach.


Schließlich dachte ich, mein Selbstwert und meine Zufriedenheit würden proportional zu meinem Besitz teurer Designerklamotten steigen, in die ich fortan mein Geld investierte. Mein Fokus war sehr auf die Außenwirkung gerichtet, ich machte mir enorm viele Gedanken darüber, was andere über mich denken, und machte den riesengroßen Fehler, die Anerkennung im Außen zu suchen, wo ich sie, "Überraschung", ...nicht fand.


Ich heiratete, bekam zwei Söhne, und wußte immer noch nicht so richtig, wer ich eigentlich bin, und kam schließlich erst durch die größte Krise meines Lebens tatsächlich bei mir an. Meine Kinder waren der erste große Schritt zu meinem authentischen Selbst, aber ich spürte auch, daß ich meine Identität auch nicht ausschließlich im Muttersein finden würde.


Trennung, Scheidung, wieder bei Null anfangen, sich seinen Ängsten stellen,Träume zerplatzen sehen, festhalten was einem nicht gut tut, lernen loszulassen, und wieder „zurück auf Los.“

All das ließ mich wachsen.


Durch die Liebe zu einem Alkoholiker und durch meine Co - Abhängigkeit, wurde ich in die Knie gezwungen, und mußte hinsehen, wo es richtig weh tat. Ich erkannte irgendwann, daß ich wieder aufstehen, eine Entscheidung treffen und etwas Grundlegendes zu verändern hatte, und daß der Weg von Innen nach Außen verläuft, und nicht umgekehrt. Ich begriff, daß die Veränderung bei mir beginnen mußte, und daß ich die herausfordernde Aufgabe hatte, endlich eine gute Beziehung mit mir zu führen. Ich stellte mich meinen Ängsten, sah hin, und begann, meinen „Schatten“, wie es C.G. Jung nennt anzunehmen. Den Teil in uns, der all unsere inkompatiblen Gefühle, verdrängte Erfahrungen, und all das beherbergt, das wir nicht wahrhaben, nicht zulassen, oder nicht sein wollen. Wir neigen dazu die dunklen Seiten unseres Lebens, die Erfahrungen unserer Vergangenheit, die uns verletzt haben, zu verdrängen und zu verfluchen,... doch das klappt nicht.


Als ich mittendrin steckte, dachte ich, wie so viele

co - abhängige Frauen mit denen ich heute spreche, ich

würde nie wieder von meinem Sofa aufstehen, und hielt

das Tal der Tränen für die Endstation.


Ich sah keinen Ausweg, war scheinbar gefangen in dem Suchtsystem mit einem alkoholkranken Partner, fühlte mich ausgebrannt, leer und erschöpft. Je schlimmer sich alles entwickelte, desto verzweifelter klammerte ich mich an meine Wunschvorstellung von uns, in der er irgendwann keine Rückfälle mehr hätte… und ich war mir sicher, nie wieder einen Menschen so sehr lieben zu können, wie ihn. Doch zum Glück, habe ich mich geirrt.


Eines Tages wuchs der Wunsch in mir, wieder die Verantwortung für mein Leben und mein Glück zu übernehmen. Ich wollte nicht mehr warten, leiden, absehbar enttäuscht werden, die kostbare Gegenwart einer Zukunft opfern, die lediglich in meiner Wunschvorstellung existierte, und war bereit, alle dafür notwendigen Konsequenzen zu ziehen.


Ich schaffte es, einen neuen und essenziell wichtigen Blickwinkel einzunehmen, der mir half die lähmenden Ohnmachtsgefühle der Hilflosigkeit abzulegen.


Denn ich verstand plötzlich, daß vermeintlich falsche Abzweigungen letztendlich doch zum richtigen ( einem anderen ) Ziel führen können, und uns jede unserer Erfahrungen ein neues Puzzleteil, für ein klares, schönes Bild, liefert. Ich begriff, daß düstere Kapitel, großartige Geschichten, und zerplatzte Träume, erfolgreiche und glückliche Menschen hervorbringen können.


Ich akzeptierte, daß wir nicht immer wählen können, welche Erfahrungen wir machen, aber daß es an uns liegt, wie wir mit ihnen umgehen. Ich verstand, daß sich selber zu verlieren bewirken kann, sich selber zu finden.


"Auch das glücklichste Leben ist nicht ohne ein gewisses Maß an Dunkelheit denkbar. Glück würde seine Bedeutung verlieren, hätte es nicht seinen Widerpart in der Traurigkeit."

C. G. Jung


Ich fühle mich heute, kurz nach der Schlimmsten Zeit meines Lebens so ausgeglichen und zufrieden wie nie zuvor, was auch daran liegt, daß ich unendlich dankbar für mein Umfeld bin.


Manche Menschen sind gefühlt schon immer da gewesen. Sie begleiten uns seit dem Sandkasten, oder zumindest von Beginn der Schulzeit an, bis ins Erwachsenenalter. Manche Wege kreuzen sich erst später, führen aber trotzdem zu ebenso tiefen und wertvollen Freundschaften. Menschen kommen, Menschen gehen, in manchen täuschen wir uns, in anderen sehen wir ihr wahres Potential, und fühlen uns auch von ihnen gesehen.


Wir führen Beziehungen in denen wir wachsen, und solche, in denen wir Federn lassen. Manche Menschen bringen Manipulation, Gossip, Intrigen, und das Drama in unser Leben, andere verschwinden, wenn das Drama ausbricht, und wieder andere bleiben an Deiner Seite, und stehen es mit Dir durch.


Die letzten zwei Jahre meiner Beziehung zu einem Alkoholiker, bis hin zur Trennung und zur Geschäftsaufgabe, durch- und erlebten einige Menschen hautnah mit mir, ohne deren grenzenlose Loyalität und Unterstützung ich untergegangen wäre.


Heute haben die Kinder und ich das Drama hinter uns gelassen, genau wie alle toxischen Beziehungen, und all die manipulativen, rücksichtlosen, dauernd nörgelnden und opportunistischen Energievampire.


Als ich gestern mit einer Freundin am See auf dem Steg saß, redeten wir darüber, daß der Prozeß der Heilung, des Loslassens, des "ganz Werdens", und "bei sich Ankommens", einen ganz wunderbaren Nebeneffekt hat: es trennt sich die Spreu vom Weizen. Ganz automatisch.


Denn je näher man seinem authentischen Selbst und seiner Mitte ist, je besser man seine Werte kennt, je klarer das persönliche Ziel definiert ist, je weniger man nach Anerkennung im Außen sucht, und je größer das Vertrauen in die eigenen Intuition ist, desto unwahrscheinlicher wird man Dinge tun, oder Menschen in seinem Umfeld dulden, die einem nicht gut tun... denn dann weiß man endlich was man möchte, was einen wirklich erfüllt, und zwar völlig unabhängig davon, ob es andere beeindruckt, ... und man ist im Zweifel lieber alleine, als in schlechter Gesellschaft.

Wenn wir uns also vorstellen, wie toll es wäre wieder zwanzig zu sein, vergessen wir dabei wahrscheinlich, daß wir damals nicht die waren, die wir heute ( endlich ) sind. Wir blenden all die Unsicherheiten, Selbstzweifel, und die Sinnsuche aus. Wir ignorieren die Tatsache, daß es keine Abkürzung gibt, die uns an all unseren schmerzvollen Erfahrungen, Stolpersteinen, Stürzen, Niederlagen und falschen Entscheidungen vorbeiführt, und es keine Variante gibt, in der wir ohne blaues Auge dort ankommen könnten, wo wir heute sind. Wir vergessen, wie bereichert und schön unser Leben ist, weil wir ganz genau da sind, wo wir sind, und genau die wundervollen Menschen gefunden haben, die wir nicht mehr missen möchten. Wie hätten wir also jemals hier ankommen, oder mit zwanzig schon dort sein können, ohne ( unseren ) den Weg zu gehen?


Nein, ich möchte mein jetziges Leben nicht mit dem von meinem zwanzig jährigen "Ich" tauschen. Ich bin glücklich und dankbar im, und für das Hier und Jetzt.




Byebye Co - Abhängigkeit!

Alles Liebe,

Julia





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