Post aus der Betty Ford Klinik



Da ich schon seit Längerem an meinen Kolumnen schreibe, sind sie der „Echtzeit“ ca. drei Monate hinterher.



Es geht mir gut. Nicht nur den Umständen entsprechend, oder so dahin gesagt.

Kein BlahBlahBlah... Mir geht es richtig gut, auch wenn ich T. nach wie vor sehr vermisse, und ich nach seinem tiefen Absturz, der auf der Intensivstation endete, und nach unserer kräftezehrenden, und nervenaufreibenden Geschäftsaufgabe, mit Anfang vierzig noch einmal bei Null anfange.


Der ganze Ballast der letzten Monate fällt langsam von mir ab.


Ich habe wieder Luft... für die Kinder, den Alltag, und auch für mich. Alle defekten Geräte im Haus sind repariert, das "Horrorzimmer" im Keller aufgeräumt, ich habe die Kinderzimmer dem aktuellen Alter angepaßt, etliche Fuhren zum Wertstoffhof gefahren, endlich meine Garderobe ausgemistet, und sogar alle Kleider, Tops, Pullover und Hosen nach Farben sortiert. Ich habe einen Tag im Beet vor meinem Küchenfenster verbracht, und den eingegangenen Lavendel durch hübsche Gräser ersetzt. Meine Ablage erledige ich sofort, ich lese viel, ernähre mich sehr gesund und bewußt,

und habe endlich meine vierwöchige Darmsanierung durchgezogen. Ich habe wieder Zeit

regelmäßig am See laufen zu gehen, und das riesengroße Glück, mich 24/7 um mein Projekt

"Byebye Co - Abhängigkeit" kümmern zu können, bei dem ich zudem auch noch grandiose Unterstützung von "contact my agency" bekomme. Außerdem konnte ich mir in letzter Sekunde einen Platz in der Dr. Bock Academy sichern, und fahre für diese wahnsinnig bereichernde, und inspirierende Ausbildung zum Life - Coach regelmäßig nach Zürich, wo ich bei meiner Mutter und ihrem Lebensgefährten wohnen kann, und von Ihnen rund um mein Seminar verwöhnt werde.


Ich habe nach sehr viel Persönlichkeitsarbeit, also auch endlich wieder Zeit im "Außen" aufzuräumen, und kaum noch das Gefühl, daß mir alles über den Kopf wächst.


In den letzten Jahren fühlte sich mein Normalzustand an, als ertrinke ich jeden Moment im reißenden Strudel des Alltags, und der zerstörerischen Krankheit meines Partners. Ich war permanent unter Strom, gehetzt und überfordert.


Aber jetzt liegen diese Stromschnellen, verursacht durch Alkoholismus und seinen Folgen hinter mir. Der Fluß fließt jetzt zunehmend gleichmäßig und ruhig. Die Jungs und ich haben uns wieder eingegroovt. Wir sind im Flow. Wir leben extrem harmonisch, entspannt, liebevoll, und gleichermaßen produktiv unser Leben. Es gibt zwischen uns keinen Streß, keinen erwähnenswerten Streit, kein Mißtrauen, keine Diskussionen, oder Machtkämpfe. Es existiert keinerlei Anspannung oder Druck zwischen uns.


Die Luft zu Hause ist wieder klar.

Ich unternehme so viel mit meinen Freundinnen, wie zu den Zeiten als wir noch gemeinsam in die Schule gegangen sind, und wir haben regelmäßig Lachkrämpfe bis es weh tut.


Zum Beispiel mit Nina. Wir kennen uns seit der 7. Klasse, und unsere Freundschaft hat alle Höhen und Tiefen, die man sich nur vorstellen kann erlebt. Wir kennen uns in und auswendig. Sie ist der verständnisvollste Mensch, den ich mir vorstellen kann. Ihr Gesicht ist makellos schön, und wenn sie sich ihre hellblonden Haare zu einem Dutt zurückbindet, sieht sie in derselben Sekunde aus wie Grace Kelly. Mache ich das Gleiche mit meinen Haaren, sehe ich aus, als hätte ich vor eine Gesichtsmaske aufzutragen.


Wir waren im August mit unseren Kindern ein paar Tage auf einem Bauernhof in Österreich, und nachdem das Abendessen vorbei war, und wir bei "best of 80ies" die winzige Kochnische unseres Ferienapartments aufräumten und das Geschirr spülten, wollten wir plötzlich unbedingt eine Zigarette rauchen. Da wir dieses Laster eigentlich beide aufgegeben haben, mußten wir uns jetzt erst einmal eine Schachtel besorgen. Es half nichts. Ich weiß nicht ob es an Hypnotic Tango, Culture Club, Wham!, oder Alphaville lag, aber wir wollten rauchen. Unbedingt! Schlechte Aussichten auf einem Bauernhof im Nirgendwo. Die Kinder sollten nichts mitbekommen, also schlichen wir uns weg, genau so wie früher in unserer Klosterschule. Wir waren wild entschlossen uns im Dorf Zigaretten zu besorgen. Bevor wir schließlich in einem Hotel neben der Kirche fündig wurden, standen wir zunächst siegessicher, und mit abgezählten Münzen vor einem Automaten, der von Weitem definitiv wie ein Zigarettenautomat aussah. Doch statt Tabak gab es nur Fahrradschläuche zu erwerben.


Wir haben auf der ganzen Autofahrt Tränen gelacht. Die 80ies Smash Hits haben wir mitgenommen und entdeckten dank Spotify längst vergessene Hits unserer Teeniezeit wieder.


Es war herrlich! Wie früher. Nina hat es dann auf den Punkt gebracht. Sie sagte: "Mit den richtigen Menschen hat man einfach überall Spaß!"


Zurück in unserem Apartment rauchten wir heimlich auf dem geranienüberwucherten Balkon.

Es war unglaublich ungemütlich und so windig, daß die Streichholzschachtel halb leer war, bis unsere zwei Zigaretten endlich brannten. Es war kalt, es schmeckte scheußlich, aber es war schön. Nicht das Rauchen, sondern meine Freundin und ich im Flashback vereint. Unbeschwert, ausgelassen, glücklich, und unfassbar vertraut, in einem Eiche rustikal Apartment ohne WLAN, Spülmaschine, oder Fernseher. Weitab von einem vermeintlich perfekten Leben, mit Luxus, Wellness, schicken Outfits, kulinarischem Verwöhnt - Werden, - hashtag foodporn -, oder inspirierendem Interieur. Alles andere als Insta - tauglich. Aber das änderte nichts daran, daß wir ein paar unvergeßlich schöne Tage zusammen verbrachten.


Genauso, wie mit meiner Freundin Simone, die, als ich mich ihr endlich anvertraute, immer an meiner Seite war, wenn es mir nicht gut ging.


Wir beide fuhren kurz darauf mit unseren Kindern nach Holland. Wir mieteten ein bezauberndes Haus in Strandnähe, und hatten zehn wundervolle Sommerferientage zwischen Heiloo, Zandvoort und Amsterdam. Ich bin so dankbar, weil mir wieder klar geworden ist, daß ich nicht alleine bin, es zu keinem Zeitpunkt war, und es auch nie sein werde.


In den schlimmsten Phasen meiner Co - Abhängigkeit, als ich mich nur noch um T. drehte, und ich mich in meiner selbst gewählten Isolation befand, war ich mir meiner Freundschaften tatsächlich nicht mehr bewußt gewesen. Ich hatte vergessen wie tief, stark und unverwüstbar sie sind, auch wenn ich sie die letzten Jahre extrem vernachlässigt hatte.


Und das macht mich neben allem Schmerz so dankbar, daß ich manchmal vor Freude heulen könnte. So wie heute, wo ich spontan einen wunderschönen "lazy day" mit meiner Freundin Flora verbrachte. Wir waren am See spazieren, haben danach bei mir ein köstliches, sehr spätes Frühstück gemacht, und uns danach im Garten gesonnt, geratscht, und gelacht. Es waren den ganzen Tag Kinder da. Mal zwei, mal vier, mal drei, mal fünf.


Alle Türen zum Garten standen offen, und man konnte die frische, klare Spätsommer - Luft im ganzen Haus riechen. Ich habe die Musik laut aufgedreht, einen Bikini angezogen und nachmittags Salat mit Burrata, Feigen, klein gehackten Pistazien und Parmaschinken gemacht. Und nachdem der Küchenschrank mit dem integrierten Mülleimer, selbst mit größter Gewalt nicht mehr zu schließen war, zog ich den gelben Sack heraus, verknotete die Bänder, und brachte ihn raus in den Schuppen, direkt neben unserem Briefkasten. Weil ich mir ja vorgenommen habe, weiterhin alles pünktlich zu erledigen, nahm ich die Post direkt mit rein. Ich wollte den dicken Packen noch schnell vor dem Essen sortieren, und die Werbung direkt entsorgen.


Und da war sie... zwischen Gladys Knight, Sonnenbaden und Dressing abschmecken.


Nach wochenlanger, absoluter Funkstille auf allen Kanälen, hielt ich eine Postkarte von T. in den Händen. Mein Herz pochte bis zum Hals und mein Atem wurde flach. Ich mußte gar nicht lesen was er geschrieben hatte, um in der Sekunde wie vom Donner gerührt zu sein. Alles, womit ich mich gerade noch beschäftigt hatte, schien plötzlich Lichtjahre entfernt. Wie gelöscht. Als wäre die Zeit für einen Moment stehen geblieben.


Beim Anblick seiner, mir von unzähligen Liebesbriefen, Geburtstagskarten und Flaschenposten so vertrauten Handschrift, liefen mir sofort die Tränen über das Gesicht.


Heiß und in Strömen, ... aber leise. Diesmal kein Schluchzen.


T. hat unendlich viele Therapien und Klinikaufenthalte hinter sich, aber er ist das erste Mal in einer Betty Ford Einrichtung. Und auch wenn ich mich bewußt von dem ewigen Hoffen auf seinen Durchbruch zur Nüchternheit befreit habe, flammte es sofort wieder auf, als ich die erste Zeile las:


"Es macht viel mit mir hier."



Byebye Co - Abhängigkeit!

Alles Liebe,

Julia


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