Nie wieder Alkohol.


Der Account von Dennis heißt „nie wieder Alkohol“, meiner hat den Namen „Byebye Co - Abhängigkeit“. Die Schnittmenge unserer Arbeit liegt, denke ich, auf der Hand. Wir folgen einander und tauschen uns hin und wieder über eine DM zum Thema aus.


Letzte Woche verabredeten wir uns zu einem Telefonat.


Das ist nicht das erste Telefongespräch, das ich mit einer eigentlich völlig fremden Person, die ich über Instagram „kennengelernt“ habe führe.


Ich muß sagen, jedes einzelne ist auf seine Art spannend, bereichernd und absolut inspirierend.

Was alle diese Gespräche gemeinsam haben ist das Thema und Menschen, für die Aufklärung, Enttabuisierung und Hilfestellung für Betroffene von Alkoholismus eine Herzensangelegenheit ist.


Dennis und ich haben letzte Woche ausgemacht, daß ich ihn diesen Montag um 11.00 Uhr anrufe, um mit ihm über die technischen Herausforderungen eines Online Seminars zu plaudern, beziehungsweise, um seinen hilfreichen Tipps zu lauschen.


Er war so nett, seine Unterstützung für unser Seminar

"Byebye Co - Abhängigkeit" anzubieten, da auch er

gerade an einem arbeitet.


Während ich es mir an meinem großen Esstisch mit einem Tee bequem gemacht habe und seine Nummer wählte, kam mir der Gedanke ihn zu fragen, ob ich eine Kolumne über seinen Weg in ein alkoholfreies Leben schreiben dürfte.


Nach kurzem Klingeln hob Dennis ab und ehe ich mich versah, waren zwei Stunden verflogen. Im Nu…


… denn auf meine Frage, ob er Lust und Zeit hätte mir seine Geschichte zu erzählen, schoß er direkt los und ich hörte gespannt zu, als er mir erzählte, wie der Alkohol Schluck für Schluck die Kontrolle über sein Leben übernahm.


Dennis wird mit dem berühmten „Feierabend - Bierchen“ groß, lernt so unterschwellig, das Alkohol "in Ordnung" ist und schaute es sich ab. Für Dennis wird dieses Ritual nicht nur „normal“, sondern auch nachahmenswert. Es gibt nur einen gravierenden Unterschied zu seinem Papa.


Dennis verliert nicht nur ziemlich schnell die Kontrolle über den Zeitpunkt und die Menge seines Konsums, sondern findet leider für sich heraus, daß der Alkohol so manches Problem kurzfristig für ihn lösen kann.


Selbstverständlich weiß er heute, daß das nichts weiter als eine Illusion, ein fauler Zauber ist. Aber damals beginnt er ziemlich schnell nicht mehr aus Genuß, sondern wegen der Wirkung zu trinken. Wo das über kurz oder lang hinführt wissen wir. Die Dosis muß stetig erhöht werden, um den gewünschten Effekt zu erzielen, die inkompatiblen Gefühle auszuschalten, die gewünschten künstlich hervorzurufen, die erleichternde Euphorie zu spüren, die unerträgliche Leere zu füllen, oder wie in Dennis Fall zunächst zu erkennen, daß seine Hyperhidrose ( übermässiges Schwitzen ) durch ein paar „Bierchen“ für den Rest des Abends gestoppt werden kann.


Doch er mußte erwartungsgemäß auch ziemlich schnell feststellen, daß Bier nicht mehr das ideale Getränk war, um schnellstmöglich die jeweils gewünschte Wirkung zu

erzielen. Dennis trank schon längst nicht mehr „nur“ zum Feierabend und aus dem Bier wurden Energydrinks denen Wodka beigemischt ist.


Da ein alkoholkranker Mensch keinen Status erreichen kann, mit dem sein Konsum kontrollier- oder berechenbar bleibt, ging es auch bei Dennis stetig und steil bergab.


Aus dem Feierband Bier wurden viele Biere, aus den Bieren wurden die Energiedrinks mit Wodka und aus den Energiedrinks wurde eine Flasche Wodka pro Tag, die von diversen anderen alkoholischen Getränken begleitet wurde.


Doch Dennis tat, was die Krankheit, was ihm der Alkohol, sein „schlechter Freund“, wie er ihn heute nennt, ins Ohr flüsterte: er ignorierte diese alarmierende Entwicklung, seinen Streßhusten, die bereits gelb verfärbten Augen sowie die Tatsache, daß er Blut auf der Toilette ließ und trank unbeirrt weiter. Dennis machte eine kurze Pause und ich konnte förmlich sehen, wie er nach den richtigen Worten suchte.


„Der Alkohol entwickelt sich mit Dir mit und übernimmt immer mehr die Kontrolle. Ich redete mir ein, ich könne ja später, wenn ich beruflich richtig durchstarten würde, immer noch und jederzeit damit aufhören. Die Wahrheit ist, ich machte mir selber etwas vor um die Wahrheit, daß ich längst die Kontrolle über meinen Alkoholkonsum verloren hatte ausblenden und weiterhin trinken konnte.“


Auch als Dennis in einem Indoor - Freizeitpark durch den obligatorischen Fitness - Check rauscht, und man ihm sagt, er könne aufgrund seines extremen Bluthochdrucks allerhöchstens Radfahren, macht er trotzdem weiter wie bisher. Auf meine Frage wie sein Umfeld auf seine Entwicklung reagiert hatte, antwortete Dennis, daß er seine Zeit ganz einfach zunehmend in Gesellschaft verbrachte, in der sein Trinken nicht weiter auffiel und sich niemand daran störte, wenn er sich bereits um 11.00 Uhr einen Wein genehmigte. Auf mein Nachhaken, wo das zum Beispiel gewesen sei, nannte Dennis den Tennisplatz.


Seine Frau sprach ihn zwei Mal auf sein Trinkverhalten an, hakte aber nie wirklich nach. Inwieweit sie es nicht gesehen hat, oder nicht sehen wollte, kann Dennis nicht genau einschätzen. Aber was er noch ganz genau weiß ist, daß er längst heimlich getrunken, Leergut versteckt, Wodka in Wasserflaschen umgefüllt, oder sich bewußt isoliert und zurückgezogen hat, um unerkannt zu trinken.


Am "Ende seiner Laufbahn" ist Dennis Ende dreißig und schläft pro Tag nicht mehr als zweieinhalb Stunden - und die, nicht einmal am Stück. Die Entzugserscheinungen suchen ihn längst auch nachts heim und Dennis ist ein passiver Gefangener des Alkohols. Er ist nicht mehr in der Lage zu arbeiten und hat sein Leben nicht mehr im Griff. Der Alkohol hat nicht nur begonnen seine Gesundheit zu zerstören, sondern vernichtet auch alle Karrierepläne und seine Selbstbestimmtheit. Dennis zog sich mehr und mehr zurück, sein Körper war vom Alkohol aufgeschwemmt und auch die Ehe ging in die Brüche, trotz des damals grade erst zweijährigen Sohnes.


Wenn ich sehe, wie klar, fit und aufgeräumt Dennis heute auf mich wirkt und wie frisch und jung er mit seinen vierzig Jahren aussieht, kann ich kaum glauben, daß der Moment seiner Umkehr erst ein Jahr zurück liegt.


Während unseres Telefonats erwähnte Dennis, beinahe beiläufig, daß er von einen auf den anderen Tag aufgehört hat zu trinken. Natürlich mußte ich unbedingt nachhaken, um seine Erfolgsstrategie nicht nur hören, sonder auch teilen zu können. Dennis erzählte mir, daß er, physisch und psychisch völlig am Ende in seiner Wohnung saß, als er bei Audible über

„Endlich ohne Alkohol“ von Allen Carr stolperte.


Kurz zuvor hatte er sich ein paar Gläser seiner eisgekühlten Wodkamischung verabreicht. Es ging ihm nicht gut, doch der Alkohol brachte ihn auf ein erträgliches Level. In diesem, dennoch recht desolaten Zustand begann er mit dem Hörbuch, indem ein Satz fiel, der bewirkte, daß sein Leben eine völlig abrupte Wendung nahm. Er lautete: "Alkohol ist Gift."


Dieser kleine Satz bewirkte, daß sich bei Dennis nach zwanzig Jahren Alkoholkonsum der Schalter umlegte. In diesem Moment wurde ihm der Spiegel vorgehalten, der ihn begreifen ließ, wie absurd es war, sich selber wissentlich zu vergiften. Dennis stand auf und kippte, wie er mir beschrieb, die letzte halbe Flasche Wodka in das Klo, woraufhin er zu Hause und ganz alleine entgiftete. Auf meine Frage, ob ihm klar gewesen sei, wie gefährlich das ist, sagte er „nein, das war es nicht“ und betonte nachdrücklich, daß er großes Glück hatte, dass es gut gegangen ist und er jedem dringend davon abrät, die Entgiftung ohne ärztliche Aufsicht anzugehen.


Heute wüßte er es besser und unterscheidet bei der Umkehr zudem zwischen Willenskraft und Überzeugung.


Für Dennis kommt nach dem Willen mit dem Trinken aufzuhören, die unendlich wichtige Gedankenarbeit, die

für ihn ausschlaggebend für den nachhaltigen Erfolg der Nüchternheit ist.


Ich würde es gerne mit den Worten des berühmten Schweizer Psychiaters C.G. Jung unterstreichen, der sagte: "Spiritus contra Spiritum":


Der Geist des Alkohols muß durch einen anderen Geist ersetzt werden.


Bei Dennis war es zum einen der Gedanke an seinen Sohn und die Erkenntnis, dass er ab sofort der aktive Gestalter seines Lebens sein wollte. Er begann wieder sich zu ernähren und das auch noch gesund. Außerdem entdeckte Dennis das Teetrinken für sich und begann es zu zelebrieren.


Mit dem gesunden Lebenswandel stellte sich auch wieder ein gesunder Schlafrhythmus ein. Dennis Körper erholte sich zunehmend und erstaunlich schnell von den Torturen des Trinkens und seine Lebensgeister kehrten zurück. So wie er sich vorher in einer zerstörerischen Abwärtsspirale befand, die ihre dunklen Schatten über alle Lebensbereiche warf, kam auch jetzt eines zum anderen. Aber dieses Mal FÜR ihn.


Heute ist Dennis wieder fit, hat Gewicht verloren, Kondition gewonnen, konnte wieder ein, wie er sagt, ausgesprochen gutes und harmonisches Verhältnis zu seiner Exfrau und dem gemeinsamen Sohn aufbauen, hat wieder einen Job und teilt seine Erfahrungen mit Alkoholismus mit anderen Betroffenen. Dennis schreibt Bücher, hat den Podcast „Nüchtern betrachtet“ ins Leben gerufen und begleitet Menschen als Coach auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes nüchternes Leben, die ihn über seine Hompege nie-wieder.alkohol.de, oder über Instagram kontaktieren können.


Er selber ist nun seit dem 28.8. 2019 nüchtern.


Dennis ist wie ich finde, ein wahnsinnig inspirierendes und motivierendes Beispiel, daß es ein Alkoholkranker wirklich schaffen kann, trotz und mit seiner chronischen Krankheit ein selbstbestimmtes, gesundes und erfülltes Leben zu führen!


Gegen Ende unseres Gesprächs bat ich Dennis nach drei Tipps, die er Alkoholkranken, die noch am Anfang ihres Weges stehen, gerne mitgeben würde. Sie lauten:


Du sollst den Alkohol nicht kontrollieren wollen, er soll dir egal werden.


Lege den romantisierten Blick auf den Alkohol ab.


Übernehme wieder das Ruder in Deinem Leben: Raus aus der Passivität des Trinkens und rein ins aktive Gestalten.



Ich danke Dennis für diese großartige und offene Gespräch und hoffe sehr, daß es möglichst vielen Betroffenen auf ihrem Weg ein Stückchen weiterhilft.




Byebye Co - Abhängigkeit!

Alles Liebe,

Julia



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