Nach der Therapie war vor der Therapie.

Aktualisiert: 5. Okt 2019

Je näher T.´s Heimkehr von seinem mehrwöchigen Klinikaufenthalt rückte, umso gemischter wurden meine Gefühle. Ich freute mich so sehr auf ihn, aber so leicht es fiel, mir während seiner Abwesenheit euphorisch auszumalen, daß jetzt alles gut werden, er endlich trocken bleiben würde, umso mehr fürchtete ich, daß diese Blase zerplatzen könnte, wenn er außerhalb der Therapie auf die Probe gestellt würde.


Die aktuelle Distanz brachte Stabilität in mein Leben, die nun wieder ins Wanken geraten konnte.


Mir schwante auch, daß die lang ersehnte Nüchternheit nicht nur Glückseligkeit, sondern auch eine große Umstellung und sehr viel Arbeit für uns bedeuten würde. Wir waren in unseren Rollen, die uns T.´s Krankheit beschert hatte, so festgefahren, daß wir uns nun als Paar ganz neu erfinden mußten. Schließlich waren wir bisher nie ein Team, sondern ich diejenige die sich in ihrer Co - Abhängigkeit möglichst viel auf die Schultern lud, um T. zu entlasten. Wollte ich langfristig einen Partner, mit dem ich die Verantwortung für unser gemeinsames Leben wahrscheinlich nie wirklich teilen konnte, weil es mir in Fleisch und Blut übergegangen war, Angst davor zu haben, einen Rückfall zu provozieren, wenn ich Schwäche zeigte, oder ich zu viel von ihm verlangte? Würde und konnte es jemals anders werden?


Vor uns lag zudem die Herausforderung, die ganzen alten Verletzungen und Ängste, die sich über die lange Zeit aufgebaut hatten, wieder los zu werden. Von dem Misstrauen meinerseits, daß sich als unausweichliche Konsequenz dieser Krankheit entwickelt hatte, ganz zu schweigen.


Du machst als Betroffener von Alkoholismus Erfahrungen, die Dich so stark prägen, und die so tief sitzen, daß sie Dir auch in guten Phasen auf Schritt und Tritt folgen, als seien sie Dein eigener Schatten.


Ich fragte mich, ob ich jemals wieder aufhören könnte ihn zu scannen, um zu checken ob er wirklich nüchtern war? Wäre es jemals möglich, daß ich mich auf einer Party ausgelassen amüsierte, auch wenn er aus meinem Blickfeld verschwand?


T. sagte mir, er hätte Bedenken, daß ich ihn, wenn er zu einhundert Prozent nüchtern ist langweilig finden könnte. Er wirkte eher verunsichert als gestärkt, und kam mir vor wie ein Kind, daß zum ersten Mal ohne Stützräder Fahrrad fahren muß. Und natürlich hatte ich meine Befürchtungen, ob er den unzähligen „entweihten Plätzen“ des Trinkens im Hotel, seinem Arbeitsplatz, widerstehen konnte. Ich fragte mich, ob er wirklich schon soweit war, bei Stress und Problemen standhaft zu bleiben, und nicht zur Flasche zu greifen. Schließlich kehrte er in eine Umgebung zurück, in der der Alkohol allgegenwärtig, und in vergangenen Zeiten sein ständiger Begleiter war.


Aber es mußte ja irgendwie weitergehen, und somit nahmen wir unseren gemeinsamen Alltag wieder in Angriff. T. begann zu arbeiten und suchte wöchentlich seinen Therapeuten, beziehungsweise eine Therapiegruppe auf. Ich versuchte möglichst optimistisch nach vorne zu blicken, und mich von meinen Gedanken nicht allzu sehr verunsichern zu lassen.

Damals fiel mir zum ersten Mal bewußt auf, wie schwer es einem in unserer Gesellschaft gemacht wird keinen Alkohol zu trinken.


Ich erinnere mich an sehr viele unangenehme Kommentare, wenn T. im Restaurant ein Spezi bestellte. Ein Kellner fragte ob er ein Mann oder eine Maus sei, ein anderer zwinkerte ihm süffisant zu und schlußfolgerte, daß er heute wohl an der Reihe sei zu fahren. Oder es hieß ganz einfach er solle doch etwas „Gescheites“ bestellen, frei nach dem Motto: „Komm schon, ein Bierchen geht doch immer!“


Es ist in der Tat erschreckend, daß man sich regelrecht rechtfertigen muß, wenn man keinen Alkohol trinken möchte.


Es scheint, als würde man manchen Menschen dadurch suspekt werden, fast als fühlten sie sich bedroht, als wolle man sie angreifen, ihnen ihren persönlichen Konsum streitig machen. Sie erwarten geradezu eine Erklärung warum man nichts trinken möchte. Nicht wenige fangen im nächsten Schritt an, Dich zu wenigstens einem Drink überreden zu wollen. Solche Situationen sind für einen alkoholkranken Menschen natürlich weitaus stressiger, als für jeden anderen, denn der Alkoholiker möchte in der Regel nicht mit seiner Krankheit auffallen, sondern anonym bleiben. Ich spürte wie unangenehm T. es war, wenn seine Bestellung Grundsatzdiskussionen auslöste, und wir aufgrund einer Saftschorle, eine übertriebene Aufmerksamkeit an unseren Tisch zogen, die er ja eigentlich um alles in der Welt vermeiden wollte.


Es begann eine Zeit des Hoffens, des Bangens und des Zweifelns, denn auch wenn es zunächst scheinbar ganz gut lief, ließ der Rückfall leider nicht allzu lange auf sich warten.

Er bahnte sich still und leise, aber dafür umso unaufhaltsamer seinen Weg.


Es gab nicht von heute auf morgen den Vollrausch, sondern etliche Momente in denen ich ahnte, daß T. etwas getrunken hatte.


Nicht so viel, daß es ihm ein Fremder angemerkt hätte, aber genug, daß ich die kleinen Veränderungen an ihm, und an seinem Verhalten wahrnahm. Ich sah es vor allem an seinem Blick, und an der Art, wie er sich mit der Hand durch die Haare fuhr. Aber bevor es zum nächsten großen Crash kam, der leider immer unausweichlich bevorstand, begann zunächst einmal das bekannte Versteckspiel. Ich registrierte zwar, daß es wieder losgegangen war, aber meine Erfahrung sagte mir, daß es zwecklos war, T. darauf anzusprechen.


Ich fürchtete seine Reaktion, denn der Alkoholiker ist in dem Moment, indem er trinkt, auf dem Ohr der Vernunft taub, und streitet ab, oder reagiert aggressiv, sobald man das Thema anschneidet, und er sich ertappt fühlt.


Somit war wieder alles beim Alten. T. trank heimlich, und ich performte wie gewohnt in meiner Rolle als co - abhängige Partnerin, um zu bewirken, daß er wieder umkehrte bevor es zu spät war. Ich wußte damals nicht, daß es das bereits war. Ich fiel zurück in die alten Muster, wurde zunehmend ängstlich, beobachtete T. ganz genau und versuchte erneut, positiv und unterstützend von Aussen auf ihn einzuwirken.


Aber was soll ich sagen?


Es hat natürlich nichts gebracht, denn der Weg geht nur von Innen nach Außen.


Leider hatte T. während seiner Therapie keine einzige der dunklen Ecken in seinem Inneren aufgeräumt, er hatte keinem seiner Dämonen in die Augen gesehen, und seine seelische Obdachlosigkeit mit nichts Nachhaltigem gefüllt.


Irgendwann stand ich wieder im Schlafzimmer und habe seine Tasche für den nächsten Entzug gepackt.



Byebye Co - Abhängigkeit!

Alles Liebe,

Julia




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