Moni Linden...

… und ich haben uns über Instagram „kennengelernt“ und uns daraufhin zu einem Telefonat verabredet. Wir wollten uns über das Thema Co - Abhängigkeit austauschen. Denn wenn sich Monika nicht zusammen mit ihren Geschäftspartnern Jenny Schwabe und Martin Keß um ihren verwirklichten Traum der eigenen Kaffee - Rösterei "van Dyck" kümmert, arbeitet sie ehrenamtlich beim Blauen Kreuz in Köln.


Es handelt sich um eine ursprünglich evangelische Einrichtung, die eine Anlaufstelle für alkoholkranke Menschen und deren Angehörige ist.


Grundlage ist die Idee - vergleichbar mit den Anonymen Alkoholikern -, dass die langfristige Begleitung eines Alkoholkranken, auch nach Erlangen seiner Nüchternheit, die nachhaltige Erfolgsquote der Abstinenz ebenso enorm steigen läßt,


wie sein stetiges Auseinandersetzen mit der chronischen Krankheit Alkoholismus. Beim Blauen Kreuz werden Alkoholiker dabei unterstützt, ihrer Nüchternheit fortan die oberste Priorität zu schenken und ihr Leben, soweit das (noch) möglich ist, wieder in Ordnung zu bringen.


Die Hilfestellung erstreckt sich über alle Lebensbereiche, da die Baustellen meistens zahlreich und sehr unterschiedlich sind: Zähne richten, Finanzen ansehen, Versicherungen abschließen, wieder Kontakt zu den Kindern aufnehmen, eine neue Wohnung suchen, kaputte Beziehungen retten…


Monis Vater ist auch Alkoholiker. Sie erzählt in dem Podcast „me sober“, wie sehr sie als Kind unter seiner Trinkerei gelitten hat und wie „normal“ die Situation zu Hause auf der anderen Seite für sie war. „Ich kannte es schließlich nicht anders, hatte keine Vergleiche. Ich erinnerte mich später an meine Ängste und beklemmenden Gefühle, ahnte aber lange nicht, daß mir die Erfahrungen, die ich als co - abhängiges Kind machen mußte, auch noch sehr viel später und sogar in meinem Berufsleben große Probleme bereiten würden.“


Eines Tages traf Monika, die längst zu Hause ausgezogen war, eine Freundin, die Tanztherapeutin ist, zufällig auf der Strasse. Sie fühlte sich zu diesem Zeitpunkt wohl. Zumindest dachte Monika das.


Als ihre Freundin sie ansah und völlig unerwartet sagte, „Moni, Dir gehts nicht gut, oder?“, brach sie in der Sekunde in Tränen aus. Ihre Freundin hatte erkannt, was Monika so lange verdrängt hatte.


„In diesem Moment begann ich zu begreifen und mir wurde bewußt, daß ich Hilfe brauche.“


Monika begann eine Therapie, in deren Rahmen das Thema Alkoholismus immer häufiger zur Sprache kam.


„Mir dämmerte immer mehr, daß es nicht ausreicht von zu Hause wegzugehen, weil die Probleme, aus der von Alkoholismus geprägten Kindheit mitgehen. Sie verfolgen einen bis man hinsieht, sie auflöst und heilt.


Damit mir das gelingen konnte, suchte ich mir ganz gezielt eine Gruppe zu diesem Thema und fand sie beim Blauen Kreuz. Ich besuchte die Einrichtung circa ein Jahr lang, in dem ich unglaublich viel für mich mitnehmen und aufarbeiten konnte. Anschließend bin ich über ein paar Umwege in die Mitarbeit gegangen. Ich schloß dafür zwei Ausbildungen ab und leite heute ehrenamtlich, gemeinsam mit einem anderen Angehörigen, seit zehn Jahren die Gruppe der co - abhängigen Angehörigen.


Es ist eine offenen Gruppe. Jeder ist willkommen. Es gibt keinen Zwang, keine Verpflichtungen und keinen Druck.


Nach der, meistens sehr großen Überwindung, sich Hilfe zu suchen und sich zu offenbaren, reicht es erst einmal nur da zu sein. Zuzuhören. Sich in den anderen wiederzufinden und dadurch zu erkennen, daß man nicht alleine mit seinem Problem ist.


Man ist als Co - Abhängiger alles andere als ein Einzelfall, auch wenn das ganz viele Betroffene glauben.


Beim ersten Mal hört man nur zu, wenn die anderen zu Beginn der Gruppe kurz erzählen, wie ihre letzte Woche war. Wir versuchen zu klären, ob es ein gemeinsamen Thema, oder akute, ganz besonders brisante Probleme gibt. Nicht selten fragt sich ein Co - Abhängiger, wie er bloß die nächste Woche überstehen soll.


Wenn wir gezielt fragen: „Wie geht es Dir heute?“, zeigt sich, wie schwer es den Betroffenen fällt, über sich selber zu reden, da sich meistens alles nur noch um die trinkende Person dreht. Sie antworten häufig: „Er/sie hat wieder getrunken…“ Und genau hier setzen wir an und beginnen damit, den Fokus wieder auf uns selbst zu lenken.


Wir versuchen an dieser Stelle zu vermitteln, daß wir nicht an der trinkenden Person, die ja auch nicht einmal anwesend ist, arbeiten können, aber definitiv und ab sofort wieder an uns selber. Das ist vereinfacht gesagt der Kerngedanke, den es zu verstehen gilt.


Auf die Frage, wie sich denn die Arbeit mit Alkoholkranken, von der zu Co - Abhängigen unterscheide, gab Monika eine Antwort, die ich aus meiner persönlichen Geschichte 1:1 unterschreiben kann. Sie sagte, sie habe nie mit Alkoholikern gearbeitet vermute aber, daß diese, wenn sie beim Blauen Kreuz, oder auch anderswo Hilfe suchen, ganz genau wissen, daß sie ein Problem haben. Co - Abhängige hingegen jagen immer noch der Illusion hinterher, dem Alkoholkranken zu seiner Nüchternheit verhelfen zu können und registrieren dabei lange nicht, daß sie selber dringend Hilfe benötigen, selbst dann, wenn sie physisch und psychisch bereits völlig am Ende, vor unserer Tür stehen.


Sie kommen zu uns und fragen: „Was kann ich tun, damit er/sie aufhört zu trinken?“ Und da sind wir schon beim Punkt: NICHTS!


Monika wurde an dieser Stelle hörbar von einer Erinnerung eingeholt, die sie auch direkt mit den Zuhörern des Podcasts teilte. „Es gibt einen Satz der mich sehr schockiert hat, als ich ihn zum ersten Mal hörte, und der es nach wie vor tut. Er lautet: „Jeder hat das Recht sich tot zu saufen.“ Es ist leider wahr und gleichzeitig so unendlich hart, wenn man jemanden liebt und ihm einfach nur zuschauen soll, wie er sich absehbar zu Grunde richtet. Das scheint unmöglich und auch unbegreiflich…“


An dieser Stelle beginnen wir das Suchtsystem zu erklären. Alleine der Begriff ist für die meisten

Co - Abhängigen die zu uns kommen Neuland. Obwohl sie mittendrin stecken, haben sie noch nie davon gehört.


Aber es gibt auch diejenigen die sagen, „das weiß ich alles schon, aber ich kann ihn ja nicht einfach da liegen lassen.“ Unsere Antwort darauf lautet: "Doch!"


Neben diesem LOS - lassen, geht es viel um Scham und Schuldzuweisungen. Viele

Co - Abhängige glauben, sie müßten das Problem ohne fremde Hilfe in den Griff bekommen, müssten es ganz alleine schaffen und haben Angst vor Stigmatisierung. Sie bekommen nicht selten Vorwürfe aus ihrem Umfeld zu hören, warum sie denn nichts unternehmen würden. Moni erinnerte sich an Aussprüche dieser Art, die sie in ihrer Kindheit aufgeschnappt hat: „Dem ist die Frau davon gelaufen, weil er so viel gesoffen hat… die hätte sich halt um ihn kümmern müssen… die kann den armen Kerl doch nicht alleine lassen…“ Als sie das erzählt holen sie Kindheitserinnerungen ein:


"Meine Mutter hat versucht sich um uns vier Kinder zu kümmern und alles geregelt zu bekommen. Wenn unser Vater, bevor er von der Arbeit nach Hause kam, noch in seiner Stammkneipe Schnaps getrunken hatte, sagte sie immer, daß er wieder den Teufel im Leib hat. Meine Schwestern und ich mußten dann schnell in Deckung gehen, weil unser Vater betrunken immer Streit suchte.


Wir durften draußen nicht „darüber“ sprechen. Wir sollten einfach nur brav sein und immer schön lächeln."


Und genau das erlebe ich auch heute in meiner Arbeit. Die Angst vor Stigmatisierung ist so groß, daß man versucht Alkoholismus in der Familie unter den Teppich zu kehren und das Ganze möglichst zu bagatellisieren: „vielleicht es ist ja nicht so schlimm… andere trinken ja noch viel mehr… und mein Mann „nur“ Bier und „nur“ abends… er macht immerhin noch seinen Job… dann kann es ja mit der Trinkerei nicht wirklich bedenklich sein…“


Doch Alkoholismus hat viele Gesichter und das Trinkverhalten bei einer Alkoholkonsumstörung ist so individuell, wie der Mensch selber.


"Wir können all diese Menschen, mit ihren persönlichen Geschichten und ihrem Trinkverhalten nicht „trocken legen“, aber wir können den Angehörigen eine Sache versprechen: Wenn Du ein Jahr lang zu uns kommst, wird es DIR mit Deiner Situation besser gehen."


Monika fuhr fort, daß es oft auch sehr viel schneller geht. Manch einer fühlt sich schon nach dem ersten Besuch der Gruppe erleichtert und kann viele nützliche Erkenntnisse mit nach Hause nehmen. Aber ganz egal, in welchem Tempo ein Betroffener seine Co - Abhängigkeit auflöst, ist es immer ein Prozeß.


Moni bestätigte meine Erfahrung, daß viele Menschen das Thema Co - Abhängigkeit nicht ernst nehmen, sich schon gar nicht dafür interessieren und daß es leider sehr wenige Therapeuten gibt, die sich wirklich mit der Suchtproblematik, vor allem mit der der Co - Abhängigkeit auskennen.


Während sie darüber spricht, kann man deutlich hören, daß ihre ehrenamtliche Arbeit eine Herzensangelegenheit für Monika ist.


Sie legte dar, daß wenn es acht Millionen Alkoholkranke in Deutschland gibt, es ungefähr dreimal so viel Co - Abhängige sein müssen. Das wären 24 Millionen Betroffene: Väter, Töchter, Mütter, Partner, Freunde, Söhne, Enkel… all diese Menschen leiden meistens im Stillen. Aber es ist unendlich wichtig das System zu durchbrechen und aufzuarbeiten, denn die Folgen von Alkoholismus werfen ihre dunklen Schatten noch über Generationen… solange bis man hinschaut und die Strukturen auflöst.


Monika betonte, wie wichtig es sei, während dieses Prozesses eine Beziehung zu sich selber aufzubauen. Sie erzählte von ihrem ganz persönlichem Weg, während dem sie vor allem lernen mußte, nicht mehr zu helfen, wie so viele andere Co - Abhängige auch. So versucht sie die Teilnehmer ihrer Gruppe dazu zu ermutigen, auch einmal "Nein" zu sagen und die eingespielten Abläufe des Suchtsystems langsam zu verändern, indem sie sich realistische Ziele setzen und sich ihnen in kleinen Schritten nähern.


Monika erklärte nachdrücklich, daß es um die Umsetzung geht und darum, den Worten auch Taten folgen zu lassen.


Denn genau so oft wie ein Alkoholkranker beteuert, ab morgen nicht mehr zu trinken, droht der

Co - Abhängige ihn auf der Stelle zu verlassen oder rauszuwerfen, wenn er es noch ein einziges Mal tut. Was beim nächsten Rückfall passiert, ist meistens NICHTS. Das Suchtsystem nimmt weiterhin in aller Ruhe seinen zerstörerischen Lauf…




Nach unserem Telefongespräch schickte Moni mir eine SMS mit einem Bild von einem Plakat. Darauf stand geschrieben:


„Nichts ändert sich, außer ich ändere mich. Alles ändert sich, sobald ich mich verändere.“



Auch ich erlebe durch meine Arbeit als Coach, daß Co - Abhängige auch Jahre, nachdem sie das Suchtsystem vermeintlich verlassen haben, tonnenschwere Rucksäcke mit blockierenden, selbstsabotierenden Strategien, Denk- und Verhaltensmustern ihrer Co - Abhängigkeit mit sich herumschleppen, ohne sich dessen überhaupt bewußt zu sein.


Aber ist ist nie zu spät hinzusehen.



Byebye Co - Abhängigkeit!

Alles Liebe,

Julia





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