Mein Kind ist alkoholkrank.


Vor kurzem erreichte mich folgende Nachricht:


Hallo Julia,

ich bin Mutter eines Suchtkranken/suchtgefährdeten, 16 - jährigen Sohnes. Er war elf Monate in einer geschlossenen Reha - Einrichtung… Bei ihm war es auch der Alkohol, der ihn nicht mehr losgelassen hat. Ich war und bin eine co - abhängige Mutter und würde mich riesig freuen, wenn auch einmal diese Seite der Co - Abhängigkeit von Dir besprochen würde…“

Liebe Grüße, Viola


Da ich bisher keine persönliche Erfahrung mit dieser speziellen Konstellation gemacht habe, fragte ich Viola, ob sie bereit wäre, mir ihre Geschichte zu erzählen. „Wenn Du deine Erfahrungen mit anderen betroffenen Eltern teilen möchtest, könnte ich eine Kolumne darüber schreiben. Natürlich auch gerne anonym…“


Viola antwortete: „Ja, ich würde gerne Erfahrungen mit anderen Betroffenen austauschen. Es muss auch nicht anonym sein. Ich habe gelernt, dass man mit Offenheit meist ein positives Feedback erhält.“


Gesagt, getan.


Letzten Samstag wählte ich zur vereinbarten Zeit Violas Nummer, die sie mir vorab über Instagram geschickt hatte. Ich hatte es mir in meinem Stuhl bequem gemacht, saß vor einem großen Stapel Notizblätter, das Telefon in der einen und einen Kuli in der anderen Hand. Vor mir stand eine dampfende Tasse Tee auf dem Tisch.


Ich lauschte dem Freizeichen und war sehr gespannt auf Viola.


Nach kurzem Klingeln hob sie ab und nachdem wir uns erstaunlich vertraut begrüßt hatten, begann mir eine Frau, die ich noch nie zuvor gesprochen, geschweige denn gesehen hatte, die wahnsinnig bewegende Geschichte von ihr und ihrem Sohn zu erzählen.


( Ich nenne Violas Sohn Max, was nicht sein richtiger Name ist.)


Viola zieht ihr Kind alleine auf. „Max und ich waren immer ein tolles, eingeschworenes Team. Unsere Situation hat uns extrem zusammengeschweißt.“


Während sie das erzählt, kann ich die große Liebe und Verbundenheit zwischen den beiden regelrecht spüren. Viola beschrieb mir ihren Sohn als einen sehr sensiblen und auch unsicheren Jungen. „Hatte beispielsweise ein Freund mal keine Zeit, bezog er das sofort auf sich.“


Als Max in der siebten Klasse war, fing er an nachmittags mit einer Clique rumzuhängen, in der geraucht, gekifft und getrunken wurde. Der Ruf seiner „neuen Freunde“ eilte ihnen bereits voraus und Viola war über diese Entwicklung natürlich wenig begeistert.


Nachmittags in Parks herumzuhängen wurde zu einem beliebten Zeitvertreib. Viola erzählte mir, daß sie die Veränderung ihres Sohnes sehr früh besorgt bemerkt und ihn auch darauf angesprochen hatte. Sie erwähnte, wie so oft in unserem Gespräch, wie nahe sie sich schon immer standen und daß ihr Max damals auch sofort die Wahrheit erzählt hatte.


Sie war einerseits froh über seine Ehrlichkeit und ihre, nach wie vor starke Verbindung und fürchtete andererseits sein Vertrauen zu verspielen, wenn sie nun falsch reagieren würde. Sie wußte nicht, wo genau sie die Grenze ziehen sollte.


Hinzu kam, daß sie und ihr neuer Lebensgefährte den ganzen Tag arbeiteten und sie sich überfordert fühlte, Maxs nachmittäglichen Eskapaden maßgeblich beeinflussen, oder gar verhindern zu können.


Schließlich entschied sie sich für ein Internat, um den Kontakt

zu seiner Clique zu unterbinden und seinen Schulalltag

geregelt zu wissen.


Ihr Sohn, der von dieser Idee zunächst wenig begeistert war und heftig dagegen protestiert hatte, ließ sich schließlich auf einen Kompromiss ein. Er stimmte zu, sich die neue Schule sechs Wochen lang anzusehen und seine Mutter versprach im Gegenzug, daß er nicht länger bleiben müsse, wenn er sich in dieser Zeit nicht dort einleben würde.


Doch es kam komplett anders als zunächst erwartet. Max ist von seinem Internat bereits nach zwei Wochen hellauf begeistert und möchte unbedingt dort bleiben.


Ab diesem Moment ging es massiv und steil bergab.


Max fand eine neue Clique älterer Jungs aus dem Dorf, mit denen er während der offiziellen Ausgangszeiten seiner Schule Alkohol trank.


Es hagelte schlechte Noten und sein Respekt vor Grenzen und Regeln sank, während der tägliche Konsum stieg.


Der Direktor seiner Schule schrieb Viola Briefe, in denen er sie darauf hinwies, daß Max zunehmend verlottert, regelmäßig beim Rauchen auf seinem Zimmer erwischt würde und durch seine betrunkenen Streifzüge durch den Ort, zudem ein extrem schlechtes Bild auf die Schule werfen würde.


Der Junge käme regelmäßig stark alkoholisiert in das Internat zurück und hatte bei einem Alkoholtest vor dem Abendessen bereits 1,0 Promille im Blut gehabt.


Alles klar. Message verstanden. Nur, was tun?


Während Violas Sorge wächst, steigt bei ihrem Sohn parallel dazu die Freude über seinen neu gewonnen Status. Auf einmal reißt der, eigentlich so schüchterne Junge die Mädchen auf, bekommt die Anerkennung seiner Clique und führt ein wildes, aufregendes Partyleben.


Viola, die sich immer so sehr darauf gefreut hatte, ihren Sohn am Freitag endlich wiederzusehen, wird immer angespannter. Anstelle der Vorfreude auf ein gemeinsames Wochenende, hatte sich die Angst eingeschlichen, in welchem Zustand Max vor der Tür stehen würde.


„Nicht selten war er rotzedicht.“


Aber auch der Druck für ihren Sohn wurde zunehmend belastender. Der Ärger an allen Ecken und Enden führte allerdings dazu, daß er immer mehr, anstatt weniger getrunken hat. Max steckte bereits bis zum Hals in der zerstörerischen Abwärtsspirale seiner Sucht und der Alkohol hatte längst die Kontrolle über ihn, sein und das Leben seiner Mutter übernommen.


Der Junge war schließlich an einem Punkt, wo er an manchen Tagen schon vor Unterrichtsbeginn ein Bier auf nüchternen Magen exte.


Auf meine Frage, ob Viola sich rückblickend mehr, oder eine andere Unterstützung von der Schule gewünscht hätte, sagte sie nach einer kleinen Pause: „Ich mache der Schule keinen Vorwurf. Ich denke von den Lehrern wird zu viel verlangt.“


Sie erinnerte sich plötzlich an einen Vorfall, der wirklich schlimm für sie war, wie sie mit Nachdruck betonte. „Es war Freitag, der 7. Dezember 2018. Diesen Tag vergesse ich nie.“


Viola erzählte mir, daß Max mit zwei Freunden aus dem Internat über das Wochenende nach Hause gekommen war. Als Max für einen Moment aus dem Blickfeld verschwunden war, überreichte sein Freund Viola drei Flaschen Hugo und flüsterte ihr dabei zu: „Er ist schon so blau… ich glaube es ist besser, wenn er die nicht mehr trinkt. Können Sie sie verstecken?“


Als Max kurz darauf bemerkte, daß die Flaschen nicht mehr in seinem Rucksack waren, ist er völlig ausgerastet und schrie beängstigend aggressiv herum: „Woooo sind meine Flaaaschen?“


Viola wußte nicht mehr, wie sie Situation, wie sie IHN wieder unter Kontrolle bekommen sollte und hatte außerdem große Angst, daß er sich, oder andere in seiner Rage verletzen könnte. Sie rief bei der Polizei an. Max glaubte nicht daran, daß seine Mutter ernst machen würde, woraufhin sie den Beamten am Telefon bat mit Max zu sprechen. Sie reichte ihrem Sohn den Hörer, der den Worten des Polizisten kurz ungläubig lauschte und daraufhin fluchtartig aus der Wohnung gestürmt war. Er rief seinen Freunden, das Treppenhaus hinunter polternd zu: „Bis Montag im Internat“ und war im Dunkel der Nacht verschwunden.


„Das war wirklich schlimm. Krank vor Sorge um meinen Sohn, der nun von der Polizei gesucht wurde, saß ich mit seinen Freunden in meinem Wohnzimmer und konnte nichts weiter tun, als zusammen mit den beiden zu warten. Nach Hause schicken konnte sie jetzt auch nicht mehr… es war schon viel zu spät und sie wohnten außerdem beide zu weit weg.“


Endlich kam der erlösende Anruf, daß Max in eine Klinik eingeliefert worden war. Viola fuhr am nächsten Tag dorthin und fand ihren Sohn in einem Überwachungsraum wieder: eine Matratze auf dem Fußboden, eine Decke und große Fenster zur Beobachtung.


„Als ich mein Kind dort verkatert liegen sah, tat er mir wieder unendlich leid. Ich hatte Schuldgefühle, wollte all das nicht wahrhaben und unterschätzte die Situation immer noch gewaltig. Ich packte ihn mit den Worten: Er gehört zu mir und wir kriegen das schon hin! ein, und fuhr mit ihm nach Hause.“


„Ich war mir sicher, nachdem ich die Polizei gerufen hatte, wäre ihm ein für alle Mal klar geworden, daß ich auch anders kann. Ich dachte diese Erfahrung war der entscheidende Schuß vor den Bug und schickte ihn am Montag zurück in die Schule.“


Doch leider weit gefehlt…


Eine Woche vor den Pfingstferien ist er geflogen.


Viola klappte endgültig zusammen.


„Ich war wirklich am Boden zerstört… konnte nicht mehr arbeiten, habe nur noch geweint und nichts mehr gegessen.“


Sie ging damals zu ihrem Hausarzt und brach in Tränen aus, als sie nach ihrem Anliegen gefragt wurde. „Ich habe nur noch geweint und konnte mich ganz einfach nicht mehr artikulieren.“ Nachdem der Arzt die, von ihrem Schluchzen zerrissenen Wortfetzen zusammensetzen konnte, schrieb er sie für sechs Wochen krank. Er fügte hinzu, daß er diese Krankschreibung jederzeit verlängern könne.


Auf meine Frage, ob er darüber hinaus etwas angeregt, geraten, oder empfohlen hätte, sagte Viola nach kurzem Überlegen: „Jetzt, wo Du fragst… nein, das hat er nicht.“


Dass sie co - abhängig ist und dringend Hilfe brauchte, sagte ihr jemand anderes: Violas Lebensgefährte.


„Ich begann langsam zu verstehen, daß ich mich, daß Max und ich uns beide in einer ungesunden Abhängigkeit voneinander befunden haben. Ich sagte immer, daß es mir gut geht, wenn es meinem Sohn gut geht. Und plötzlich dachte ich, was ich ihm damit eigentlich unbewußt für eine riesengroße Verantwortung aufgebürdet habe.


Zu mir sagten dafür immer alle aufmuntert: Wenn das jemand schafft, dann Du! Mir wurde auch bewußt, was diese gut gemeinten Worte wiederum für einen enormen Druck auf mich ausgelöst hatten. Ich wollte und konnte das nicht mehr hören! Ich war verzweifelt, ausgebrannt und ratlos.“


Viola entwickelte große Schuldgefühle ihrem Sohn, aber auch ihrem Partner gegenüber. Sie sagte zu ihm: „Wahrscheinlich habe ich meinen Sohn versaut und Du mußt es auch noch mittragen.“ Sie fühlte sich als Versagerin und warf sich vor, ihrem Sohn zu wenig Grenzen gesetzt und zu wenig Halt gegeben zu haben. „Ich bin generell sehr tolerant und war für ihn vielleicht zu sehr Kumpel, anstatt Mutter.“


Nicht nur das Leben ihres Sohnes stand auf der Kippe, sondern auch ihre Beziehung war kurz vor dem Aus.


Max, der sich in einem absolut alarmierendem Zustand befand, stand nun auf der Warteliste für eine stationäre Therapie. Die Polizei hatte automatisch das Jugendamt eingeschaltet und die Mühlen hatten begonnen zu mahlen.


Aber nur sehr langsam.


Man sagte Viola, sie könne voraussichtlich in zwei bis drei Monaten mit einem freien Patz für ihren Sohn rechnen, was dazu führte, daß sie vor Sorge und Angst, was bis dahin alles passieren konnte, beinahe durchgedreht ist.


„Was, wenn er sich bis dahin längst tot gesoffen hat?“


Aber es half nichts. Es war kein Platz frei. Also versuchte sie den Griff zur Flasche zu verhindern und ihren Sohn davon abzuhalten abzuhauen… 24/7… aber natürlich gelang es Viola nicht. Es konnte ihr gar nicht gelingen.


Viola holte, während sie mir all das erzählte immer wieder tief Luft. So auch jetzt. Nach einer kurzen Pause erzählte sie mir von einer Dame von der Erziehungsberatung. „Die Gespräche mit ihr waren mir eine unendlich große Hilfe.“


„Sie sagte damals einen Satz zu mir, der mir ein Stück weit die Augen geöffnet hat: Frau M., Sie können nicht Polizei, Therapeutin und Mutter auf einmal sein.“


Zu dieser Zeit bot man uns zur Überbrückung bis zu Maxs Klinikaufenthalt einen wöchentlichen Termin für ihn an. „Ich hätte wirklich nach jedem Strohhalm gegriffen und schickte ihn umgehend zum Gespräch dorthin.“ Aber auch dieser kleine Hoffnungsanker erwies sich leider als Schall und Rauch. „Max wußte was er der Therapeutin erzählen mußte, damit sie „zufrieden“ war und kam anschließend betrunken nach Hause.“


Irgendwann waren wir alle absolut am Ende.


Mein Sohn stand damals plötzlich vor mir und fragte mich:


„Mama, was muß ich tun, damit ich endlich in die Klinik komme? Ich kann nicht mehr!“


In seiner Verzweiflung stürzte er kurz darauf mit den Worten aus dem Haus:

„Mama, ich tue das für uns!“


Viola, die ihren Sohn nicht aufhalten konnte rief bei der Polizei an und machte sich parallel zu ihnen alleine auf die Suche nach Max. Sie fuhr nachts um 1.00 Uhr mit dem Fahrrad alle Bahnhöfe und Parks ab, wo er sich damals gerne herumgetrieben hatte.


Es dauerte bis 4.00 Uhr morgens, als der erlösende Anruf der Beamten kam. Sie hatten Max gefundenen und in ein Krankenhaus eingeliefert.


Viola sollte am nächsten Tag mit seiner Versicherungskarte dorthin kommen. Als sie nur ein paar Stunden später völlig fertig durch die Gänge der Klinik lief, fielen ihr mehrere Polizeibeamte auf, die vor einem Zimmer standen.


Ich konnte förmlich sehen, wie Viola den Kopf schüttelte, als sie mir erzählte, daß sie in diesem Moment gedacht hat: „Die armen Eltern von dem Kind, daß von den Beamten eingeliefert wurde. Ich habe immer noch verzweifelt versucht, die Realität zu verdrängen. Aber als ich sein Zimmer betrat, war das definitiv nicht mehr möglich.“


„Mein Kind lag schlafend in einem Bett, an das seine Hände gefesselt waren.


Er hatte von den Handschellen seiner „Festnahme“ Striemen an den Handgelenken und zwei Polizisten waren bei ihm im Zimmer. Max hatte sich so heftig gewehrt und randaliert, daß sie keine andere Möglichkeit sahen, ihn in Sicherheit zu bringen.“


Ich konnte hören, wie Viola zu weinen beginnt. Sie entschuldigte sich und ich bat sie, sich ruhig Zeit zu nehmen. In diesem Moment kamen auch mir die Tränen…


Nach einer kurzen Pause holte sie tief Luft und fuhr fort: „Das war der schlimmste Moment für mich. Ich fragte mich: Warum habe ich Dich nicht beschützt? Wie konnte es denn nur soweit kommen?“


Der leitende Stationsarzt bat Viola zu einem Gespräch, in dem er sie ermutigte, ihren Sohn nicht aufzugeben, der so ein netter Junge sei. Viola flehte ihn daraufhin an, ob er ihm nicht direkt im Anschluß den heiß ersehnten Therapieplatz besorgen könne. „Ich kann wirklich nicht mehr!“


Er konnte.


Max wurde schon am nächsten Tag mit Polizeieskorte in eine spezialisierte Kinder - und Jugendklinik verlegt, wo er erst einmal entgiftete und noch in dem Glauben war, nach weiteren

drei Wochen sei die Sache erledigt.


Seine Mutter führte währenddessen Gespräche mit Therapeuten und Ärzten, die ihr dringend eine Langzeittherapie für Max ans Herz legten. Viola wollte davon allerdings auch nichts wissen. Sie hatte sich die empfohlene Einrichtung zwar angesehen, sich aber dagegen entschieden.


„Ich redete mir ein, daß ich das schon schaffe. Meinen Sohn dorthin zu schicken, kam mir, kam der „starken Viola“ wie eine Bankrotterklärung vor.“


Doch der Druck auf Viola nimmt zu. Ihr Partner warnte sie, daß Max endgültig rausfliegen würde, wenn es noch ein einziges Mal eskaliert: „Ich möchte ab sofort keine Polizei mehr in der Wohnung haben!“


In einer großen Beratungs - Runde mit Therapeuten, Ärzten und dem Jugendamt, redeten schließlich alle auf Viola ein, sie müsse Max unbedingt in diese Einrichtung schicken. Sie wehrte sich innerlich nach wie vor gegen diesen Vorschlag, bis sie von der Dame des Jugendamtes gefragt wurde, was denn eigentlich ihre Meinung dazu sei.


In diesem Moment brach ihre Gegenwehr komplett in sich zusammen.


Viola mußte weinen und sagte an ihren Sohn gewandt:

„Wir sind ein super Team und ich liebe Dich, aber wir

beide sind zu schwach.“


Die Entscheidung war gefallen.


Viola wollte die letzten Wochen der Sommerferien allerdings zusammen mit Max verbringen, bevor er seine mehrwöchige Therapie begann. Sie ließ ihn auf eigene Verantwortung aus der Klinik entlassen und fuhr mit ihm nach Südtirol zum Wandern. Sie suchte eine Unterkunft, von der aus er sich keinen Alkohol beschaffen konnte und genoß die gemeinsame Zeit mit ihrem Sohn sehr.


„Er war körperlich verständlicherweise in einem absolut desolatem Zustand, kam in den Bergen aber langsam wieder zu Kräften. Ich wußte schnell, daß dies die richtige Entscheidung gewesen war.“


Am 11. September 2019 brachte sie ihn dann in die ausgewählte Reha - Einrichtung. Die Therapeuten sahen in Max einen „harten Brocken“, waren aber zuversichtlich ihn zu „knacken“. Viola ahnte schnell, daß es nicht vorgesehen war, auch die Eltern in die Therapie einzubeziehen.


„Der Junge wird therapiert, aber was ist mit mir?“ Die Antwort der Therapeuten lautete: „Fr. M., Sie müssen sich um sich selber kümmern.“


Nachdem sie Max zu der Zeit noch nicht besuchen durfte, beschloß sie daraufhin mit ihrem Partner nach Südafrika zu fliegen.


Abstand gewinnen. Kraft tanken.


Doch dieser Plan wurde vom Lockdown durchkreuzt, der ihre Reise frühzeitig wie turbulent beendete. Wieder zurück in Deutschland durfte Viola Max alle zwei Wochen für eine Stunde besuchen. Beide trugen aufgrund von Corona einen Mundschutz, mußten Abstand halten und durften sich nicht umarmen. „Dabei wäre Körperkontakt aus meiner Sicht so wahnsinnig wichtig

für ihn gewesen. Es war hart. Für uns beide."


Max machte während der Therapie seinen Quali und sollte im Juli entlassen werden.


Seine Therapeuten waren der Meinung, daß der Junge keinen Fortschritte mehr machen würde und er es ohnehin nicht schaffen würde. Sie sagten Viola, daß er vermutlich noch „eine weitere Runde drehen müsse“.


Viola blieb nichts anderes übrig, als ihren Sohn abzuholen. Allerdings fasste sie den Entschluss ihm vorher einen Ausbildungsplatz zu besorgen, der ihn körperlich herausfordern sollte, so daß er abends hoffentlich ausgelastet nach Hause kommen würde. Über den Kreisjugendring München fand sie für Max eine Ausbildung zum Maler und Lackierer. Er unterschrieb seinen Vertrag am

10. September 2020.


Max ist heute 16 Jahre alt. Ihm macht seinen Ausbildung Spaß und er fühlt sich unter den anderen Jugendlichen, die wie er auch keine großen Chancen auf dem „normalen“ Markt hätten, extrem wohl. Er ist in der Berufsschule einer der Klassenbesten, treibt Sport und ernährt sich gesund. Und… er ist trocken!


Viola erlebt Max nach all den Turbulenzen extrem reflektiert. Er kann jede seiner Phasen nachvollziehen und sieht den Ursprung dieser Entwicklung in seinem mangelnden Selbstwert.

Zu seiner Mutter sagte er rückblickend:


„Mama, Du kannst nichts dafür. Du hast nichts falsch gemacht.“


Viola beendete ihre Geschichte an dieser Stelle mit den Worten: „Das ist aktuell unser Happy End.“ Ich sagte ihr, wie sehr das mich für sie freut. Viola fuhr fort:


„Ich habe noch viele Narben auf meinem Herzen, aber diese Erfahrungen haben meine Sicht auf diese Suchtproblematik und auf verhaltensauffällige Jugendliche verändert. Ich verurteile sie nicht mehr, sondern sehe ihre Hilflosigkeit. All das, hat meinen Blick extrem erweitert. Ich muß heute öfters an die Worte eines Polizisten denken, der damals zu mir sagte: „Die, die am lautesten Schreien, brauchen am meisten Liebe.“


Zum Schluß dieses wahnsinnig offenen, ehrlichen und emotionalen Gesprächs fragte ich Viola, was sie Eltern raten würde, die sich in derselben Situation befinden.


„Mir hätte es damals gut getan, mich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Ich habe mich geschämt und fühlte mich, als ob ich in einem Tunnel feststecke.


Es hätte mir sicher geholfen zu erkennen, daß ich mit diesem Thema nicht alleine bin.“




Heute studiert Viola soziale Arbeit mit späterer Spezialisierung auf Kinder- und Jugendarbeit, um anderen Betroffenen mit ihren gelebten Erfahrungen helfen zu können.


Hut ab und tausend Dank für dieses offene und bewegende Gespräch!


Du kannst Viola auf ihrem Instagram Account @viomaag kontaktieren.




Byebye Co - Abhängigkeit!

Alles Liebe,

Julia



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