Lebst Du im "Hier und Jetzt", oder im "Wenn und "Aber"?

Ich wollte gleich ins Bett gehen. Ich legte die Wolldecke auf dem Sofa zusammen, pustete alle Kerzen aus, stellte die Spülmaschine an, und schloß das gekippte Fenster in der Küche. Der Fernseher lief nebenbei. Als ich ihn gerade ausschalten wollte, begann eine Reportage über Tina Turner. Ich bin nicht direkt ein Fan, aber ich finde sie ist eine großartige Frau, empfinde sie als unfassbar sympathisch, charismatisch und im allerbesten Sinne energiegeladen. Während ich mein Laptop zuklappte, und begann, meine Bücher, Coaching - Unterlagen und den Papierkram des Tages aufzuräumen, wurde ich hellhörig. Schließlich stapelte ich alles unsortiert übereinander, setzte mich mit der Fernbedienung in der einen, und meinem Tee in der anderen Hand auf einen unserer vielen Hocker, um noch diesen einen Ausschnitt eines ihrer Konzerte zu Ende zu sehen. Doch dann wurde es so interessant, daß ich die Fernbedienung auf den Tisch legte, die Decke wieder aufklappte, und es mir auf dem Sofa gemütlich machte. Tina Turner erzählte von der Zeit nach der Trennung von Ike. Wie er sie während ihrer Ehe behandelt hat, ist ja kein Geheimnis. Und obwohl er sie verprügelt und gedemütigt hat, mußte sie sich, wie sie in diesem Film berichtete, wieder und wieder anhören, sie solle doch zur Vernunft kommen, und zu ihm zurückkehren!


SIE sollte zur Vernunft kommen? Heißt was...?


Mit einer Frau, die ihren gewalttätigen Ehemann verläßt stimmt etwas nicht? Eine Frau, oder

jeder Mensch, ist in einer unglücklichen Beziehung besser dran als alleine? Ich war wirklich fassungslos, als sie das erzählte. Einerseits fassungslos, andererseits auch hell auf begeistert, von dieser mutigen, starken Frau, die, als sie finanziell alles andere als fei war, die Opferrolle verließ, ihre Kinder packte, und sich auf die Suche nach ihrem authentischen Selbst, ihrem Lebensweg, und ihrem Glück gemacht hat. Sie hatte damals nicht mehr viel.


Keine Karriere. Keine Unterstützung. Keine Garantie. Stattdessen war Tina Turner von Menschen umgeben, die ihr einredeten, daß sie es alleine nicht schaffen würde, und sie ohne Ike an ihrer Seite als Sängerin keine Chance hätte.


Aber sie ließ sich nicht von ihrem Weg, und von ihrem Ziel, auf eigenen Beinen zu stehen abbringen, und kämpfte ganze zehn Jahre, bis ihr der Durchbruch als Solokünstlerin endlich gelang. Ein Auszug aus „Elf Minuten“, einem meiner Lieblingsbücher bringt es auf den Punkt…


"Ich habe die Wahl, entweder ein Opfer der Welt zu sein oder eine Abenteurerin auf der Suche nach ihrem Schatz. Es ist alles nur eine Frage, wie ich mein Leben angehe." Paulo Coelho


Nicht selten höre ich Menschen, eingeschlossen mich selber, sagen… ja der hat ja gut reden… die haben ja auch viel Geld… mit den Connections könnte ich auch… was kann ich schon erreichen… ich habe doch ohnehin keinen Einfluß und keine großartigen Möglichkeiten… bei mir ist es einfach komplizierter…mir fehlt ein besonderes Talent... papperlapapp! Wie oft sehen wir das Resultat jahrelanger, oder sogar jahrzehntelanger Arbeit, wenn wir annehmen, ein Mensch hätte ganz einfach ein leichteres, oder besseres Leben als wir selber, und rechtfertigen auf diese Weise, warum wir erst gar nicht loszugehen brauchen. Anstatt uns auf unsere Stärken, Ressourcen und Ziele zu fokussieren, verbringen wir viel zu viel Zeit damit, uns in einer, den Selbstwert zerstörenden Art und Weise, mit anderen zu vergleichen, und stürzen uns kopfüber in eine Spirale des Mangelgefühls.


Natürlich haben wir nicht alle dieselben Voraussetzungen, aber wir alle leben letztendlich die Summe unserer Entscheidungen, und müssen das Drehbuch unseres Lebens selber umschreiben, wenn uns nicht gefällt, was darin steht.


So einfach ist das nicht? Richtig. Aber das hat auch keiner behauptet. Tina Turner ist heute ein Weltstar, millionenschwer und scheinbar sehr glücklich verheiratet. All das wurde ihr aber auch nicht auf dem Silbertablett serviert. Stattdessen hat sie ihren Kritikern getrotzt, und an sich, ihre Stärke, ihr Talent und ihre Intuition geglaubt, als es sonst kaum jemand tat. Sie traf eine Entscheidung, und ließ sich, egal wie hart es damals für sie war, nicht einreden, sie wäre ohne ihren Mann nicht überlebensfähig. Zu hören, wie diese faszinierende Frau ihren Weg gegangen ist, hat mich zu Tränen gerührt. Diese gewaltige Power, gepaart mit Dankbarkeit, und dieser unfassbaren Bescheidenheit hat mich schlichtweg umgehauen! Diese faszinierende Frau hatte eine schwierige Kindheit, mußte erst kürzlich den Selbstmord ihres Sohnes verkraften, hatte mit einer schweren Krankheit zu kämpfen, und läßt dennoch kein bißchen Verbitterung mitschwingen, wenn sie über all das spricht.


Ich denke, daß Tina Turners großartiges Beispiel zeigt ,was alles möglich ist, wenn man seine sogenannte Komfortzone verläßt, und auf sein Herz hört.


Wie viele Menschen leiden ewig in unglücklichen, oder gar zerstörerischen, toxischen Beziehungen, ohne diese in Frage zu stellen? Wie viele Paare können wirklich von sich behaupten, eine erfüllte Beziehung zu führen, in der sie wachsen und sie selber sein können? Warum ziehen Menschen so oft die Einsamkeit zu zweit, der Option alleine glücklich zu sein, vor? Und warum halten so viele an einer kaputten Beziehung fest, ohne den echten Versuch zu starten, sie tatsächlich zu retten?


Auch ich spürte in meiner co - abhängigen Beziehung wie ich mich immer mehr verlor, sich alles zunehmend anstrengend, und irgendwie abgrundtief vergeblich anfühlte, die Kompromisse größer wurden, als es erträglich ist, und schaffte es trotzdem so lange nicht, ihn zu verlassen.


Ja, ich liebte ihn sehr, aber mit einer liebevollen Beziehung hatte das trotzdem nichts mehr zu tun. Meine Versuche ihn "zu retten", entwickelten sich zu einer regelrechten Selbstsabotage meinerseits.

Frei gewählt. Die enorme Energie meiner ständig unterdrückten Intuition, des Selbstbetrugs, der inkompatiblen Gefühle, des Schmerzes, und der verdrängten Inhalte, bahnte sich mehr und mehr ihren Weg. Als mir klar wurde, daß es an der Zeit war hinzusehen, und zuzuhören, was mir meine innere Stimme sagen wollte, fasste ich den Entschluss, dieses Suchtsystem, das bisher alles dafür getan hatte, sich selber zu erhalten, zu durchbrechen.


Bewegt sich nur ein Teil im System, bewegt sich zwangsläufig das ganze System.


Ich hörte damit auf, mich weiterhin bis zur Unkenntlichkeit zu verbiegen, und machte mir stattdessen Gedanken über mein Potential, und über meine Ängste, die mich bisher so gut in Schach gehalten hatten. Wenn man so will, half mir somit sein Alkoholismus, in meine dunklen Seiten zu blicken, und meinen „Schatten“, wie ihn der Schweizer Psychiater C. G. Jung genannt hat, anzusehen, anstatt weiterhin zu versuchen, ihn zu verdrängen. Ich erkannte, daß ich panische Angst davor gehabt hatte, alleine zu sein, und dafür sehr viel, zu viel, in Kauf genommen hatte. Doch als der Leidensdruck groß genug war, stellte ich mich der Herausforderung, mein Glück nicht weiterhin in die Verantwortung eines anderen Menschen zu übergeben. Ich ließ die Verantwortung, ihn vor dem Alkohol zu retten los, und begann, die Verantwortung für mein Leben zu übernehmen. Heute fühle ich mich emotional frei, weil ich, in jeder Beziehung, lieber ohne Beziehung lebe, als in einer, die mir nicht gut tut. Ich arbeite konstant daran, meinen "Schatten" als essenziellen Bestandteil der Gleichung:


„ICH + SCHATTEN = SELBST“ anzunehmen.


Ich verwende meine Energie heute lieber für das Empowern von Zielbildern, anstatt meine Identität aus dem Schmerz der Vergangenheit zu erschaffen. Ich habe losgelassen, was ich niemals beeinflussen konnte und konzentriere mich wieder auf den Wirkungsbereich meines eigenen Denken und Handelns.



"Erinnere dich an deine Träume und kämpfe für sie. Du musst wissen was du vom Leben willst. Es gibt nur eine Sache, die deinen Traum unmöglich macht: die Angst zu versagen."

Paulo Coelho



Byebye Co - Abhängigkeit!

Alles Liebe,

Julia






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