Heaven or Hell


Eine, der am häufigsten an mich gestellten Fragen lautet: „Was kann ICH tun, damit ER aufhört zu trinken?“ Die Antwort ist ernüchternd: "NICHTS!"


Auch ich stellte diese Frage, als es längst allerhöchste Zeit gewesen wäre, mich selber vor dem Ertrinken zu retten, anstatt weiterhin stoisch der Illusion nachzujagen, es sei meine Aufgabe seinen Kopf aus der Schlinge der Sucht zu ziehen, während meiner schon längst mit darin steckte.


Wenn ich heute, mit auch teilweise noch sehr jungen Frauen spreche, die mir erst die traurige Realität ihrer, von der Alkoholsucht ihres Partners dominierten Beziehung schildern, ich ihre Nervosität, ihre innere Zerrissenheit, ihre Ohnmacht und Erschöpfung, - an die ich mich so gut und mit Schrecken erinnere -, hören und spüren kann, weiß ich, daß es nicht lange dauern wird, bis sie mir eindringlich versichern werden, daß sie sich aber trotz allem keinesfalls trennen möchten.


Ihre Hoffnung klebt, genau wie früher bei mir, wie Pattex an ihrer gemeinsamen Zukunft, die sie sich unbeirrt in den allerschönsten Farben ausmalen. Auch ich versprach mir selber durch das ewige Durchhalten und Funktionieren das ganz große Glück.


Ich dachte, es wäre fatal aufzugeben, nachdem ich schon so lange gekämpft hatte. Was, wenn er dann „aufwachen“ würde und es kein Zurück mehr für uns gäbe. Im entscheidenden Moment glorifizierte ich ihn und die hübsch verpackte Idealvorstellung unserer zukünftigen Beziehung, die allerdings nur sehr wenig mit unserer tatsächlichen Realität zu tun hatte.


Ich lobte seine gute Seiten über den grünen Klee und ignorierte die, weitaus gewichtigeren unangenehmen Persönlichkeitsveränderungen, die eine Folge seiner Trinkerei waren. Und umso mehr sich das Wesen des Alkoholkranken zum Negativen verändert, er Dich manipuliert, unter der Gürtellinie angreift, belügt, alles, was Dich ausmacht durch den Dreck zieht, zielsicher Deinen wundesten Punkt findet, das verbale „Messer“ hineinjagt und langsam herumdreht, umso mehr stumpft man ab. Ich weiß, daß das die Krankheit ist. Aber es macht es für den Co - Abhängigen nicht besser.


Man lernt einzustecken und wird immer genügsamer, was keineswegs tugendhaft, sondern vielmehr ein Verrat an sich selber ist. Meine Seele wußte das längst uns mein Körper sendete Signale… ließ mir die Haare ausfallen, zeichnete dunkle Schatten unter meine Augen, ließ mich abnehmen und unkontrolliert in Tränen ausbrechen.


Aber ich schaute weg.


Hielt mir die Augen zu.


Nahm Schmerztabletten.


Rechtfertigte mich.


Rechtfertigte ihn.


Machte Kompromisse, die mehr als faul waren.


Ignorierte meine überbordende Müdigkeit, genau wie meine Enttäuschungen und meine Ängste.


Meine Bedürfnisse hatte ich schon längst über Board geworfen.


Schließlich brauchte er mich doch… und liebte mich (eigentlich) so sehr… er konnte ja nichts dafür… und war so lustig, liebevoll und absolut großartig wenn er (mal) nüchtern war.


Aber immer öfter trank er und dann war er es nicht mehr.


Was er allerdings zweifelsohne war: ein Meister darin, die Wahrheit so hinzudrehen, daß die anderen, ich oder die Umstände Schuld an seinem Griff zur Flasche und all den, daraus resultierenden Folgen hatten.


„Du weißt doch dass ich das nicht so meine… jetzt komm schon… willst Du uns jetzt (schon wieder) den Tag versauen? Das bringt doch jetzt nichts… ich brauche Dich doch…“


Er erinnerte sich oft an das meiste gar nicht mehr. Ich schon.


Aber anstatt einmal zu sehen was seine Alkoholsucht mit mir macht, redete er sich auf genau diese Krankheit heraus, die er ebenso gekonnt wie beharrlich leugnete, wenn es darum ging Verantwortung für sie zu übernehmen.


War der Scherbenhaufen seiner Trinkexzesse wieder einmal riesengroß, nutze er seine Alkoholsucht, als „Du kommst aus dem Gefängnis frei - Karte.“ Sie war sein Joker, um mich auch dann, wenn es nichts mehr schön zu reden gab, mundtot zu machen und mich dazu zu bringen, weiterhin zu funktionieren.


Ein bißchen Selbstmitleid garniert mit Schuldgefühlen für mich und als Topping seine riesengroßen Versprechen.


Es geht nicht um Schuld.


Die Schuldfrage zu stellen bringt keinen Menschen weiter. Sie läßt uns gegeneinander kämpfen, verbittern, auf der Stelle treten und Recht haben wollen.


Es geht darum Verantwortung für das eigene Denken und Handeln zu übernehmen. Doch diese Einsicht blieb bei ihm aus…


Nächste Runde…


Doch zum Glück begann ICH irgendwann wieder Verantwortung zu übernehmen, indem ich ihm seine, sowie seine Probleme und seine toxischen Beziehungen zurückgab und meinen Fokus wieder auf all das richtete, das tatsächlich im Einflussbereich meines Denkens und Handelns liegt.


Es half mir, mir die Frage zu stellen, ob DAS wirklich das Leben war, das ich leben wollte: ein Leben, das ein Kampf um den nächsten Griff zur Flasche war, darum dass ich es schaffte seine nette Seite hervorzuholen, unermüdlich zerschlagenes Porzellan zu kleben, regelmäßig meine emotionale Wunden zu verarzten und zu lächeln, auch wenn ich innerlich weinte.


Als mir letztens eine junge ( co - abhängige ) Frau schilderte, welche Zukunft sie sich „mit ihm“, trotz allem erhoffte, bat ich sie, sich einmal das, basierend auf ihrer aktuellen Realität, wahrscheinlichere Szenario ihrer Beziehung auszumalen… wenn sich, wie bisher nichts ändern sollte, er weiterhin tagelang abtaucht und sich wegschießt… eines Tages möglicherweise noch kleine Kinder im Spiel sind…


Es geht nicht darum sich gegen Deinen Partner zu entscheiden, sondern erst einmal für Dich. Es ist unerläßlich die Wahrheit

an- und die „rosarote“ Brille abzunehmen!


Folgen den Worten nachhaltige Taten, oder sind sie nicht mehr als Schall und Rauch?


Wie viele Jahre sollen noch verstreichen?


Wie lange bist Du noch bereit, Dich weiterhin als Rädchen in diesem Suchtsystem zu drehen? Möchtest Du Dich wirklich damit zufrieden geben, daß er Phasen hat, in denen er nicht (offensichtlich) trinkt und alles andere auf Deine to do Liste schreiben? Willst Du wirklich nächtelang aus Sorge wach liegen, Dein soziales Leben aus Eis legen, Angst haben, wenn seine Kumpels eine Sause planen, Ausreden nach Maß anfertigen, alles stehen und liegen lassen, um ihn betrunken einzusammeln, unendlich verständnisvoll und gleichzeitig mißtrauisch sein… wenn er den Müll rausträgt, oder wortlos aus dem Blickfeld verschwindet?


Ich wollte das alles irgendwann nicht mehr. Ich war auch nicht mehr bereit mein Glück bedingungslos an etwas zu knüpfen, das ich nicht beeinflussen kann und nie konnte: die Nüchternheit eines anderen Menschen.


Ich hörte eines Tages den Satz: "Wäre doch schön, wenn das schöne Leben endlich beginnt und mußte weinen." Ich wußte in diesem Moment, was zu tun war...


Heute weiß ich wieder wie es sich anfühlt, wenn man sich auf Augenhöhe begegnet, man respektvoll und wertschätzend behandelt und gesehen wird… und zwar nicht nur dann, wenn das Gegenüber gut drauf ist, oder etwas von einem will. Ich kann wieder nicht erreichbar sein, ohne daß es ein Drama nach sich zieht, oder mir der Mangel des anderen in Form verbaler Salven um die Ohren fliegt. Die Leichtigkeit, der Spaß und das Vertrauen sind zurück!


Lars Amend hat gesagt: „Manchmal muß man Menschen auch im echten Leben entflogen.“


Ich finde er hat absolut Recht.




Während ich diesen Text geschrieben habe, bekam ich eine WA von einer meiner ältesten Freundinnen. Sie schickte mir einen Link mit den Worten:


"Gerade an Dich gedacht! Hier ist ein Song für Dich…"


„Aufgeregt“ von Annen May Kantereit war Liebe auf den ersten Blick, denn er macht unfassbar gute Laune und bringt meine aktuelle Realität auf den Punkt:


Ich bin auf dem Weg… glücklich aufgeregt!



Byebye Co - Abhängigkeit!

Alles Liebe,

Julia





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