Es ist gut wie es ist.

Ich habe in Rolf Bollmann, einem 79 jährigen, trockenen Alkoholiker einen Mentor gefunden, der mir half die Krankheit Alkoholismus, sowie die Co - Abhängigkeit wirklich zu verstehen. Ich verbrachte eine Woche in seiner Finca auf Mallorca, wo er bis Ende 2018 Seminare für Alkoholiker anbot. Nachdem ich nicht locker ließ, wurde ich die erste co - abhängige Kursteilnehmerin, und lernte in dieser einen Woche in Spanien mehr über die Krankheit Alkoholismus, als in all den Jahren zuvor. Das war der Start für die Rückkehr zu meiner emotionalen Freiheit, die es mir ermöglichte, mich aus der Co - Abhängigkeit zu lösen.



Ich dachte darüber nach, was ich eigentlich unter Spiritualität verstand. Ich wurde mit diesem Begriff das erste Mal bewußt konfrontiert, als ich mir die Homepage der Finca Esperanza ansah. Dort stand geschrieben, daß die Therapie spirituell geprägt sei. Das Wort verursachte in mir allerdings eher diffuses Unbehagen als Hoffnung, und ich weiß noch, wie ich daraufhin begann, nach aufschlußreichen Erklärungen über die Bedeutung dieses, mir bisher unerschlossenen Begriffs zu googeln. Letztendlich fand ich aber keine wirklich befriedigende Antwort. In diesem Moment, als wir hier zusammen saßen und mit Rolf die einzelnen Schritte der anonymen Alkoholiker besprachen, wußte ich plötzlich warum. Mir wurde klar, daß es ganz einfach keine allgemein gültige Formel gibt.


Dadurch, daß ich mir die Frage stellte, was Spiritualität für mich bedeutet, löste ich automatisch den ersten Teil des Rätsels: jeder Mensch darf seine individuelle Antwort darauf finden.


Soweit ich wußte, gab es keine fundierten, wissenschaftlichen Abhandlungen zu diesem Thema, sondern vielmehr grobe Einigungen über die Auslegung. Ich dachte bei mir, daß es, so wie ich es bisher verstanden hatte, darum ging, zum Urvertrauen zurück zu finden, und sich mit der Göttlichkeit, und seiner eigenen Wahrheit, Liebe und Kraft zu verbinden. Dabei wurde in Rolfs Ausführungen immer betont, daß jeder ganz alleine festlegen könne, was er darunter versteht.


Denn das Göttliche sei in diesem Fall kein Dogma, sondern stünde für die Liebe in uns, und den Glauben an universelle Kräfte, die uns alle, zu unserem Wohl lenken würden.


Er erklärte uns in unzähligen Gesprächen, daß der eine Mensch es im Gebet in der Kirche finden konnte, ein anderer beim Meditieren am Strand, und der nächste beim Spaziergang im Wald. Er betonte wieder und wieder, daß das „Wie und Wo“ überhaupt keine Rolle spiele, und es nicht darum ging, daß alle dem Kind den gleichen Namen geben, um sich auf eine Institution oder eine Methode zu einigen. Ich mußte an mein Gespräch mit Rolf auf der Terrasse denken, wo er für mich noch in Rätseln gesprochen hatte, als er sagte ich sei bereits auf dem Weg, ohne es zu wissen. Jetzt verstand ich es.


Ich hatte es geschafft die Opferrolle zu verlassen und mir die Frage zu stellen, warum ich diese schlimmen Erlebnisse, die mein ganzes Leben durcheinander gewirbelt, meine Zukunftspläne zunichte gemacht, und all mein Ängste hochgekocht hatten, erfahren mußte. Ich hatte aufgehört, T. für mein Glück oder Unglück verantwortlich zu machen und mich der Herausforderung gestellt, es wieder in mir zu finden.


Ich kam zu dem Schluß, daß genau das die Bedeutung von Spiritualität war, wie ich sie verstand. Ich fühlte, daß es für mich darum ging, nicht aufzugeben wenn einem schlimme Dinge widerfahren, sondern sich die Frage zu stellen, warum wir diese Erfahrungen machen, und was uns das Leben damit sagen möchte. Spirituell zu sein heißt nicht Räucherstäbchen anzuzünden und seinen Namen zu tanzen, sondern daran zu glauben, daß alles was uns passiert, am Ende in etwas Positives, in etwas Kraftvolles transformiert werden kann, wodurch sich der Sinn, beziehungsweise das Geschenk, hinter den zunächst schlimmen Erschütterungen offenbaren kann. Ich dachte schmunzelnd bei mir, daß auch meine Oma ohne es zu wissen spirituell gedacht hat, denn sie sagte in Krisensituationen immer „Wer weiß für was es gut ist.“


Mir wurde klar, daß ich mich jahrelang verbogen, und mich immer mehr von meiner eigenen Essenz entfernt hatte.


Im Grunde genommen, wußte ich schon lange gar nicht mehr, wer ich eigentlich bin, und wohin ich will. Mir wurde bewußt, daß ich in meinem Leben nie alleine gewesen war, weil ich höllische Verlustängste hatte, die ich in der hintersten Ecke vergraben hatte, damit sie mich bloß nicht einschüchtern konnten. Durch die räumliche Trennung von T., das Loslassen - Müssen, und die Auseinandersetzung mit mir selber, wurde mir das zum ersten Mal richtig bewußt. Durch seine Krankheit wurde ich praktisch dazu gezwungen, auf eigenen Beinen zu stehen, alleine zu sein und es auszuhalten, um dann festzustellen, daß ich es überlebt habe. Und wie in einem Domino Effekt, tat sich ein unendlicher Rattenschwanz an blockierenden Glaubenssätzen, tief sitzenden Überzeugungen die mir nie gut getan haben, und vieler anderer Ängste auf, die ich ebenfalls tief vergraben hatte. Und dadurch passierte das Beste überhaupt. Ich war in meine Angst hinein gegangen, und hatte begonnen aufzuräumen. Ich habe nicht nur ein bisschen Staub von den Oberflächen gewischt, sondern ich nahm alles in die Hand, hob jeden Teppich hoch, und war dabei, in alle noch so düsteren Ecken zu blicken. Als der erste schwere Schritt getan war, war der Prozeß in Gang gesetzt, und somit ging es immer einfacher, da ich ziemlich schnell die Erleichterung, die regelrechte Befreiung in meinem Inneren spüren konnte. Ich begann zu begreifen, daß ich ohne es zu wissen, felsenfest daran geglaubt hatte, ohne gegenseitige Abhängigkeit als Bindung nicht überleben zu können, und ich somit durch dieses Gedanken - Gefängnis meine Realität mit - erschaffen hatte.


Mir wurde immer klarer, daß unser Leben, die Situation in der wir uns befinden, letztendlich die Summe unserer Entscheidungen ist.


Es ist immer leichter die Verantwortung abzugeben, indem wir jemand anderem die Schuld in die Schuhe schieben. Aber auch den untreuen Ehemann hat sich die Frau irgendwann einmal selber ausgesucht, und sie entscheidet auch heute wieder ganz alleine, ob sie bleibt oder geht. Wenn wir seit Jahren von unserem Chef drangsaliert werden, ist es an uns, uns beruflich zu verändern. Auch wenn der Weg zunächst steinig und schwer wird, können wir uns entscheiden neu zu wählen. Das Bewusstsein, das Veränderung niemals ohne Emotionen stattfindet, kann sehr hilfreich sein, sich nicht von diesen einschüchtern, und am Losgehen hindern zu lassen.


Es liegt bei uns, ob wir das gemütliche Elend der wohl bekannten Komfortzone einem Neubeginn vorziehen, oder nicht. Aber für einen neuen, unbekannten Weg müssen wir unsere Angst vor der Angst überwinden, was wir genau mit diesem Urvertrauen schaffen.


Keiner möchte das hören, aber ich denke es ist die Wahrheit. Niemand hat mich gezwungen die Krankheit auszublenden, die inneren Stimmen, die von Anfang an da waren zu ignorieren. Keiner hat mir gesagt ich müsse 24/7 funktionieren um geliebt zu werden, und hat von mir verlangt mich komplett aufzugeben. Außer ich selber.


Heute entscheide ich mich mithilfe meiner persönlichen Interpretation von Spiritualität, daß ich nie wieder aufgrund irgendwelcher Ängste unter meinem Potential leben möchte.


Und wenn es doch wieder einmal verlockend ist, mit den Umständen oder dem Schicksal zu hadern, und ich spüre, wie ich dabei bin, mich von der Fülle in den Mangel zu begeben, höre ich „Das hat die Welt noch nicht gesehen“ von den Söhnen Mannheims. Früher war es für mich nur ein schöner Song, heute verstehe ich seine Bedeutung, und sie macht mich glücklich.



Doch es ist gut wie es ist

Der Mensch lernt nur, wenn er Scheiße frisst

Sonst reift er nicht

Er weiß doch nichts

Ich weiß noch nicht

Wann verstreicht die Frist?


Das hat die Welt noch nicht gesehen

Trotzdem ist Liebe wunderschön

Ist unsichtbar und trotzdem da

Freude und Leid das ganze Jahr

Man nimmt das Leben sonst nicht wahr


Ich lauf des öfteren Gefahr

Zu vergessen wie schön das Leben bisher war...


Söhne Mannheims





Byebye Co - Abhängigkeit!

Alles Liebe,

Julia




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