Erinnerst Du Dich...?

"Vereinfacht gesagt glaubst Du daran, dass Dinge oder Menschen Dich unglücklich machen, aber das ist nicht richtig. Du selbst machst Dich unglücklich." Dr. Wayne Dyer



Manchmal fällt es schwer sich zu erinnern… daran wer man war, bevor man schmerzvolle Erfahrungen gemacht hat, an die unbeschwerten, sorgenfreien Tage, bevor man von Menschen enttäuscht wurde, von denen man es nicht erwartet hätte, jene Tage, in denen wir wenig Verantwortung, aber dafür umso mehr Leichtigkeit und Mut besassen, die Zeit, bevor Träume zerplatzt sind. Es gibt Phasen, in denen wir es nicht schaffen, die Erinnerung daran zu wecken, wer wir waren, bevor wir uns irgendwo auf dem Weg verloren, und begonnen haben, uns verunsichern zu lassen, an uns zu zweifeln, die Meinung anderer über die eigene zu stellen, uns in eine Opferrolle zu begeben, der Angst bedingungslos zu folgen, und tatsächlich zu glauben, wir hätten keine Wahl. Es fällt schwer sich daran zu erinnern, was einen ausgemacht hat, als man seinem authentischen Selbst noch nah war, was einem Spaß gemacht, worin man richtig gut war, wovon man geträumt, wofür man gebrannt hat, und wie toll es sich angefühlt hat, es nicht immer allen recht machen zu wollen.


Mein Weg aus der Co - Abhängigkeit hat mich gezwungen, oder mir vielmehr ermöglicht, mir wieder all dessen bewußt zu werden.


Ich erinnere mich im Zuge dieser Entwicklung gerade an sehr vieles, auch daran, daß ich entscheiden kann. So entschied ich mich vor zwei Wochen ganz spontan, mit meinen Kindern alleine zu verreisen. Keine Freunde, keine Familie, und natürlich auch kein T… nur wir drei. Und obwohl wir so weit weg von zu Hause sind, an einem Ort, an dem wir noch niemals zuvor waren, sind die Erinnerungen an ihn hier so klar und stark, wie selten seit unserer Trennung. Ständig erinnert mich etwas an ihn, an uns, und an unsere vielen wunderschönen gemeinsamen Reisen. Fast alles, was ich dabei habe, jedes Kleid, die Handtaschen, meine Armbänder und sogar die Schuhe die ich trage, haben wir zusammen gekauft… oder er hat sie mir geschenkt. Jedes einzelne Teil trug ich mindestens in einem unserer vielen gemeinsamen Urlaube, oder den unzähligen Sommertagen, die wir beide am See verbrachten. Zu Hause habe ich mich bereits daran gewöhnt, daß er nicht mehr Teil meines Lebens ist, doch hier in Marocco fällt mir wieder auf, daß es „UNS“ nicht mehr gibt. Ich erinnere mich ausgerechnet hier, an diesem Ort, mit dem ich bisher nichts verbinde, an unseren ersten gemeinsamen, frisch verliebten Urlaub in Bodrum, an unseren verrückten Tag in Istanbul, an die ersten Ferien mit den Kindern auf Ibiza, an unsere heiß geliebten Städtetrips, und daran, wie T. den Kindern beigebracht hat, im Tiefschnee Ski zu fahren. All unsere Urlaube verliefen ohne Dramen, und dennoch erinnere ich mich heute nicht nur an die schönen, sondern auch an die vielen Momente der Unsicherheit, Momente in denen ich ahnte, daß er heimlich etwas getrunken hatte, oder befürchtet hatte, er könnte, seitdem er aus meinem Blickfeld verschwunden war, zur Flasche greifen. Am Flughafen, im Flugzeug, am Strand, im Hotel… wenn er sagte, er würde in der Lobby auf mich warten. Es war nie so viel, daß er betrunken war, oder es ihm eine Fremder angemerkt hätte, aber ich wußte, was jeder Schluck in naher Zukunft bedeuten, welche Lawine er lostreten würde, wenn wir wieder zu Hause in unserem Alltag waren.


Ein Alkoholiker kann genauso wenig ein bißchen trocken sein, wie er im Stande ist, kontrolliert zu trinken.


Ich erinnere mich an die vielen Situationen, in denen sich mein Bauchgefühl gemeldet hatte, und ich die Wahl getroffen hatte, mir die Ohren zuzuhalten. Ich wußte, daß es nichts ändern würde, wenn ich meine Vermutung aussprach, ich ihm ins Gesicht gesagt hätte, daß ich das Bier, das er heimlich getrunken hatte, riechen konnte. Also schwieg ich, machte gute Miene zum bösen Spiel, um nicht auch noch die Harmonie der Ferien zu gefährden. Ich redete mir ein, daß ich mich ja möglicherweise dieses eine Mal getäuscht hatte. Ich machte mir etwas vor, um vor mir selber zu rechtfertigen, daß ich keine Konsequenzen zog.


Heute erinnere ich mich außerdem an einen Satz von

Dr. Wayne Dyer, der lautet: „Jedem Gefühl geht ein Gedanke voraus.“, und entscheide mich, rückblickend nicht alles was war zu verherrlichen, um heute richtig elendig leiden zu können. Ebenso wenig entscheide ich mich für den Gedanken, daß alles schlecht war, was dasselbe bewirken würde: mich nachhaltig wütend, traurig oder am Ende sogar verbittert zu fühlen.


Stattdessen bin ich heute im Stande mich ebenso an die vielen schönen Momente, wie an all die, vom Alkohol verursachten, großen und kleineren Dramen zu erinnern… an den Schmerz, an die vielen Enttäuschungen, unsere tiefe Verbundenheit, die Manipulation, die grenzenlose Verzweiflung, die Höhenflüge und die Abstürze. Ich entscheide mich jetzt dafür, weder alles was wir hatten zu glorifizieren, noch dazu, alles zu verteufeln.


Ich möchte mich an diese wichtige Zeit in meinem Leben erinnern können, ohne daß es mich im Hier und Jetzt belastet.


Während ich mir ein Kleid überziehe, daß wir vor ein paar Jahren in einem winzigen Laden auf Sardinien entdeckt haben, und die Jungs beim Schwimmen beobachte, bemerke ich den Schmuckstand im Schatten der Palmen.


Ich habe Lust auf eine ganz neue Urlaubserinnerung, eine Erinnerung, die nur mir und meinen Kindern gehört.


Ich binde mir die Haare zusammen und schnappe meine Tasche, um mir aus der Nähe anzusehen, was der alte Mann mit dem schwarzen Haar verkauft. Er begrüßt mich mit einem Lächeln, daß seine Zahnlücken preisgibt, und ich versuche mich, aufgrund der bisher unangenehm aufdringlichen Verkäufer, kurz angebunden und möglichst unverbindlich zu geben. Als ich gerade umdrehen will, entdecke ich einen kleinen hübschen Ring. Als ich ihn von dem, mit dunkelblauem Samt bezogenen Board nehme, um ihn anzuprobieren, sagt der Verkäufer, daß das die Hand der Fatima sei. Und obwohl ich sie kenne, schweige ich, und lasse ihn fortfahren: „sie bringt Glück und schützt Dich vor bösen Blicken.“


Um zu verhindern, daß er versuchen würde mir tausend andere Sachen anzudrehen, legte ich den Ring schnell zurück, und erklärte, daß ich es mir noch überlegen wolle.


Da sah er mich an, nickte freundlich und sagte: „Du bist frei… frei wie ein Vogel“, nickte erneut, und zog sich wortlos zurück.


Ich erwiderte sein Nicken, zog den Ring von meinem Finger, und ging zur Beachbar. Ich spürte, wie seine Worte in mir nachhallten. Während ich auf meinen marokkanischen Kaffee wartete, erfüllte mich plötzlich eine regelrechte Welle der Dankbarkeit. Ich freute mich so sehr darüber, daß mich dieser zahnlose, freundliche Alte wieder daran erinnert hatte, daß ich tatsächlich frei war, es nur zwischendurch immer wider vergaß.


Ich musste an eine weitere Zeile denken, die ich einmal gelesen hatte: „Es geht um Ihr Leben; machen Sie daraus was sie wollen.“


Ich trank aus, bezahlte, kaufte den Ring, und reservierte einen Tisch in dem hübschen Restaurant mit Meerblick. Als die Jungs und ich am frühen Nachmittag unter den großen weißen Sonnenschirmen Platz nahmen, und die Speisekarte studierten, ging plötzlich die Musik an. In diesem Moment schien alles perfekt. Wir hatten einen Platz im Schatten, der Tisch war liebevoll mit weißen Läufern, Stoffservietten und schönem Geschirr gedeckt, der Kellner war überaus zuvorkommend, die Oliven schmeckten himmlisch, die herüber wehende Meeresbrise brachte die erwünschte Abkühlung in der Mittagshitze, ein Gericht klang köstlicher als das andere, und wir hatten freien Blick auf den, zu dieser Tageszeit, beinahe menschenleeren Strand. Die Musik stockte kurz, und nach einer kleinen Pause erklang etwas anderes. Ein Album, das ich auch habe, das ich wunderschön finde, und trotzdem komplett vergessen hatte: Acoustic Soul von India Arie. Mit Fatimas Hand in meinem Zeigefinger nahm ich das eisgekühlte Wasserglas, trank einen Schluck, und wurde, dank des Songs „Video“ an eine der schönsten Zeiten meines Lebens erinnert. Eine Zeit ohne Alkoholismus, oder Co - Abhängigkeit… eine Zeit, in der ich mit dem besten und lustigsten Team, das man sich wünschen kann, als Redakteurin jeden Februar nach Kapstadt fliegen durfte, um dort unsere Sommer - Modestrecken zu produzieren, während wir diese CD rauf und runter hörten.


Als ich diesem vertrauten, wie lange vergessenen Lied lauschte, und die Jungs eine streunende Katze streichelten, dachte ich daran, wie dankbar ich bin, daß ich es geschafft hatte, ohne Verbitterung, in Liebe loszulassen…


...T., unsere Zukunfstpläne, meinen Schmerz, die Enttäuschungen und die Vorwürfe. Ich bin dankbar für die schönen Zeiten die wir hatten, für die Erfahrungen, die mich haben wachsen lassen, für die gemeinsamen Reisen, und für die wundervollen Menschen, die ich durch ihn kennenlernen durfte.


Den anderen, die unseren Weg, wo sie nur konnten erschwert, und uns Knüppel zwischen die Beine geworfen haben, bin ich dankbar dafür, daß sie mir gezeigt haben, wie ich NIE - MALS

werden möchte.


„I learned to love myself unconditionally“ India Arie



Byebye Co - Abhängigkeit!

Alles Liebe,

Julia





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