Die ersten Anzeichen...


Es ist schlimm, wenn Beziehungen an Alkoholismus zerbrechen. Noch schlimmer erscheint es mir allerdings, wenn Menschen aufgrund, und in einer Beziehung zerbrechen.




Rückblickend zeigten sich die Anzeichen seiner Alkoholsucht schon sehr früh, aber ich erkannte sie damals nicht als solche. Oder vielleicht wollte ich sie nicht erkennen. Ich weiß es nicht genau.


Am Anfang unserer Beziehung war er fit, lustig, und gut drauf wenn wir uns sahen, sorgte aber beispielsweise immer dafür, daß maximal ein bis zwei Weinflaschen vorhanden waren, wenn wir mit dem Boot unterwegs waren, oder er mich zum Essen einlud.


Nicht, daß, man zu zweit mehr als das, oder überhaupt zwingend Alkohol für ein Date bräuchte, aber ich wunderte mich damals schon ein bißchen darüber, daß ein Gastronom, der Koch ist, und dessen Familie ein Weingut besitzt, bei jeder Essens - Einladung, ganz genau zwei Flaschen Wein im Haus hat, und nicht, wie ich aufgrund seines Berufes angenommen hätte, immer eine kleine Auswahl seiner Lieblingsweine vorhanden war. Später wußte ich warum.


Er kannte sich und sein "Problem", und wollte sich selber davor schützen.


Ich erinnere mich außerdem an ein Frühstück, bei dem er extrem zitterte und schwitzte. Der Schweiß tropfte ohne Unterlaß von seinem Gesicht auf die blank polierte Tischplatte. Es war ihm sichtlich unangenehm, er war sehr unruhig und nervös, und wiegelte mein besorgtes Nachfragen, was denn los sei, ob es ihm nicht gut ginge, sehr schroff ab. Auch diese Situation war mir später klar.


Am Abend vor unserem ersten Date rief er mich gegen Mitternacht an, er war ziemlich betrunken und fragte ob ich auch wirklich kommen würde. Er wiederholte sich ständig, sagte er hätte Angst dass ich ihn versetze, und sei sehr aufgeregt… Damals fand ich das irgendwie sympathisch und schmeichelhaft. Ich dachte mir nicht viel dabei.


Irgendwann ergaben die vielen kleinen Ungereimtheiten, die ich zu Anfang nicht ernst nahm, ein klares Bild. Doch bis es soweit war, war es ein langer, schleichender Prozeß.


Ich weiß nicht mehr, wann es für mich fast zur Normalität geworden war, daß T. schon tagsüber kolossal betrunken war, völlig derangiert durch das Hotel torkelte, aufgrund seines immensen Alkoholkonsums immer häufiger stürzte, sich verletzte, seine Persönlichkeit begann sich unangenehm zu verändern, ich seine Autoschlüssel versteckte, und er für mich in gewisser Weise unberechenbar wurde. Im Zuge dessen, fing ich an, Einladungen und Verabredungen abzusagen, während ich mir vormachte, das sei meine freie Entscheidung, und ich den wahren Grund stoisch ausblendete: T. war offensichtlich ein Alkoholiker, aber ich wollte das nicht wahrhaben. Denn niemand möchte mit dem regelrechten Stigma dieser Krankheit in Zusammenhang stehen, oder riskieren, daß auch die Freude über den eigenen Konsum in irgendeiner Weise getrübt wird. Wenn wir ahnen, daß ein Mensch, der uns nahesteht, oder den wir sogar lieben alkoholsüchtig ist, neigen wir aus meiner Erfahrung zunächst einmal dazu, das Ganze zu verleugnen und zu bagatellisieren.


„Schließlich trinkt ja jeder einmal einen über den Durst… und es war ja auch ganz schön stressig in letzter Zeit… Außerdem trinkt er/ sie „nur“ abends, oder „nur“ in Gesellschft, und keinen Schnaps, sondern „nur“ Wein oder Bier, …und wer jeden Tag seinen Job macht, ist ja sowieso kein Alkoholiker.“


Von wegen!


Das Trinkverhalten bei einer Alkoholkonsumstörung ist so individuell wie der Mensch selber, und den Alkoholiker findet man eben nicht nur arbeitslos unter der Brücke. Alkoholismus ist eine Krankheit, die sich ausnahmslos durch alle Schichten der Gesellschaft zieht, und Menschen jeder Berufsgruppe, jeden Bildungsgrades, und in jeder nur erdenklichen Lebenssituation treffen kann.


Und je früher wir uns trauen, der schmerzvollen Wahrheit in die Augen zu sehen, wenn wir betroffen sind, umso schneller können wir handeln. Und das ist äußerst wichtig! Alles andere wird nur dazu beitragen, das zerstörerische Suchtsystem zu stabilisieren. Alkoholismus kann man nicht „aussitzen“. Es handelt sich nicht um einen Schnupfen, der wieder von alleine verschwindet.


Ist man erst einmal co - abhängig, bedeutet das, daß das eigene Leben, Handeln, und Wohlbefinden komplett von der Alkoholsucht des Kranken gesteuert wird. Aus Scham, Unwissenheit, und Überforderung, versucht man nach "Außen" den Schein zu wahren, und alles am Laufen zu halten. Dieser permanente Druck, die Unsicherheit, die Angst, und der Alltag, der zwangsläufig zu einer Zerreißprobe wird, wirken sich über kurz oder lang nicht nur auf das Gemüt, sondern natürlich auch auf die Gesundheit des Co - Abhängigen aus. Doch bewegt sich nur ein Teil im System, hält der Co - Abhängige es nicht mehr am Laufen, bewegt sich zwangsläufig das ganze System, wird eine Umkehr möglich.


Aber da ich damals noch unendlich weit von dieser Erkenntnis entfernt war, erzählte ich mir Geschichten, die mich darin bestätigen sollten, weiterhin unbeirrt an meinem bisherigen Verhalten, und an dieser Beziehung, im Glauben an eine glückliche, gemeinsame Zukunft festzuhalten.


In Wahrheit war ich ziemlich schnell eine Gefangene meiner Angst, und seiner Probleme geworden. Ich wollte mir nicht eingestehen, wie ich mich Stück für Stück selber verlor, wie sich nach und nach alles, was mich ausmacht in Luft auflöste, und wie meine Unbeschwertheit langsam aber sicher, einer permanenten Habachtstellung wich.


Ich wurde mehr und mehr zur Meisterin des Vertuschens und des Geradebiegens, fertigte aus dem Stegreif maßgefertigte Ausreden, und Selbstsabotage wurde zu meiner Königsdisziplin.


So zerstörerisch und toxisch dieser Zustand auch war, wurde er für mich vertraut, und in gewisser Weise zur „Normalität“. Ich entwickelte Taktiken und verschiedene Mechanismen, um den Schein zu wahren, alles so gut es ging am Laufen, und die Kinder aus der Schusslinie zu halten. Ich arrangierte mich mit einer Realität, die ich mir in gewisser Weise selber mit - erschaffen hatte, und die mehr und mehr, vom Alkohol, und der Sucht meines Partners kontrolliert wurde. Ich fokussierte meine Aufmerksamkeit auf die schönen Momente, und steckte meine gesamte Energie in den verzweifelten Versuch T. zu retten, ihn vor sich selber zu beschützen, den nächsten großen Crash zu verhindern, und vorherzusehen, was ihn zum Straucheln bringen könnte, um es abzuwenden.


Ich klammerte mich an die Illusion, ich könne den nächsten „ersten Schluck“ verhindern, oder mich zumindest darauf einstellen. Die Wahrheit ist, man kann weder das eine, noch das andere.


Ich kreiste ziemlich schnell nur noch um ihn, und war davon überzeugt, ich könnte dieser heimtückischen Krankheit von aussen nach innen den Gar aus machen, indem ich die Umstände so gestalte, daß es für ihn ganz einfach keine Auslöser zum Trinken mehr gibt. Natürlich hat das nicht funktioniert. Es funktioniert übrigens nie von aussen nach innen, sondern immer nur von innen nach aussen. Aber damals fühlte ich mich einfach für alles verantwortlich, auch dafür, die Scherbenhaufen, die sich nach den Rückfällen mehr oder weniger groß auftürmten, so gut es ging zu beseitigen.


Heute weiß ich, daß ich einen Kampf gekämpft habe, den man nicht gewinnen kann. Nicht auf diesem Weg.


Als ich mittendrin steckte, buchstäblich bis zum Hals, tat ich alles um zu helfen, zu vertuschen, zu leugnen. Daß ich somit genau das Gegenteil bewirkte, nämlich ein krankes System aufrecht zu erhalten und ich mich währenddessen gleichzeitig selber zerstörte, wurde mir erst sehr viel später klar.



"Wenn Du Dein Hier und Jetzt unerträglich findest und es Dich unglücklich macht, dann gibt es drei Möglichkeiten: Verlasse die Situation, verändere sie, oder akzeptiere sie ganz."


Eckhart Tolle




Byebye Co - Abhängigkeit!

Alles Liebe,

Julia





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