Der Beweis.


Eines abends erreichte mich folgende Nachricht:


„Mein Mann ist Alkoholiker, doch zur Zeit ist er eigentlich trocken. Heute habe ich allerdings das Gefühl, daß er getrunken hat, aber ich möchte ihm keinesfalls Unrecht tun, schließlich habe ich keinen Beweis."


Ich antwortete:


„Ohne Dich, oder Deinen Mann zu kennen, kann ich Dir versichern, daß er heute getrunken hat, wenn Du das Gefühl hast.“


Und so war es leider auch. Woher ich das so bestimmt wußte?


Ich war selber Partnerin eines Alkoholikers, der seine Krankheit leugnete, bagatellisierte, heimlich trank und mir mit Fahne ins Gesicht log.

All das ist Teil der Krankheit, ganz genau so, wie das Zweifeln an der eigenen Wahrnehmung Teil der Co - Abhängigkeit ist. Der Suchtkranke manipuliert, leugnet, wird gemein und verletzend und macht Schuldzuweisungen, wenn Du der Wahrheit, daß er den Alkohol nicht kontrollieren kann, zu Nahe kommst. Um seine Beziehung zur Flasche zu verteidigen und das Suchtsystem, in dem er weiterhin trinken kann am Laufen zu halten, tut er alles.


Und je unsicherer und ängstlicher der Co - Abhängige wird, umso stabiler wird dieses System, da Angst, Scham und Isolation der perfekte Nährboden sind, auf dem die (beidseitige) Abhängigkeit bestens gedeihen kann, während gleichzeitig jede Augenhöhe einer erfüllten, gesunden Beziehung, verloren geht.

Anstatt also eine klare erwachsene Haltung einzunehmen und zu sagen:


„Ich bemerke, daß du wieder trinkst“, fühlt sich der Co - Abhängige häufig schon bei diesem Gedanken schuldig, oder zumindest unwohl in seiner Haut und fürchtet zudem die Reaktion des Partners, oder die Folgen eines absehbaren Streits, der dazu dienen soll, vom Thema abzulenken. In Konsequenz sucht der Co - Abhängige nicht selten nach dem Beweis, da dies zunächst einmal Zeit verschafft, um…


… kurz darauf festzustellen, daß man doch richtig lag.


Denn in Wahrheit braucht man weder einen Alkomat noch einen Arzt, der den Promille Pegel im Blut misst: man erkennt den (heimlichen) Griff zur Flasche am Blick, an der Sprache, an der veränderten Persönlichkeit, an den Bewegungen, an der Heimlichtuerei, am sich Davonschleichen und im Zweifel an der Fahne…

„Aber vielleicht riecht er nur so wegen dem Rasierwasser in Kombination mit einem scharfen Bonbon? Vielleicht ist der leere Blick ein Zeichen überbordender Müdigkeit und seine Aggression nur durch den Stress im Job verursacht?“


Das ist es nicht.

Und Du weiß das auch.

Eigentlich.

Du kennst Deinen Partner in und auswendig. Du kannst sehr gut unterscheiden, ob er müde, gestresst oder betrunken ist.

Eigentlich.

Aber Du hast begonnen, deine Intuition wie selbstverständlich in Frage zu stellen und den "Fehler" automatisch bei Dir zu suchen. Du lässt dich immer leichter verunsichern, Dir Schuldgefühle machen und siehst zu, wie Deine Grenzen überschritten werden.


Du sagst „ja“, wenn Du „nein“ meinst und beteuerst, daß Du vertraust, auch wenn Du es nicht fühlst. Schließlich hat Dein Partner es verdient, daß Du zu ihm stehst, auch wenn das bedeutet Dich selber zu verraten.

Also schweigst Du und wahrst den Schein. Du lernst zu lächeln, auch wenn Du innerlich weinst. Du versuchst eine Harmonie aufrechtzuerhalten, die längst nicht mehr existiert, obwohl es Dich innerlich längst vor Wut und Enttäuschung zerreißt.


Irgendwann ist er (wieder) da, der große Crash: betrunkene Autofahrt, Kündigung, Polizei im Haus, Geschrei, Tränen, Stürze, Entzug…

… jetzt sitzt Dein Partner vor Dir und weint, fleht Dich an ihm noch eine allerletzte Chance zu geben und gibt sich einsichtig:


„Du kannst mich nicht einfach so im Stich lassen… ich brauche Dich doch und sehe ein, daß ich ein Alkoholproblem habe… wirklich… ab jetzt wird alles anders… ich werde etwas unternehmen… AA/Blaues Kreuz/Therapie… Hand aufs Herz!“


Jetzt fühlst Du Dich gebraucht und geliebt und glaubst, was Du so gerne glauben möchtest: Dein Partner hat eingesehen, daß er nicht kontrolliert trinken kann und er Hilfe auf dem Weg, zu einem nachhaltig nüchternen Leben, braucht. Du gibst ihm noch eine allerletzte Chance, wenn/weil er es jetzt ernsthaft angeht. Die fünf Tage des Entzuges sind schneller vorüber, als Du Dich ansatzweise erholen kannst und er erklärt Dir nun, daß er den Rest alleine schafft.


Wie jetzt?

Du bist mißtrauisch, fragst ganz vorsichtig nach, was denn plötzlich aus all den Vorsätzen wie AA/Blaues Kreuz/Therapie geworden ist?

„Das bringt alles nichts. Ich kann das alleine… oder traust Du mir das etwa nicht zu?“


Jetzt wird ganz automatisch Dein schlechtes Gewissen aktiviert. Du möchtest nicht diejenige sein, die ihm das nicht zutraut, jetzt wo er ja so einsichtig ist. Schließlich hast Du ja keinen Beweis, daß er es so nicht schaffen kann.


Doch leider dauert es nicht lange, und Du ahnst, daß er wieder getrunken hat. Nicht so viel, daß es ein Fremder merken würde. Aber Du schon.


Einen Beweis hast Du allerdings nicht. Also wartest Du erst einmal ab. Sprichst es vielleicht sogar an. Er leugnet. Du läßt Dich abspeisen. Schweigst und ignorierst, daß Dich Deine Enttäuschung, Deine Wut und deine Verzweiflung innerlich zerreißen. Wie schon so oft.

Dann siehst Du wie er trinkt, er die kleine Schnapsflasche in der Hosentasche verschwinden läßt, entdeckst, daß er Wodka in die Wasserflaschen gefüllt hat, oder er gibt es schließlich ganz einfach zu. Da wäre also der Beweis… ABER,...


... er sagt, daß er es im Griff hat und Du denkst Dir, daß es ja wirklich "nur" ein oder zwei Bier sind und er ja eigentlich soweit funktioniert. Es ist ja nicht "so" schlimm und Du kannst ihm ja jetzt sein Trinken nicht vorwerfen, schließlich stellt er ja nicht Schlimmes an.

Und was ist mit seinen Versprechen, daß jetzt alles anders wird? Was ist aus der allerletzten Chance und der Einsicht geworden, daß er werde heute noch morgen kontrolliert trinken können wird?


„Ja schon, aber... ich finde es jetzt auch nicht fair Konsequenzen zu ziehen, da bis jetzt ja noch alles glatt läuft.“

Ok. Heißt das, Du brauchst noch einmal einen Beweis, daß er es nicht schaffen wird, seinen Alkoholkonsum kontrollieren zu können?


„Ja, irgendwie schon… ich habe ja keinen Beweis, daß es dieses Mal nicht vielleicht doch klappen könnte… Er sagt ja, er hat es im Griff… und ich möchte ihm glauben.“


In absehbarer Zeit wird wieder einmal offensichtlich, daß er den Alkohol alles andere als im Griff hat. Also machst Du Dich auf die Suche nach…


... Beweisen.

Du suchst und findest leere Flaschen im Keller, der Garage, oder im Garten und wartest auf den richtigen Moment, Deinen Partner damit zu konfrontieren. Ich tat das auch, aber anstatt seiner heiß ersehnten Einsicht aufgrund der eindeutigen, wie erdrückenden "Beweislage", bekam ich eine Antwort, die zumindest für einen von uns ernüchternd war.


„Jetzt schnüffelst Du mir also hinterher! Wie soll es mir da gut gehen? Das ist ja wohl nicht mein Problem, wenn Dein Grundstück direkt an der Straße liegt, wo jeder Depp seinen Müll über den Zaun wirft. Jetzt reicht es mir wirklich!“

Somit waren wir wieder einmal an dem Punkt, wo er einen Streit vom Zaun brach um:



> vom eigentlichen Thema abzulenken


> mich zu verunsichern… „vielleicht tue ich ihm ja doch Unrecht?“


> mich dazu zu bringen klein bei zu geben, damit die Situation und sein Konsum nicht vollends eskalierte

Ich war we ein Hund, der versucht seinen eigenen Schwanz zu fangen. Doch irgendwann erkannte ich, daß die Suche nach dem Beweis ein zermürbendes, zeit- und energieraubendes, wie hoffnungsloses Unterfangen war.


Ich wußte längst, daß das Trinkverhalten meines Partners unser Leben dominierte. Es war offensichtlich, daß seine Sucht ihre Schatten nicht nur unter meine Augen, sondern auch über all unsere Lebensbereiche geworfen hatte. Ich spürte schmerzlich, daß ich mich unglücklich, zerrissen, erschöpft und ohnmächtig fühlte. Ich brauchte keinen Beweis dafür!

Ebenso wenig benötigte ich die Erlaubnis, etwas an meiner unglücklichen Realität zu verändern.

Ich durfte und konnte jederzeit eine Entscheidung treffen und Konsequenzen ziehen.


Ich hörte auf Beweise zu suchen, oder mich auf die Diskussion einzulassen, ob er kontrolliert trinken kann, oder nicht, ob er es sinnvoll fand sich Hilfe zu suchen, oder nicht, ob er seine Versprechen nicht wahr werden lassen wollte, oder nicht.


Spielte das Label, das er versuchte seiner Krankheit zu geben eine Rolle? Hatte diese Diskussion Einfluß auf mein Leben, mein Wohlbefinden und mein Glück? Absolut nicht.


Ich erkannte, daß man, um es mit Albert Einsteins Worten zu sagen, „Probleme nicht auf dieselbe Weise lösen kann, wie sie entstanden sind“ und suchte keine Beweise mehr, sondern Hilfe.

Für mich.

Byebye Co - Abhängigkeit!

Alles Liebe,

Julia


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