Boys Don´t Cry?


Da das Bewusstsein allen möglichen äußeren Anziehung und Ablenkungen ausgesetzt ist, läßt es sich leicht dazu verleiten, Wege zu gehen, die seiner Individualität fremd und nicht gemäß ist.

C. G. Jung



Ein Indianer kennt keinen Schmerz, Schuster bleib bei Deinen Leisten, Du mußt Dich einfach mit weniger zufrieden geben, das Leben ist kein Zuckerschlecken und schon gar kein Ponyhof!


Ist das so? Wirklich? Wir alle kennen eine Vielzahl solcher scheinbaren Weisheiten, und müssen im Erwachsenenalter häufig feststellen, wie sehr sie uns unbewußt gelenkt, beeinflußt und nicht selten davon abgehalten haben, wir selber zu sein, und unser ganzes Potential zu leben… wie ein kleiner innerer Pilot, der uns steuert.


Wir nehmen so viele Gedanken und Gefühle in uns einfach so hin, ohne sie zu hinterfragen, ohne uns ihrer unglaublichen Macht nur ansatzweise bewußt zu sein. Als seien sie in Stein gemeisselte Realität.


Aber das sind sie nicht! Wir alleine entscheiden, was wir denken. Über uns, das Leben, unsere Möglichkeiten, unsere Werte und die Bedeutung unseres persönlichen höheren Sinns. Das zu begreifen, war für mich eine der kraftvollsten Erkenntnisse überhaupt, denn sie ermöglichte mir, die Mauern meines selbst erschaffenen Gedanken - Gefängnisses niederzureissen, indem ich mich ganz bewußt entschieden habe, mich von einigen Überzeugungen zu trennen, und sie durch neue zu ersetzen.


Ich finde die Ausführung von C. G. Jung faszinierend, daß die Summe unterschiedlicher Kräfte das innere, menschliche Leben beeinflusst.


Er beschrieb die Psyche als eine Einheit aus drei Teilen: Das Ich - Bewusstsein, das persönliche Unbewusste und das kollektive Unbewusste. Das Ich - Bewusstsein, ist mit den Gedanken und Gefühlen gleichzusetzen, die wir momentan denken. Hierfür nutzen wir laut C. G. Jung folgende vier Funktionen: Denken, Fühlen, Empfinden und die Intuition.


Das persönliche Unbewusste beherbergt den „Schatten“, den man sich als eine Art Gefäß vorstellen kann, das all unsere inkompatiblen Erlebnisse, und emotionalen Erfahrungen aufnimmt, die wir verdrängen möchten. Es sei allerdings ein Irrglaube, daß sich dieses Material im „Schatten“ still verhält. Es besitzt nicht nur eine enorme Energie, sondern wird auch Wege, wie Projektionen finden, um auf sich aufmerksam zu machen. Projektion bedeutet in diesem Fall das Übertragen von Konflikten und Emotionen auf andere Menschen und die Außenwelt.


Das kollektive Unbewusste, kann man sich laut des Schweizer Psychologen wie eine Art kollektive Datenbank, die die Essenz der menschlichen Erfahrung enthält, vorstellen. Diese Erfahrungen lösen unterbewußte Mechanismen aus, die unsere Gedanken und unser Verhalten beeinflussen. C. G. Jung erläuterte wie wichtig es bei all diesen Einflüssen sei, sein authentisches, gesundes Selbst zu finden. Als mir das klar wurde, wollte ich mich immer mehr mit der Individuation, also der Selbstwerdung beschäftigen. Das beinhaltet sich gegebenenfalls auch über die Normen und Werte anderer hinwegzusetzen und sich die Frage zu stellen:


„Was sind meine besonderen Fähigkeiten, und welche Werte sollten in meinem Leben im Vordergrund stehen? Welche Erfahrungen sind es, die mich handeln und fühlen lassen, so daß es mir Probleme bereitet?“


Ich wollte mich selber besser verstehen. Also begann ich meine festgefahrenen Einstellungen zu hinterfragen, und war überrascht, wie viel davon ich revidieren wollte. Wir übernehmen so unendlich viele Ideen anderer Menschen, obwohl sie gar nicht zu uns passen, lassen uns von ihnen alles mögliche einreden, uns derer zerplatze Träume, Enttäuschungen, Werte, Sehnsüchte und Ängste in unseren Rucksack stopfen, und wundern uns, warum er schwer und schwerer wird.

Demzufolge projizieren und bewerten wir oft in einer Weise, die uns selber schadet, ohne es zu merken.


Wie wäre es mit: „Geld verdirbt den Charakter.“ Wenn Du Geld mit schlechten Eigenschaften gleichsetzt, wirst Du Dir wahrscheinlich nicht gestatten, welches auf Deinem Konto haben zu wollen. Oder: „Alle Männer sind Schweine.“ Kein guter Glaubenssatz um Deine Liebe zu erkennen, wenn sie vor Dir steht. Es ist sehr kraftvoll sich darüber bewußt zu werden, daß wir vieles nur aus dem einen Grund denken, weil wir es so oft zu hören bekommen haben. Zu all solch unnötig belastenden Gedanken, machen wir uns leider häufig selber klein, gehen unnötig hart und beinahe herzlos mit uns um. „Das kann ich nicht… ich bin zu klein, zu groß, zu dick, zu dünn, zu alt, zu jung, zu durchschnittlich,… ich kann einfach nichts Besonderes… habe kein spezielles Talent…das steht mir nicht zu… ich habe nichts Besseres verdient...“


Würdest Du solch niederschmetternde Dinge zu einem Menschen sagen, den Du liebst? Zu Deinem Kind vielleicht? Ich denke nicht. Aber mit uns selber gehen wir leider oft ziemlich hart ins Gericht.


Darüber hinaus akzeptieren wir häufig die Meinungen anderer als unsere Wahrheit, anstatt zu hinterfragen, wie wir unser Leben leben möchten, was uns glücklich macht, was uns erfüllt, und wovon wir träumen. Stattdessen versuchen wir den Ansprüchen anderer gerecht zu werden, und verschwenden viel zu viel Zeit damit, darüber nachzudenken und beeinflussen zu wollen, was man über uns denkt. Die Ironie daran ist nur, daß wir gar nicht beeinflussen können, was andere über uns denken. Darüber hinaus, werden wir in dem Bestreben, es immer allen Recht machen zu wollen, indem wir an unserer Außenwirkung arbeiten, niemals zu uns selber finden.


Um es mit C. Jungs Worten zu sagen:

„Ein nicht gelebtes Leben gleicht einer tödlichen Krankheit:“


Viele Menschen leben ein Leben, das nicht zu ihnen passt, und ignorieren ihre innere Stimme, egal wie laut sie schreit. Aber wir können im Außen rein gar nichts finden, da alles was wir suchen, längst in uns ist: unsere Talente, unsere Persönlichkeit, und die Liebe.


Aber um dort hinzukommen müssen wir meistens durch Schmerz und Ängste gehen. Es gibt keinen Umweg. Doch wir scheuen diesen Weg so sehr, daß wir einen möglichst großen Bogen um ihn machen. Wir klatschen unermüdlich Farbe über die bröckelnden Fassaden, unabhängig davon, wie unzufrieden und unglücklich wir bereits sind, egal wie laut sich unsere innere Stimme bereits zu Wort meldet. Die einen fangen irgendwann damit an, andere aufgrund ihres persönlichen Mangels klein zu machen, und schikanieren Kellner, die Ehefrau oder die Mitarbeiter, und wieder andere definieren sich nur noch über Statussymbole, oder ihr jugendliches Aussehen. Es gibt Frauen, die jahrelang wegsehen, weil sie glauben, sie seien ohne ihren untreuen Ehemann, ohne das große Haus und den Ring am Finger nichts wert. Auf der anderen Seite stehen gehörnte Ehemänner, die die Augen verschließen, weil sie von klein auf darauf programmiert wurden, keine Schwäche zu zeigen, zu funktionieren, und den Schein einer perfekten heilen Welt zu wahren. Und wie viele Abiturienten beginnen ein Studium, weil die Eltern die berufliche Laufbahn vorgegeben haben?


Viele von uns wissen ganz genau was von ihnen erwartet wird, haben aber keine Ahnung, was sie selber erwarten, was sie wirklich glücklich und zufrieden macht.


Wir versuchen ein Leben zu leben, daß uns zu Akzeptanz von außen verhilft, und erschaffen gleichzeitig eine seelische Obdachlosigkeit in unserem Inneren.


Wir laufen Dingen hinterher, die wir nicht brauchen, suchen Anerkennung, wo wir sie nicht finden, versuchen Leute zu beeindrucken, die wir nicht einmal mögen, oder laufen ganz einfach weg.


Dabei finden wir alle Antworten in uns, wenn wir uns trauen danach zu suchen. Während ich die letzte Zeile tippe, kommt auf meiner Playlist „boys don´t cry" von The Cure. Ich liebe dieses Lied, und es erinnert mich daran, meine Söhne noch mehr darin zu bestärken immer authentisch, und ehrlich zu sich selber zu sein, und sich nicht aus Angst vor Verurteilung oder Kritik zu verbiegen, sich selber gut zu behandeln, innig zu lieben, ihrer Intuition zu vertrauen, und jederzeit zu weinen, wenn ihnen danach ist!



Byebye Co - Abhängigkeit!

Alles Liebe,

Julia




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