Als ich die "Komfortzone" verließ, part 5.

Ich habe in Rolf Bollmann, einem 79 jährigen trockenen Alkoholiker einen Mentor gefunden, der mir half, die Krankheit Alkoholismus, sowie die Co - Abhängigkeit wirklich zu verstehen. Nachdem ich über ein YouTube Video auf ihn aufmerksam wurde, verbrachte ich eine Woche in seiner Finca auf Mallorca, wo er bis Ende 2018 Seminare für Alkoholiker anbot. Nachdem ich nicht locker ließ, wurde ich die erste co - abhängige Kursteilnehmerin, und lernte in dieser einen Woche in Spanien mehr über die Krankheit Alkoholismus, als in all den Jahren zuvor. Das war der Start zu meiner emotionalen Freiheit, die es mir ermöglichte, mich aus der Co - Abhängigkeit zu lösen.

In dem Moment, da ein Co - Abhängiger begreift, daß es nicht an ihm liegt, daß der Alkoholkranke es noch nicht geschafft hat seine Nüchternheit zu erlangen, und man die traurige Wahrheit akzeptiert, daß er es möglicherweise auch niemals schaffen wird, kann es ihm gelingen loszulassen.


Nur wer die Krankheit, mit ihrer ganzen zerstörerischen Gewalt, die sie über einen Menschen hat, wirklich versteht, ist im Stande ihren Verlauf, mir all den häßlichen Auswirkungen nicht auf sich zu beziehen, und die Verantwortung für das Handeln eines anderen an den einzigen Menschen abzugeben, der sie tragen kann: der Alkoholkranke selber.


Wenn man wieder emotional frei werden möchte, muß man verstehen, daß man einen Kampf gekämpft hat, den man nicht gewinnen kann, solange der Alkoholkranke nicht bereit ist, nicht den aufrichtigen Wunsch hat, vor dem Alkohol zu kapitulieren. Wir lassen die ganzen Gefühle der Enttäuschung los und vergeben. Dem anderen und auch uns selber. Es geht hierbei nicht darum zu verharmlosen was alles geschehen ist, oder unter den Teppich zu kehren, wie sehr Du gelitten hast, und auch noch leidest.


Es geht darum, daß Du durch das Begreifen der Krankheit die Möglichkeit erlangst Dich zu heilen.


Du läßt in Liebe los, damit Du wieder glücklich werden kannst, unabhängig davon was war, und ob es der andere schafft ( den Alkohol ) ebenfalls loszulassen.

Und selbst dann, wenn dieser eine Mensch in Deinem Leben von heute auf morgen mit dem Trinken aufhören würde, hast Du mittlerweile genau wie er, eine ziemliche Verwüstung in Deinem inneren Garten in Ordnung zu bringen, was nicht möglich ist, solange Dich Vorwürfe und Schuldzuweisungen blockieren, und verbittert, oder verunsichert werden lassen.

Du mußt in Deinem Inneren aufräumen, denn sonst wirst Du auch mit der Nüchternheit des anderen nicht glücklich und emotional frei werden. Man kann das Erlebte nicht einfach verdrängen, wegwischen, oder abheften, sondern man muß die Krankheit wirklich verstehen, um die Auswirkungen und die Verletzungen der Co - Abhängigkeit überwinden und heilen zu können. Dabei spielt es keine Rolle, ob Ihr zusammen bleibt, oder ob Ihr Euch trennt, ob es sich um Deinen Partner, einen Elternteil, Dein Kind, oder einen guten Freund handelt. Du tust das unabhängig von den Umständen nur für Dich! Ich habe nicht wenige Co - Abhängige gesprochen, die teilweise zehn Jahre nachdem der alkoholkranke Mensch aus ihrem Leben bereits verstorben war, mit schweren Vorwürfen blockiert waren. Vorwürfe sowohl an den anderen: „Was hat uns/mir dieser Mistkerl alles angetan!“, als auch an sich selber: „Wäre ich damals nur stärker gewesen…,

ich hätte das traurige Ende verhindern müssen…", oder: "Warum war ich nur so blöd und habe das alles mitgemacht?“


Wenn Du es schaffst, den Rucksack mit den vielen toxischen Gefühlen abzustellen, wirst Du eine unfassbare Leichtigkeit spüren. Du kannst Deine Energie ab nun wieder auf Kraftvolles im Hier und Jetzt richten, anstatt Dich endlos im Wenn und Aber aufzuhalten, indem Du Dich an die Vergangenheit kettest, die Dich im Hier und Jetzt in Deinem Tun, Denken und Handeln lenkt, wodurch Du Dich selber sabotierst.


Der Schlüssel liegt im Vergeben. Du schaffst wieder Platz für positive Gedanken, die wiederum Wahrheit schaffen. Und das ist der Beginn Deiner Heilung, der Startschuss Deiner Transformation.

Am nächsten Tag wachte ich wieder mit höllischen Kopfschmerzen auf. Ich blieb im Bett liegen und griff nach dem Blatt mit der Tagesordnung, das auf meinem Nahttisch lag. Heute standen die ersten drei Schritte der Anonymen Alkoholiker auf dem Programm. Ich fand es sehr erstaunlich, daß sie mir bis zu diesem Zeitpunkt tatsächlich völlig unbekannt waren. Ich stand auf, versuchte meinen angespannten Kiefer zu dehnen, nahm eine Schmerztablette und eine heiße Dusche. Ich zog eine lange Hose und einen gemütlichen Pullover an, da es an diesem Morgen ziemlich bewölkt und windig war.


Nach dem gemeinsamen Frühstück, setzten wir uns mit Rolf ins Wohnzimmer, und er teilte die Unterlagen mit den zwölf Schritten an uns aus. Man kann sie als ein spirituelles Programm bezeichnen, daß zu Abstinenz vom Alkohol, sowie zu einem neuen Lebensstil verhelfen soll. In Kurzfassung lauten die "Zwölf Schritte" der AA wie folgt:

1. Schritt

Wir gaben zu, dass wir dem Alkohol gegenüber machtlos sind – und unser Leben nicht mehr meistern konnten.


2. Schritt

Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht, größer als wir selbst, uns unsere geistige Gesundheit wiedergeben kann.


3. Schritt

Wir fassten den Entschluss, unseren Willen und unser Leben der Sorge Gottes – wie wir Ihn verstanden – anzuvertrauen.


4. Schritt

Wir machten eine gründliche und furchtlose Inventur in unserem Inneren.


5. Schritt

Wir gaben Gott, uns selbst und einem anderen Menschen gegenüber unverhüllt unsere Fehler zu.


6. Schritt

Wir waren völlig bereit, all diese Charakterfehler von Gott beseitigen zu lassen.


7. Schritt

Demütig baten wir Ihn, unsere Mängel von uns zu nehmen.


8. Schritt

Wir machten eine Liste aller Personen, denen wir Schaden zugefügt hatten und wurden willig, ihn bei allen wieder gutzumachen.


9. Schritt

Wir machten bei diesen Menschen alles wieder gut – wo immer es möglich war –, es sei denn, wir hätten dadurch sie oder andere verletzt.


10. Schritt

Wir setzten die Inventur bei uns fort, und wenn wir Unrecht hatten, gaben wir es sofort zu.


11. Schritt

Wir suchten durch Gebet und Besinnung die bewusste Verbindung zu Gott – wie wir Ihn verstanden – zu vertiefen. Wir baten Ihn nur, uns Seinen Willen erkennbar werden zu lassen und uns die Kraft zu geben, ihn auszuführen.


12. Schritt

Nachdem wir durch diese Schritte ein spirituelles Erwachen erlebt hatten, versuchten wir, diese Botschaft an Alkoholiker weiterzugeben und unser tägliches Leben nach diesen Grundsätzen auszurichten.


Ich dachte im Zuge dessen darüber nach, was ich eigentlich unter Spiritualität verstand. Ich wurde mit diesem Begriff das erste Mal bewußt konfrontiert, als ich mir die Homepage der Finca Esperanza ansah.


Das Wort verursachte in mir allerdings eher diffuses Unbehagen als Hoffnung, und ich weiß noch, wie ich daraufhin begann, nach aufschlußreichen Erklärungen zu googeln. Letztendlich fand ich aber keine wirklich befriedigende Antwort. In diesem Moment, als wir hier zusammen saßen und mit Rolf die einzelnen Schritte der anonymen Alkoholiker besprachen, wußte ich plötzlich warum. Mir wurde klar, daß es ganz einfach keine allgemein gültige Formel gibt.


Dadurch, daß ich mir die Frage stellte, was Spiritualität für mich bedeutet, löste ich automatisch den ersten Teil des Rätsels: jeder Mensch darf seine individuelle Antwort darauf finden.


Soweit ich wußte, gab es keine fundierten, wissenschaftlichen Abhandlungen zu diesem Thema, sondern vielmehr grobe Einigungen über die Auslegung. Ich dachte bei mir, daß es, so wie ich es bisher verstanden hatte, darum ging, zum Urvertrauen zurück zu finden, und sich mit der Göttlichkeit zu verbinden. Dabei wurde in Rolfs Ausführungen immer betont, daß jeder ganz alleine festlegen könne, was er darunter versteht.


Denn das Göttliche sei in diesem Fall kein Dogma, sondern stünde eher für die Liebe in uns, und den Glauben an universelle Kräfte, die uns alle, sofern wir es zulassen, zu unserem Wohl lenken würden.


Er erklärte uns in unzähligen Gesprächen, daß der eine Mensch es im Gebet in der Kirche finden konnte, ein anderer beim Meditieren am Strand, und der nächste beim Spaziergang im Wald. Er betonte wieder und wieder, daß das „Wie und Wo“ überhaupt keine Rolle spiele, und es nicht darum ging, daß alle dem Kind den gleichen Namen geben, um sich auf eine Institution oder eine Methode zu einigen. Ich mußte an mein Gespräch mit Rolf auf der Terrasse denken, wo er für mich noch in Rätseln gesprochen hatte, als er sagte, ich sei bereits auf dem Weg, ohne es zu wissen. Jetzt verstand ich es. Ich hatte es geschafft die Opferrolle zu verlassen und mir die Frage zu stellen, warum ich diese schlimmen Erlebnisse, die mein ganzes Leben durcheinander gewirbelt, meine Zukunftspläne zunichte gemacht, und all mein Ängste hochgekocht hatten, erfahren mußte.


Ich hatte aufgehört T. für mein Glück oder Unglück verantwortlich zu machen, und mich der Herausforderung gestellt, es wieder in mir zu finden.


Ich kam zu dem Schluß, daß genau das die Bedeutung von Spiritualität war, wie ich sie verstand.

Ich fühlte, daß es für mich darum ging, nicht aufzugeben wenn einem schlimme Dinge widerfahren, sondern sich die Frage zu stellen, warum wir diese Erfahrungen machen, und darauf zu vertrauen,beziehungsweise bewußt zu wählen, daß wir an ihnen wachsen, und nicht an ihnen zerbrechen werden.


Spirituell zu sein heißt nicht Räucherstäbchen anzuzünden und seinen Namen zu tanzen, sondern daran zu glauben, daß alles was uns passiert am Ende in etwas Positives, in etwas Kraftvolles transformiert werden kann. Ich dachte schmunzelnd bei mir, daß auch meine Oma ohne es zu wissen, spirituell gedacht hat, denn sie sagte in Krisensituationen immer „Wer weiß für was es gut ist...“ Mir wurde klar, daß ich mich jahrelang verbogen und mich immer mehr von meiner eigenen Essenz entfernt hatte. Im Grunde genommen, wußte ich schon lange gar nicht mehr, wer ich eigentlich bin, und wohin ich will. Mir wurde bewußt, daß ich in meinem Leben nie alleine gewesen war, weil ich höllische Verlustängste hatte, die ich in der hintersten Ecke versteckt hatte, damit sie mich bloß nicht einschüchtern konnten. Außerdem traute ich mir nicht zu, mein Leben alleine meistern zu können. Jetzt mußte ich zugeben, daß das, abgesehen von der großen Liebe, auch ein Grund war, weshalb ich so sehr in die Co - Abhängigkeit gerutscht war. Da waren sie nun, all meine tief vergrabenen Ängste, die schon lange existiert hatten, bevor T. in mein Leben trat.


Durch die räumliche Trennung von ihm, das Loslassen, und die Auseinandersetzung mit mir selber, wurde mir das zum ersten Mal richtig bewußt.


Durch seine Krankheit wurde ich praktisch dazu gezwungen, auf eigenen Beinen zu stehen, alleine zu sein und es auszuhalten.


Und wie in einem Domino Effekt, tat sich ein unendlicher Rattenschwanz an blockierenden Glaubenssätzen und vieler anderer Ängste auf, die ich ebenfalls tief vergraben hatte. Und dadurch passierte das Beste überhaupt. Ich war in meine Angst hinein gegangen, und hatte begonnen aufzuräumen. Ich habe nicht nur ein bisschen Staub von den Oberflächen gewischt, sondern ich nahm alles in die Hand, hob jeden Teppich hoch, und war bereit, in alle noch so düsteren Ecken zu blicken. Als der erste schwere Schritt getan war, war der Prozeß in Gang gesetzt, und somit ging es immer einfacher, da ich ziemlich schnell die Erleichterung, die regelrechte Befreiung in meinem Inneren spüren konnte. Ich begann zu begreifen, daß ich, ohne es zu wissen, felsenfest daran geglaubt hatte, ohne gegenseitige Abhängigkeit als Bindung nicht überleben zu können, und ich somit, durch dieses Gedanken - Gefängnis meine Realität selber ( mit - ) erschaffen hatte.


Mir wurde immer klarer, daß unser Leben, die Situation in der wir uns befinden, letztendlich die Summe unserer Entscheidungen ist. Es ist immer leichter die Verantwortung abzugeben, indem wir uns einen Sündenbock suchen, und jemand anderem die Schuld in die Schuhe schieben, doch es ist alles andere als hilfreich oder zielführend.


Denn auch wenn der Weg zunächst steinig und schwer wird, können wir uns immer dazu entscheiden, neu zu wählen. Es liegt bei uns, ob wir das gemütliche Elend der wohl bekannten Komfortzone einem Neubeginn vorziehen, oder nicht.


Das heißt NICHT, daß es leicht ist, aber es ist und bleibt unsere Verantwortung, das Drehbuch unseres Lebens umzuschreiben, wenn uns nicht gefällt, was darin geschrieben steht.


Keiner möchte das hören, aber ich denke es ist die Wahrheit. Niemand hat mich gezwungen die Krankheit auszublenden, die inneren Stimmen, die von Anfang an da waren zu ignorieren. Keiner hat mir gesagt ich müsse 24/7 funktionieren um geliebt zu werden, und hat von mir verlangt mich komplett aufzugeben. Außer ich selber.

Als sich unsere Runde wieder auflöste blieben unser ruhiger Mann im Bunde und ich noch sitzen, und fingen an uns zu unterhalten. Plötzlich vertraute er mir an, daß seine Zwillinge heute ihren ersten Geburtstag feierten. Es fühlte sich selbst für mich wie ein Stich ins Herz an, denn ich konnte mir nur zu gut vorstellen, wie sehr nicht nur er, sondern auch seine Frau, und der Rest der Familie an diesem Tag zu kämpfen hatten. Ich sagte, daß es mir leid täte, daß er das verpasst, und fragte ihn, ob er ein Foto seiner Kinder dabei hätte. Sofort zückte er sein Handy und zeigte mir die beiden voller Stolz. Obwohl wir uns kaum kannten, spürte ich, wie nahe ihm das ging. Und dann erzählte er mir, daß er mit seiner Frau eine erfolgreiche Firma aufgebaut hatte, die sie aufgrund seiner Krankheit nun schon seit längerem alleine führen mußte.

Er war plötzlich schonungslos ehrlich und erzählte mir, daß er schon als Teenager begonnen hatte Alkohol zu trinken und Drogen zu nehmen, und er in der Endphase, bevor er nach Mallorca kam, bereits am Vormittag eine Flasche Wein und eine Flasche Jägermeister getrunken hatte, um überhaupt noch funktionieren zu können.


Natürlich gestattete es sein Zustand aber längst nicht mehr, daß er in der Firma hätte auftauchte können. Ich spürte das überbordende schlechte Gewissen seiner Frau gegenüber, und hörte ihm einfach nur zu. Ich hatte das Gefühl das war alles, was er in diesem Moment brauchte.



Byebye Co - Abhängigkeit!

Alles Liebe,

Julia






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