Alkoholismus verstehen.

Aktualisiert: 17. Okt 2019

Alkoholismus ist eine Krankheit, die man nicht von außen nach innen in den Griff bekommt, und die nicht ausbricht, weil man ein asoziales Leben führt. Die meisten Menschen, auch diejenigen, die unter der Alkoholsucht leiden, beginnen Alkohol in Gesellschaft, in fröhlichen Runden, bei Parties und zu schönen Anlässen zu trinken. Schließlich ist Alkohol fast immer und überall verfügbar, er ist Teil unserer Kultur, er ist Genuss, und wie viele von uns, - mich eingeschlossen -, hatten beschwipst schon die lustigsten Abende. Wie wunderbar schmeckt die perfekte Harmonie zwischen einem köstlichem Gericht und dem passenden Wein, erfreut uns ein prickelndes Glas Champagner wenn wir etwas zu feiern haben, geniessen wir es, wenn uns auf einer Gartenparty eine Bowle gereicht wird, oder erfrischt uns ein eiskaltes Bier, wenn wir an heißen Sommertagen im Schatten prächtiger Kastanienbäume sitzen.


Aber nichts desto trotz, dürfen wir die Schattenseiten des Alkohols nicht ausblenden, dürfen wir nicht abstreiten, daß die Krankheit Alkoholismus existiert, auch wenn sie leider Gottes nach wie vor tabuisiert wird. Sie ist weit verbreitet, chronisch, fordert unendlich viele Todesopfer, und stellt ein sehr großes globales Gesundheits - Problem dar. Denn nicht jeder Mensch ist im Stande, den Alkohol kontrolliert geniessen zu können.


Der Alkoholiker verspürt eine andere Art der Befriedung wenn er trinkt, und benötigt mit der Zeit immer größere Mengen Alkohol, um den Zustand dieser erleichternden Euphorie zu erlangen, bis er irgendwann komplett die Kontrolle über seinen Konsum verliert. Findet ein Betroffener den Exit aus dieser Teufelsspirale nicht, dreht sich irgendwann alles nur noch um die Flasche, und er oder sie verwandelt sich mit der Zeit bis zur Unkenntlichkeit, und wird schließlich zu einem Menschen, der sein Leben nicht mehr meistern kann, der zunehmend verwahrlost, und in seiner Persönlichkeit unschöne Züge entwickelt. Aber wir dürfen nicht dem Irrtum erliegen, daß ein Mensch, der diesen Zustand erreicht hat, in dem er Abscheu und Verachtung in uns hervorruft, von Haus aus eine gescheiterte Existenz mit einem unangenehmen Wesen war. Denn dieser Mensch kann wirklich überall herkommen. Möglicherweise war sein Leben schon von Kindheit zum Scheitern verurteilt und der Charakter auch ohne Alkohol mies und abgründig, aber er kann ebenso der cleverste, erfolgreichste, liebenswerteste, großzügigste, kreativste, humorvollste Mensch gewesen sein, dem alle Möglichkeiten für das schönste Bilderbuchleben geschenkt waren, bevor ihn der Alkoholismus gebrochen hat.


Es ist also keine Krankheit, die einen nur dann heimsucht, wenn man offensichtlich allen Grund hat sich sinnlos zu besaufen. Das bedeutet im Umkehrschluss, man bleibt nicht von einer Alkoholkonsumstörung verschont, weil die Umstände vermeintlich keine Wünsche offen lassen, wie man auch an etlichen prominenten Beispielen sehen kann. Es geht nicht um beruflichen Erfolg, gutes Aussehen, Ruhm, Bildung oder Reichtum. Der einzige Grund, warum ein Alkoholiker trinkt, ist immer der gleiche: Angst.


Diese Angst könnte man auch als seelische Obdachlosigkeit bezeichnen, die sich ausnahmslos durch alle sozialen Schichten der Gesellschaft zieht.


Wer von der chronischen Krankheit Alkoholismus betroffen ist, und diese in den Griff bekommen möchte, wer es schaffen will, trocken zu leben, muß genau dort ansetzen: ganz tief drinnen, wo der Schmerz sitzt, die Ängste, der Mangel, und die grenzenlose Leere, die nüchtern nur schwer, oder gar nicht zu ertragen ist.


Und hier kommen wir zu einem gravierendem Auslöser für die Co - Abhängigkeit: die Unwissenheit. Ich persönlich war felsenfest davon überzeugt, daß ich T. retten kann, indem ich durch das Aufräumen im Aussen verhindere, dass er trinkt. Ich dachte tatsächlich, daß er gesund wird, wenn ich ihn glücklich mache, und ich unser Leben so perfekt gestalte, daß es für ihn ganz einfach keinen Grund mehr zum trinken gibt. Mir war damals noch nicht klar, daß wirklich jeder Mensch, - Alkoholiker oder nicht - sein Glück selber finden, und in der Lage sein muß, es in sich fühlen zu können, und zwar nicht nur dann, wenn uns jemand sagt, daß er uns liebt, die Sonne scheint, das Traumhaus fertig, oder endlich Wochenende ist. Deshalb wird ein Alkoholiker, solange er lediglich mit „Heftpflastern" arbeitet, weiterhin eine Geisel seiner Trunksucht bleiben, egal was das Bankkonto, die Karriere oder das Familienleben sagt, ob die Umstände rosig oder düster sind.


Denn man kann im Außen rein gar nichts finden, was eine innere Leere nachhaltig zu füllen vermag.


Man bekommt einen kleinen Kick, fühlt sich gut wenn man den Sportwagen gekauft, oder ein tolles Date hatte, wenn die Designertasche endlich am eigenen Arm baumelt, oder man die Wirkung des Alkohols spürt, aber das ist nicht mehr, als ein kurzfristiges Vergnügen, daß man nicht mit wahrhaftiger, seelischer Zufriedenheit verwechseln darf, die einem auch in turbulenten Zeiten ein stabiles Fundament bietet, auf dem man sicher stehen kann. Hinzu kommen die tief sitzenden Ängste, die häufig nicht einmal real sind! Sie existieren lediglich in unserem Kopf, und vermögen dennoch so oft, uns in die Knie zu zwingen. Der Alkoholiker greift in diesem Fall zur Flasche, und verliert zunehmend die Kontrolle. Der einzige Weg hier rauszukommen, ist reinzugehen, mitten in den Schmerz und blockierende Glaubenssätze, wie „ich bin nicht gut genug“, „ich bin nicht liebenswert", aufzulösen. Er kommt nicht umhin irgendwann hinzusehen, dort wo es richtig weh tut, und hat die herausfordernde Aufgabe es auszuhalten, ohne sich zu betäuben, oder in irgendeiner Art zu kompensieren. Kein Mensch kann vor seinen Dämonen davon laufen, oder sich vor ihnen verstecken. Man muß ihnen irgendwann in die Augen blicken und sie entwaffnen, um sie ein für alle Mal loszuwerden.


Der Alkoholiker muß lernen, in schwierigen Situationen, wenn ihm der Wind eiskalt entgegen bläst, die Segel richtig zu setzen, anstatt sich mit Alkohol abzulenken und zu betäuben.


Ein Leitspruch, den ich sowohl von diversen Therapien, die T. gemacht hat, als auch von seinen Besuchen bei den Anonymen Alkoholikern kenne, beschreibt es so:


Gott gebe mir die Gelassenheit,

Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,

den Mut, Dinge zu ändern,

die ich ändern kann,

und die Weisheit,

das eine vom andern zu unterscheiden!


Um die Krankheit in den Griff zu bekommen, ist es unerläßlich, daß ein alkoholkranker Mensch eine Reise zu sich selber macht, in seinen seelischen Garten geht, und ihn aufräumt, das Unkraut jätet und neue Samen säht. Das bedeutet, der Alkoholiker hat die große Aufgabe, den Geist des Alkohols durch einen Geist, der ihm innere Stärke, Glauben, Orientierung und Urvertrauen schenkt, zu ersetzen. Um es mit dem Worten von Prof. Dr. Carl Gustav Jung zu sagen, der in einem Brief vom 30. Januar 1971 an Bill W., einen der Gründer der anonymen Alkoholiker schrieb:


Spiritus contra spiritum!


Hat ein alkoholkranker Mensch diesen riesengroßen Meilenstein tatsächlich erreicht, hat er die lebenslange Aufgabe, seiner Nüchternheit jeden Tag auf´s Neue die oberste Priorität zu schenken, denn Alkoholismus kann man nicht heilen. Man muß als Betroffener einen Weg finden mit dieser Krankheit zu leben, indem man sie unter Kontrolle bekommt, und diese auch nachhaltig behält. Der Alkoholiker hat nur dann eine Chance, wenn er begreift, daß er vor dem Alkohol kapitulieren muß. Für immer! Unabhängig davon, wie gut es ihm heute geht, und wie lange er vielleicht schon trocken ist. Der Alkohol ist ein solch übermächtiger Gegner, daß er auch in den besten Phasen eines Betroffenen, alles von einer Sekunde zur anderen zum einstürzen bringen kann. Denn solange ein Alkoholabhängiger wieder und wieder versucht, kontrolliert zu trinken, er dem Irrtum erliegt, er könne heute, morgen, oder eines Tages stärker sein als der Alkohol, wird er immer den Kürzeren ziehen. Man kann mit dieser Krankheit nur ein lebenswertes Leben leben, wenn man die dauerhafte Nüchternheit erlangt, oder man wird früher oder später alles verlieren was einem lieb und teuer war, und an den Folgen des Trinkens sterben.


Der Co-Abhängige kann im Aussen Purzelbäume schlagen, sich bis zur Unkenntlichkeit verbiegen, 24/7 parat stehen, lächeln, weinen, lieben, drohen, lügen, vertuschen, Rechnungen übernehmen… es wird rein gar nichts nützen. Das Einzige, was der Co - Abhängige erreichen wird, ist selber an den Auswirkungen der Trunksucht eines anderen zu Grunde zu gehen.



Byebye Co - Abhängigkeit!

Alles Liebe,

Julia


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