Alkoholismus kann man nicht aussitzen!


Mit dieser Krankheit ist es nicht möglich einen Status zu erreichen, auf den man sich einstellen, oder mit dem man auf Dauer rechnen kann. Solange ein Alkoholkranker trinkt, und zwar völlig unabhängig von den Mengen oder den zeitlichen Abständen, wird der Alkohol Schluck für Schluck die Kontrolle übernehmen. Das ist lediglich eine Frage der Zeit.


Die Sucht wird immer fatalere, oder auch irreparablere Folgen haben: finanziell, gesundheitlich und zwischenmenschlich. Irgendwann gibt es betrunkene Autofahrten, Blackouts, die Kündigung, Konflikte mit der Polizei, zerrüttete Beziehungen, Stürze mit schlimmen Folgen,

oder auch Organversagen.


Die möglichen Folgen von Alkoholismus könnte man unendlich fortführen.


Da mich persönlich das Thema Alkoholismus schon sehr lange „begleitet“, habe ich einige traurige Beispiele erlebt, die zeigen wie es enden kann, wenn ein Betroffener nicht ins Handeln kommt. Ein Verwandter, der ein traumhaft schönes Leben an einem der schönsten Orte Deutschlands hätte leben können, starb viel zu früh an den gesundheitlichen Folgen seines Alkoholkonsums.


Ich erlebte, wie der Vater einer meiner ältesten Freundinnen, in fortschreitendem Alter ebenfalls unter dieser Krankheit litt. Auch er hatte nichts, mit dem klischeebehafteten Bild eines asozialen Trinkers gemein. Vielmehr beneidete ich meine Freundin als Teenager um ihr regelrechtes Bilderbuch - Leben. Sie wohnte in einem wunderschönen Haus, dessen idyllischer Garten voller großer, alter Bäume, Hängematten und Liegestühle direkt an einen Wald angrenzte. Sie hatte einen kleinen Bruder und einen freundlichen, immerzu mit dem Schwanz wedelnden Hund, der am liebsten in der breiten Kies - Auffahrt lag, deren großes Tor meistens für die Freunde offen stand. An der Garage hing der obligatorische Basketballkorb, der ein beliebter Treffpunkt nachmittäglicher Battles war.

Die Mutter meiner Freundin war eine hervorragende Köchin und zudem eine extrem warmherzige, lustige Frau, die zu Hause war und sich um die Kinder kümmerte, während ihr Mann erfolgreich seine Kanzlei führte.


Eines abends saßen wir nach einem köstlichen Essen auf der Eckbank in ihrer gemütlichen Wohnküche und spielten „Trivial Pursuit“. Meine Freundin und ich haben uns mit unseren Antworten bis auf die Knochen blamiert, uns regelrecht um Kopf und Kragen geredet und müssen heute noch Tränen lachen, wenn wir daran denken. Ihr Vater schüttelte damals nur noch den Kopf und fragte schmunzelnd: „Was lernt Ihr eigentlich in der Schule? Ich glaube ich muß mal ein ernstes Wörtchen mit Eurer Direktorin reden.“


Heute lebt er nicht mehr, da er den Kampf gegen den Alkohol verloren hat. Genau so wie der Mann einer Freundin von mir, Vater ihres Sohnes und Liebe ihres Lebens, der sich nachts betrunken an den Strassenrand setzte und von einem Auto überfahren wurde. Ich lernte sie als allein erziehende Mutter kennen.


Vor ziemlich genau einem Jahr, saß ich bei einem ganz spontanen Abendessen neben einem um die sechzigjährigen Mann. Er war wahnsinnig nett und charmant. Wir haben uns den ganzen Abend kaputt gelacht. Obwohl es mir an diesem Tag extrem schlecht ging, schaffte er es erstaunlich schnell, mich aus meinem Tal der Tränen zu holen und mit seiner Herzlichkeit und seinen wirklich lustigen Geschichten auf andere Gedanken zu bringen. Nach einer halben Stunde waren wir per du und planten schon den nächsten gemeinsamen Abend. Nicht als Flirt,

- er war schwul - sondern ganz einfach weil wir uns so gut verstanden haben. Auch wenn dieses Treffen nie stattgefunden hat, denke ich immer wieder einmal schmunzelnd an diesen einen besonders schönen, ungeplanten Spätsommerabend.


Ich wußte damals schon, daß er Alkoholiker war. Es war ein "offenes Geheimnis" und ihm davon abgesehen sehr schnell anzumerken. Zumindest, wenn einem diese Krankheit vertraut ist.


Er starb letzte Woche.


Ein alkoholkranker Mensch hat ganz genau eine Option auf ein gesundes, selbstbestimmtes Leben: er muß aufhören Alkohol zu trinken. Egal ich welchen Mengen, oder in welchen Abständen. Je früher, umso besser.


Der Alkoholiker verspürt eine andere Art der Befriedung wenn er trinkt und benötigt mit der Zeit immer größere Mengen Alkohol, um den Zustand dieser erleichternden Euphorie zu erlangen, bis er irgendwann komplett die Kontrolle über seinen Konsum verliert.


Findet ein Betroffener den Exit aus dieser Teufelsspirale nicht, dreht sich irgendwann alles nur noch um die Flasche.


Findet keine Umkehr zur Nüchternheit statt, verwandelt sich ein Alkoholiker mit der Zeit bis zur Unkenntlichkeit und wird schließlich zu einem Menschen, der sein Leben nicht mehr meistern kann, der zunehmend verwahrlost, in seiner Persönlichkeit unschöne Züge entwickeln, unzuverlässig, manipulativ und unberechenbar werden kann.


Aber wir dürfen nicht dem Irrtum erliegen, daß ein Mensch, der diesen Zustand erreicht hat, in dem er Angst, Wut, Abscheu oder Verachtung in uns hervorruft, von Haus aus eine gescheiterte Existenz mit einem unangenehmen Wesen gewesen sein muß. Denn dieser Mensch kann wirklich überall herkommen. Möglicherweise war sein Leben schon von Kindheit an problembehaftet, sein Umfeld zweifelhaft, der Charakter mies und abgründig, aber er kann ebenso der cleverste, erfolgreichste, liebenswerteste, großzügigste, kreativste, humorvollste Mensch (gewesen) sein, dem alle Möglichkeiten für das schönste Leben geschenkt worden waren, bevor der Alkoholismus die Kontrolle über ihn übernommen hat.


Ich erlebte zwei Alkoholiker, deren Leben weitab von Plattenbauten und Discountern stattfand. Beide waren Hoteliers, die an einem der schönsten Fleckchen, die Deutschland zu bieten hat, aufgewachsen sind. Man hatte Ferienhäuser, sah blendend aus, verbrachte den Sommer auf Ibiza, dem eigenen Boot samt Privatsteg und im Winter fuhr man Ski in der Schweiz. Vor dem Haus standen Porsche und Range Rover, man stand auf den Gästelisten der High Society und von außen betrachtet schien alles perfekt.


Aber wie ich bereits sagte, ist Alkoholismus eine Krankheit, die man nicht von außen nach innen in den Griff bekommt und die nicht ausbricht, weil man ein asoziales Leben führt. Es ist keine Krankheit die einen heimsucht, weil man offensichtlich allen Grund hat sich sinnlos zu besaufen. Das bedeutet im Umkehrschluss, man bleibt nicht verschont, weil die Umstände vermeintlich keine Wünsche offen lassen. Es geht nicht um beruflichen Erfolg, gutes Aussehen, Ruhm, Bildung oder Reichtum. Der einzige Grund, warum ein Alkoholiker trinkt, ist immer der gleiche: Angst.


Diese Angst könnte man auch als eine seelische Obdachlosigkeit bezeichnen, die sich, ausnahmslos durch alle sozialen Schichten zieht. Wer die chronische Krankheit Alkoholismus in den Griff bekommen möchte, wer es schaffen möchte trocken zu leben, muß genau dort ansetzen: ganz tief drinnen, wo der Schmerz sitzt, die Ängste, der Mangel, und die grenzenlose Leere, die man nicht ertragen kann.


Und genau hier, kommen wir zu einem weiteren Auslöser für die Co-Abhängigkeit: die Unwissenheit. So wie die meisten Co - Abhängigen war auch ich davon überzeugt, daß ich durch das Aufräumen im Aussen verhindern könnte, dass mein Partner trinkt.


Ich fühlte mich zunehmend für seine Emotionen und Handlungen verantwortlich. Ebenso, wie für das wahr Werden seiner Versprechen.


Ich dachte tatsächlich, daß er gesund wird, wenn ich ihn glücklich mache. Mir war damals noch nicht klar, daß jeder sein Glück selber finden und in der Lage sein muß, es in sich fühlen zu können und zwar nicht nur dann, wenn uns jemand (der Co - Abhängige) sagt daß er uns liebt, die Sonne scheint, das Traumhaus fertig, oder endlich Wochenende ist. Deshalb wird ein Alkoholiker, solange er lediglich mit „Heftpflastern" arbeitet auch immer weiter saufen, egal was das Bankkonto, die Karriere oder das Sexleben sagt, ob die Umstände rosig sind, oder nicht.


Denn man kann im Außen rein gar nichts finden, was eine innere Leere nachhaltig zu füllen vermag.


Man bekommt einen kleinen Kick, fühlt sich gut wenn man den Sportwagen gekauft, oder ein tolles Date hatte, man sich auf einer Party amüsiert, alle über deinen Witz lachen, wenn die Designertasche endlich am eigenen Arm baumelt, oder man die Wirkung des Alkohols spürt.


Aber das ist nicht mehr, als ein ( kurzfristiges ) Vergnügen, daß man nicht mit wahrhaftiger, seelischer Zufriedenheit verwechseln darf, die einem auch in turbulenten Zeiten ein stabiles Fundament bietet, auf dem man sicher stehen kann.


Hinzu kommen die tief sitzenden Ängste, die häufig nicht einmal real sind! Sie existieren lediglich in unserem Kopf und vermögen dennoch so oft, uns in die Knie zu zwingen. Der Alkoholiker greift in diesem Fall zur Flasche und verliert zunehmend die Kontrolle. Der einzige Weg hier rauszukommen, ist reinzugehen, mitten in den Schmerz und blockierende Glaubenssätze, wie „ich bin nicht gut genug“, „ich bin nicht liebenswert", aufzulösen. Er kommt nicht umhin irgendwann hinzusehen, dort wo es richtig weh tut und hat die herausfordernde Aufgabe es auszuhalten, ohne sich zu betäuben, oder in irgendeiner Art zu kompensieren.


Kein Mensch kann vor seinen Dämonen davon laufen, sich vor ihnen verstecken, oder sie im Alkohol ertränken. Man muß ihnen irgendwann in die Augen blicken und sie entwaffnen, um sie ein für alle Mal loszuwerden.


Es ist vielleicht möglich, die Augen vor dem zu verschließen, was man nicht sehen möchte, aber man kann sein Herz nicht vor dem verschließen, was man nicht fühlen möchte. Kein Mensch kann das und kein Rauschmittel kann das nachhaltig bewirken.


Unser aller Leben, natürlich auch das eines Alkoholkranken, stellt uns immer wieder vor Herausforderungen. Sie kommen ungewollt und meistens auch noch unerwartet. Das können wir nicht ändern.


Aber wie können unsere Resilienz stärken, um diese Stürme auszuhalten, neue Sichtweisen in Betracht ziehen, im Vertrauen bleiben und Lösungen finden zu können. Der Alkoholiker muß lernen, in diesen, für uns alle schwierigen Situationen, wenn der Wind eiskalt entgegen bläst, die Segel richtig zu setzen, anstatt sich mit Alkohol „Mut“ anzutrinken, sich abzulenken oder zu betäuben.


Ein Leitspruch, den ich sowohl von diversen Therapien, die mein Partner gemacht hat, als auch von seinen Besuchen bei den Anonymen Alkoholikern kenne, beschreibt es so:


Gott gebe mir die Gelassenheit,

Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,

den Mut, Dinge zu ändern,

die ich ändern kann,

und die Weisheit,

das eine vom andern zu unterscheiden!


Um die Krankheit in den Griff zu bekommen, ist es unerläßlich, daß ein alkoholkranker Mensch eine Reise zu sich selber macht, in seinen seelischen Garten geht und ihn aufräumt, das Unkraut jätet und neue Samen säht.


Das bedeutet, der Alkoholiker hat die große Aufgabe, den Geist des Alkohols durch einen Geist, der ihm innere Stärke, Glauben, Orientierung und Urvertrauen schenkt, zu ersetzen. Um es mit den Worten des Schweizer Psychiaters Prof. Dr. Carl Gustav Jung zu sagen, der in einem Brief vom 30. Januar 1971 an Bill W., einen der Gründer der anonymen Alkoholiker schrieb:


Spiritus contra spiritum!


Es ist unendlich wichtig für den nachhaltigen und andauernden Erfolg der Nüchternheit, daß dem Alkohol etwas entgegengesetzt wird, das zu einer echten Alternative für den Griff zur Flasche wird. Sich das Trinken „nur“ zu untersagen, sich zusammenzureißen, ohne die eigentliche, die „innere Arbeit“ zu tun, wird keinen Bestand haben. Die Wahrscheinlichkeit, daß ein Alkoholkranker bei der nächsten ( großen ) Windböe, Enttäuschung oder Herausforderung wieder zu seinem „Allheilmittel“ greifen wird, ist vielmehr eine absehbare Tatsache, als eine mögliche Option.


Der Co - Abhängige kann im Aussen Purzelbäume schlagen, sich bis zur Unkenntlichkeit verbiegen, 24/7 parat stehen, lächeln, weinen, lieben, drohen, lügen, vertuschen, Rechnungen übernehmen… es wird rein gar nichts nützen. Das Einzige, was der Co - Abhängige erreichen wird ist, das System am laufen zu halten und selber an den Auswirkungen der Trunksucht eines anderen zu Grunde zu gehen.


Der einzige Mensch den wir wirklich ändern können sind wir selber.


Doch in einer co- abhängigen Beziehung versucht einer, einen anderen zu verändern. In der Regel kämpft hier ein Mensch für etwas, auf das er keinen Einfluss hat und übernimmt Verantwortung, die nicht seine ist.


Es entsteht eine gegenseitige Abhängigkeit mit einer extrem manipulativen Dynamik, die immer weniger Raum für Vertrauen und Augenhöhe zulässt.


Der Co - Abhängige kämpft um die Nüchternheit eines anderen und klammert sich nicht selten an die schöne Anfangszeit, oder die zukünftige Wunschvorstellung seiner (unglücklichen) Beziehung, während er versucht, die Fassade aufrechtzuerhalten.


Ich erkannte zudem, dass er durch den Alkohol derjenige geworden war, der mir permanent emotionale Wunden zufügt und ich diejenige, die dann darauf wartete, dass er sie wieder verarztet.


Ich war nicht mehr bereit, mich aus Angst vor den Konsequenzen weiter und immer tiefer in diese zerstörerische Beziehung zu flüchten. Ich wollte mich endlich auch meinen Ängsten stellen und lernen, die damit einhergehenden Gefühle auszuhalten, denn mir wurde klar,...


... dass alles, was wir nicht ändern, eine indirekte Wahl ist und ich wählte bewusst emotionale Freiheit.



Byebye Co - Abhängigkeit!

Alles Liebe,

Julia





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