Die Krankheit kann jederzeit zuschlagen.

Eine der fatalsten Folgen der Co - Abhängigkeit in Bezug auf Alkoholismus, ist in meinen Augen die Isolation, die sich daraus zwangsläufig ergibt. Man muß immer mit dem Schlimmsten rechnen, und vermeidet deshalb gerade in kritischen Phasen Verabredungen, Parties, und Veranstaltungen auf den getrunken wird. Zumindest war es bei mir so. Selbst wenn es letztendlich gut ging, war ich im Vorfeld so angespannt, daß es mir das Ganze oft einfach nicht wert war. Beziehungsweise redete ich mir ein, daß ich sowieso keine Lust auf Event "XY" habe, um die Wahrheit weiterhin ausblenden zu können. "Die Leute sind nicht so mein Fall... Oktoberfest ist mir viel zu stressig und zu voll... Parties sind mir auf Dauer zu oberflächlich... ich gehe am Wochenende lieber früh ins Bett, um mein Schlafdefizit nachzuholen... führen." ... oder ein gutes Buch lesen anstatt belanglosen Smalltalk zu führen.


Ich machte mir selber etwas vor, damit es erträglicher war, das social life nahezu still zu legen.


Aber es gab auch die Variante, daß ich mich auf etwas einließ, meine Angst so gut es ging ausblendete, versuchte daran zu glauben, daß T. es schaffen würde nichts zu trinken, und

bitterlich enttäuscht wurde. Ich erinnere mich an eine Grilleinladung bei uns zu Hause.

Es war Fußball WM, und da T. eine sehr gute Phase hatte, entschied ich mich es zu wagen, wieder einmal ein paar Freunde einzuladen. Ab dem Moment, als ich die Einladung ausgesprochen, und alle zugesagt hatten, beschloß ich, mich ganz einfach auf einen schönen, lustigen Nachmittag zu freuen. Ich kaufte Chips und schwarz/rot/gelbe Gummibärchen für die Kinder, Fleisch und Würstchen satt, besorgte für uns alle Fanaccessoires, bereitete verschiedene Salate zu, und rückte den Fernseher an die Terrassentür. Ich schlüpfte in meine Lieblingsjeans und zog ein hübsches schulterfreies Top dazu an. Als ich T.´s Auto vorfahren hörte, öffnete ich bestens gelaunt die Tür, um ihn mit einem Kuss zu begrüßen.


Doch soweit kam es nicht, da ich ihm sofort ansah, daß er wieder getrunken hatte.


Er versuchte mit einer gespielten guten Laune und blöden Sprüchen seinen Zustand zu überspielen, doch das Ganze war wenig überzeugend, und glich eher einem wirklich miesen Schmierentheater. Er fuhr sich wie immer wenn er nicht nüchtern war, übertrieben oft durch die Haare, und sein Blick war in einem Moment angriffslustig, im nächsten orientierungslos, um sich immer wieder in der Leere zu verlieren. Ich stand einfach nur da. Wie angewurzelt.


Es war wie ein Schlag in die Magengrube, und fühlte

sich jedes Mal an wie angeschossen zu werden.


Ein Orkan aus Zorn und Traurigkeit fegte regelrecht durch meine Eingeweide, während ich weiter schwieg. Alles war perfekt. Oder sagen wir so: alles hätte wie schon so oft perfekt sein können!

Die Sonne schien, die Girlanden hingen, der Tisch war im Garten gedeckt, die Jungs freuten sich, und unsere Freunde waren auf dem Weg. Ich hatte alles getan, um es uns schön zu machen,

und konnte jetzt rein gar nichts daran ändern, daß daraus nun nichts mehr werden würde.

Vielleicht ging das Ganze einigermaßen glatt über die Bühne, aber meine kurz aufgeflackerte Unbeschwertheit war gekillt, und natürlich spüren das Menschen, die einem nahe stehen.

Sie spielen das Spiel mit, aber eine ausgelassene Stimmung, "klare Luft", sieht anders aus.

Ich wußte daß es keinen Zweck hatte T. jetzt anzusprechen, da er nur unsachlich werden und

das Trinken abstreiten würde. Sollte ich alles abblasen und den Tag, somit auch für die Kinder komplett ruinieren?


Nein.


Also tat ich, was ich immer tat, solange er sich noch halbwegs unter Kontrolle hatte:

ich unterdrückte meine Enttäuschung, meine Traurigkeit, meine überbordende Wut und die Angst was noch passieren würde, und versuchte, seinen Zustand vor allen anderen zu überspielen.


Ich machte, wie immer in solchen Situationen, gute Miene zum bösen Spiel, während ich innerlich brodelte.


Jedes Mal wenn er aus meinem Blickfeld verschwand fürchtete ich, daß er heimlich wieder zur Flasche griff, und hoffte, daß es wenigstens kein Wodka, sondern nur ein Bier war. So sehr ich mich auf diesen Nachmittag gefreut hatte, so sehr betete ich nun, daß er möglichst schnell und ohne großes Drama vorübergehen würde.



Eine andere Veranstaltung, die zunächst ähnlich fröhlich begann, war ein Osterbrunch in dem Hotel, in dem T. arbeitete. Er konnte sich zwar nicht frei nehmen, aber ich hatte mit Familie und Freunden einen großen Tisch reserviert, und sicher konnte er zwischendurch bei uns vorbeischauen, und sich vielleicht auch hin und wieder kurz zu uns setzen. Am Ende des Tages würden wir gemeinsam nach Hause fahren und den Abend geniessen, während die Kinder all ihre Süssigkeiten vernichteten.


Soweit meine Wunschvorstellung.


Nachdem T. schon sehr früh los mußte, um mit seiner Arbeit zu beginnen, kam ich mit den Jungs nach. Es war wie immer eine besonders schöne, familiäre Atmosphäre und die Kulisse an diesem, für mich fast magischem Ort, mit dem Park und einem atemberaubendem Blick in die Berge hätte nicht schöner sein können. Ich war nach wie vor optimistisch, daß alles gut gehen würde und freute mich über die Aussicht auf einen schönen Feiertag. Aber wie ich ja bereits erwähnte, ist die Krankheit Alkoholismus unberechenbar. Und so hoffnungsvoll dieser Tag begonnen hatte, endete er am frühen Nachmittag damit, daß T. kaum noch ansprechbar, von Kollegen in einen Nebenraum geschafft wurde. Meine Kinder waren zu diesem Zeitpunkt zum Glück schon bei meiner Schwägerin zum Nachmittagskaffee. Ich holte das Auto und wir hievten T. gemeinsam hinein. Ich habe keinen blassen Schimmer wie es mir zu Hause gelungen ist, ihn in den ersten Stock und ins Bett zu befördern, aber ich weiß noch wie ich mich fühlte, als er endlich eingeschlafen war. Ich war traurig, sprachlos, und fühlte eine unendliche Leere. Ich dachte bei mir, so schnell kann es gehen. Gerade noch saß ich in einer fröhlichen Runde, plauderte, lachte, genoß in vertrauter Gesellschaft ein köstliches Essen und die wunderschöne Aussicht. Draussen sah man eine Schar ausgelassener Kinder in Dirndl und Lederhosen, die übermütig umherliefen um bunte Ostereier und Schokoladenhasen zu suchen.


Ich war Teil einer, von aussen betrachtet, heilen Welt in Perfektion.


Nur drei Stunden später, saß ich am Ostersonntag bei schönstem Wetter, in meinem mittlerweile zerknitterten Seidenkleid auf dem Fußboden in der Küche. Ich überlegte mir, wie und wohin ich meine Kinder über Nacht ausquartieren könnte, ohne daß sie Verdacht schöpften, und sich am Ende noch Sorgen machten. Gleichzeitig hatte ich eine höllische Angst was heute noch passieren konnte, wenn T. wieder zu sich kam und habe gebetet, daß er bitte einfach durchschläft bis er wieder zurechnungsfähig ist. Man hatte mich gebeten dafür zu sorgen, daß er heute nicht mehr im Hotel auftaucht.


Das ist aber leichter gesagt als getan, wenn ein volltrunkener Alkoholiker zu Bewusstsein kommt, aber dennoch weit davon entfernt ist, nüchtern zu sein.


Es dauerte leider nicht allzu lange, und T. kam völlig derangiert die Treppe herunter gepoltert. Natürlich konnte ich ihn nicht davon abhalten, sich auf den Weg zurück ins Hotel zu machen. Obwohl er noch immer jenseits von Gut und Böse war, beharrte er darauf, dort dringend gebraucht zu werden. Ich wußte, daß es mir nicht gelingen würde ihn aufzuhalten. Das einzige was ich tun konnte war abzuwarten. Ich saß zu Hause, lethargisch, wie gelähmt und war nicht in der Lage, irgend etwas anderes zu tun, als auf ein glimpfliches Ende dieses schrecklichen Tages zu hoffen.



Byebye Co - Abhängigkeit!

Alles Liebe,

Julia


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