Wenn Du weißt, dass es so nicht mehr weitergeht.

T. war weit davon entfernt einsichtig oder demütig zu sein, und suchte nach wie vor etwas in der Flasche, was er dort niemals finden würde. Er besuchte die Meetings teilweise sogar alkoholisiert, was scheinbar niemandem auffiel, oder zumindest keine Konsequenzen für ihn hatte.



Mich beruhigte es damals trotz aller Skepsis zu wissen, daß sein Arzt ihn regelmäßig zu Gesicht bekam, und ich verließ mich einfach darauf, daß dieser Alarm schlagen würde, wenn es notwendig war. Ich hätte auch nicht gewußt, was die Alternative zu meiner Kopf in den Sand - Methode gewesen wäre. Das neue Jahr verging ohne größere Zwischenfälle, und endlich war der Sommer da. Wir hatten eine gute Phase, und verbrachten viel Zeit mit meinen engsten Freunden, zu denen die Verbundenheit durch ihre riesengroße Unterstützung in den schwierigen Zeiten größer war, denn je. Wir waren in jeder freien Sekunde am See, aalten uns in der Sonne, paddelten mit dem SUP Board hinaus, aßen Steckerlfisch, und hatten jede Mange Spaß zusammen. Wir liebten es mit dem Tretboot zu einem, in der Nähe gelegenen, herrlich altmodischen Strandbad zu fahren, um dort unter gelben Sonnenschirmen, und zwischen vielen alten Damen im geblümten Badeanzügen, den köstlichen hausgemachten Käsekuchen zu geniessen. T. redete wieder verstärkt über unsere Hochzeit, die er sich so sehr wünschte, und wir waren an einem Punkt, an dem ich, nach allem was passiert war, wieder daran glauben konnte, daß wir es schaffen würden, zusammen glücklich zu sein. T. konnte sich zu der Zeit über viele gute Aufträge freuen, und es ging uns unterm Strich gesehen, so gut wie lange nicht mehr.


Doch wie sooft, kippte sein stabil wirkender Zustand meistens dann, wenn ich am allerwenigsten damit rechnete.


Eines nachmittags, als ich mit Freunden an der Hütte saß, sah ich ihn von weitem kommen, und mir schwante nichts Gutes. Er ließ seinen Kopf und die Schultern hängen, fuhr sich übertrieben oft durch die Haare, und hatte sichtlich Schwierigkeiten, den relativ schmalen Holzsteg gerade entlang zu laufen. Als er näher kam, erkannte ich den Blick, der alles sagte. Er war hilflos und leer... seine Persönlichkeit war verändert.


Es gab keinen Zweifel, er hatte wieder getrunken. Da war er wieder: "der Schlag in die Magengrube". Jedes Mal stürzte für mich erneut eine Welt zusammen.


Und dann, nach einem weiteren schwerem Rückfall, war der berühmte Moment, in dem das Faß überläuft, gekommen. Der Moment, indem man seine Intuition nicht weiter Lügen straft, man sich nicht mehr von Konsequenzen einschüchtern läßt, sondern intuitiv und spontan handelt.


Ich bat T. auszuziehen, da die Situation nicht mehr tragbar war.


Er tat worum ich ihn gebeten hatte, und richtete sich, mehr als notdürftig, in seinem Büro in unserem Geschäft ein. Sein Zustand war nun, beim besten Willen, vor keinem der nahstehenden Beteiligten mehr zu verbergen. An einem Wochenende, als seine Verfassung besonders miserabel war, halfen meine Mitarbeiterin und ich T. dabei, einen seiner Aufträge fertig zu stellen, da er nicht mehr in der Lage gewesen wäre, das alleine zu bewerkstelligen. Er überhäufte uns lallend mit Dankbarkeit und gab sich einsichtig, aus dieser Erfahrung heraus nun endgültig die Kurve zu kratzen! Er wiederholte in einer Endlosschleife „Ihr seid wirklich die Allerbesten... jetzt hab´ ich einen Plan..., ab morgen läuft´s,..." Wir nahmen ihn beide nicht ernst, ließen ihn allerdings in dem Glauben, weil er uns so unendlich leid tat.


T., der Mann den ich liebte, verwandelte sich zusehends in eine traurige Karikatur seiner selbst.


Die Situation im Laden war nun kaum noch zu ertragen. Dennoch funktionierten wir alle auf wundersame Weise, als wären wir mit Batterien betrieben. Vor allem meine Mitarbeiterin leistete Übermenschliches, und ohne ihren riesengroßen Einsatz wäre ich längst untergegangen. Daß auch sie schon lange am Ende ihrer Kräfte und ihrer Belastbarkeit angelangt war, bekam ich nicht einmal mit, da ich so sehr mit T. und mit mir beschäftigt, und im Strudel unserer Probleme verstrickt war.

Ich drehte mich unermüdlich wie ein Rädchen in unserem Suchtsystem und hatte nicht mehr viel Kapazität, Empathie für andere Menschen aufzubringen.


Zu dieser Zeit verkündete mir unsere Teilzeitkraft zu allem Überfluss, daß sie uns verläßt. Wir hatten Glück, und erstaunlich zeitnah ein Vorstellungsgespräch mit einer ziemlich vielversprechenden und sympathischen Kandidatin in Aussicht. Als ich mich nun endlich im Gespräch mit der potenziellen neuen Mitarbeiterin befand, und versuchte mich zusammen zu reißen, mir nicht anmerken zu lassen, wie sehr ich durch den Wind war, sah ich wie T. aus dem hinteren Teil des Ladens angetorkelt kam. Ich dachte, ich sehe nicht richtig und war wirklich einem Nervenzusammenbruch nahe. Er war total betrunken und wankte mitten in unser Gespräch. Seine Schürze war vollkommen verschmiert, und die Haare hingen ihm fettig ins Gesicht. Anstatt ihn in so einem Moment anzuschreien, ihm einmal richtig die Meinung zu sagen, meinem Schmerz, meiner Wut und meiner Enttäuschung Luft zu machen, faßte ich ihn mit Samthandschuhen an. Ich umgarnte ihn regelrecht, um eine weitere Eskalation um alles in der Welt zu verhindern. Dieses ewige sich verstellen, sich zusammenreißen, auf den anderen eingehen, wenn man selber wütend und am Ende ist, macht einen kaputt. Es ist, als sei der Alkoholiker das Epizentrum eines Karussells, um das ich alle anderen ununterbrochen drehen. Und egal wie schwindelig und schlecht allen bereits ist, drehen sie unermüdlich eine Runde nach der anderen.


Auf unerklärliche Weise ließ sich unsere Kandidatin nichts anmerken. Sie reagierte in keinster Weise auf T.´s unsäglichen Auftritt. Sie sagte zu.

Das änderte allerdings nichts an der Tatsache, daß mich solche Situationen unendlich viel Kraft kosteten, die mir an anderer Stelle nicht mehr zur Verfügung stand.


Es folgte die nächste, unausweichliche Entgiftung in einer Klinik, und ich bat meine Mutter, ob T. im Anschluß vorläufig bei ihr unterkommen könne, da sie ohnehin fast ständig unterwegs war. Sie zögerte keinen Moment, da auch sie den „nüchternen T.“ wahnsinnig mochte, und auch nach wie vor auf ein glückliches Ende für uns hoffte.


Diese Lösung schien für den Moment perfekt! Wir waren ein Paar, lebten aber nicht mehr unter einem Dach, was die schwierigen Umstände enorm entlastete.


Die Kinder und ich konnte endlich ein bißchen durchatmen, und unser zu Hause wurde nach und nach wieder zu einem Ort, an dem man sich uneingeschränkt wohlfühlen konnte.


Auch die Situation im Geschäft entspannte sich nun langsam für alle Beteiligten ein wenig.


Mit Der Rückkehr von T.´s Nüchternheit fingen wir an, uns zu richtigen Dates zu treffen, gingen essen, oder er kochte für mich. Der Abstand tat uns beiden sichtlich gut, und ich hoffte, dies sei der entscheidende Schuss vor den Bug gewesen, den er gebraucht hatte, der ihm endlich den Ernst der Lage, und die Dringlichkeit seiner hundertprozentigen Nüchternheit vor Augen geführt hatte. Eines nachmittags besuchte ich T. im Haus meiner Mutter. Es war ein wunderschöner Sommertag, und wir schlenderten wie frisch Verliebte, Händchen haltend zum See. Wir dösten ein bißchen unter den Schatten spendenden Ahornbäumen am Ufer, gingen baden, ließen uns von den warmen Sonnenstrahlen trocknen und beobachteten eine Gruppe Teenager beim Flirten. Es fühlte sich unbeschwert, vertraut und schön an. Ich war entspannt, da ich spürte, daß T. gerade nicht getrieben, nicht am Straucheln war.


Er strahlte eine Aura der Ruhe und Gelassenheit aus, die sich sofort auf mich übertrug. Rückblickend finde ich es erstaunlich, wie schnell ich zwischen Drama und heiler Welt hin und her switchen konnte. Ich hatte diese Fähigkeit im Laufe meiner

Co - Abhängigkeit absolut perfektioniert.


Als die Jungs der Clique neben uns die Bierdosen zischen ließen und ihren Ghettoblaster aufdrehten, packten wir unsere Handtücher zusammen, und machten uns auf den Rückweg. T. bat mich, es mir im Garten gemütlich zu machen, und kam kurze Zeit später mit einem köstlichen Sommerpicknick, das er für uns vorbereitet hatte, zurück. Es gab knusprige Hähnchenkeulen, einen himmlischen Shrimps-, einen sensationellen Linsensalat, und Burrata mit süßen Tomaten. Wir saßen an einem kleinen runden Tisch, die Füße barfuß im warmen Kies, und die prallen Blüten der Kletterrosen hingen schwer und duftend vom Spalier. In der nahegelegenen Werft war das alljährliche Sommerfest mit Livemusik in vollem Gange, doch weder T. noch ich hatten Lust, uns unter die Partygäste zu mischen. Zu sehr genossen wir unsere Zweisamkeit. Schließlich begann er über die Details unserer Hochzeit zu sprechen, als stünde sie kurz bevor. Das Gespräch nahm sehr schnell eine so positive Dynamik an, daß wir einen der allerschönsten und lustigsten Abende überhaupt miteinander verbrachten. Wir überlegten wen wir einladen würden, und wen auf gar keinen Fall. T. sagte er wolle für unsere Torte einen Caketopper mit dem Schriftzug

„Wie Arsch auf Eimer“! Er fügte hinzu, daß es natürlich klar sei, daß er der Arsch sei, und ich der allerschönste Eimer sei, den die Welt je gesehen hat. Da war er wieder, sein Humor, den ich so sehr liebte.


Es fühlte sich an, als seien wir ein ganz normales Paar. Ein Paar, daß nicht seit Jahren mit einem der größten Gesundheitsprobleme unserer Zeit zu kämpfen hatte, das nicht dabei war, seine große Liebe an die heimtückische Krankheit Alkoholismus zu verlieren.


Und auch wenn ich Weltmeisterin darin war, nach solchen schönen Momenten alle Dramen der Vergangenheit vor mir selber zu bagatellisieren, hatte das leider nicht den geringsten Einfluß auf die Realität. Es folgte auch diesmal kurz darauf, der nächste richtig große Absturz. Eigentlich kam er immer sehr schnell nach den besonders guten Phasen, genau dann, wenn ich nicht damit rechnete.


Ich betrat frühmorgens, beschwingt von unseren schönen Verabredungen den Laden, und T. war bereits da. Ich spürte sofort, daß etwas nicht stimmte. Als ich ihn sah, wußte ich, daß er bereits soviel getrunken hatte, daß es sehr schwer bis unmöglich werden würde, in irgendeiner Weise auf ihn einzuwirken. Ich fragte mich, was ich bloß mit ihm anstellen sollte, mußte mich aber eigentlich um meine Arbeit kümmern. Ausgerechnet an diesem Tag erwarteten wir ortsansässige Dirndl Designerinnen zu einem Verkaufs - Event bei uns im Geschäft. Ich war in solchen Momenten wie ferngesteuert, spürte wie sich mein Magen zuschnürte, und ich hielt oft unbewußt die Luft an, atmete nur noch sehr flach. Meine Mitarbeiterin, die natürlich auch längst wußte was los ist, erschien zum Glück auf der Bildfläche, und kümmerte sich alleine um das Geschäft, so daß ich „hinter den Kulissen“ versuchen konnte, T. aus dem Verkehr zu ziehen. Aber in diesem Zustand, konnte ich ihn auch nicht zu meiner Mutter schaffen. Ich wußte nicht recht was ich nun tun sollte.


Obwohl er Mühe hatte zu stehen, komplett planlos und volltrunken war, sah er überhaupt nicht ein, daß er so nicht arbeiten konnte. Er redete nur noch wirres Zeug, und brachte alles durcheinander. Ich war ganz kurz davor komplett auszurasten, und ihn anzubrüllen.


Ich war wütend, enttäuscht, traurig und ausgebrannt, und die Tränen liefen mir mittlerweile in Strömen über das Gesicht. In der Zwischenzeit waren alle Damen eingetroffen. Ich konnte sie bis in T.´s Büro hören. Sie schnatterten fröhlich durcheinander, und fingen an, ihre Ware auszupacken und Bistro Tische aufzustellen. Ich konnte hören, daß nach mir verlangt wurde. Ich hatte im Vorfeld zugesagt früh da zu sein, und mich am Aufbau zu beteiligen. Jetzt gab es nichts, was mich weniger interessiert und mehr gestresst hätte als das. Ich ignorierte das Treiben im Laden und beschloß, mich jetzt nicht zu zerreißen und darauf zu verzichten, draußen meine übliche Performance abzuliefern. Stattdessen griff ich in meiner Verzweiflung zum Telefon und rief T.´s Schwester, mit der Bitte ihren Bruder schnellstmöglich abzuholen, an. Sie hatte das Haus voller Gäste, ließ dennoch sofort alles stehen und liegen, um zehn Minuten später da zu sein. Sie hatte einen Vetter als Verstärkung mitgebracht, und gemeinsam gelang es ihnen schließlich, den zunächst widerspenstigen T. in ihr Auto zu befördern. Bevor sie wegfuhren, umarmte sie mich lange, strich mir über den Kopf und drückte meine Hände ganz fest mit den Worten: „Ich bin immer da wenn Du mich brauchst.“


In diesem Moment wurde mir wieder einmal bewußt, daß sie und ihre Mutter für mich in diesen schwierigen Zeiten, mit die allergrößten Stützen gewesen waren. Mittlerweile fürchtete ich nicht nur T. zu verlieren, sondern mit ihm, auch seine wundervolle Familie, die mir so sehr ans Herz gewachsen war. Als ich das Auto wegfahren hörte, und alleine und verheult in dem Chaos saß, daß er angerichtet hatte, mußte ich an einen Zeile denken, die ich irgendwann einmal gehört hatte...


„If you always do, what you have always done, you will always get, what you have always got!“



Byebye Co - Abhängigkeit!

Alles Liebe,

Julia





205 Ansichten
  • White Instagram Icon

© 2019 by Julia Maria Kessler

Proudly created by Frida Neuner