Oh Du Fröhliche!

Weihnachten, die schönste Zeit des Jahres... Ist das so? Ich verrate Dir, wie ich das sehe. Ich persönlich liebe, liebe, liebe Weihnachten, mit allem Pipapao, Glitzer, Kerzen, Dean Martin, Ilexkränzen, liebevoll verpackten Geschenken mit Satinschleifen, selbstgebastelten Kalendern für die Kinder, und würde es trotzdem nicht als die schönste Zeit des Jahres bezeichnen. Warum? Weil genau hier das Problem liegt.


Die Aussicht, daß genau ab dem 1. Advent die schönste Zeit des ganzen Jahres beginnen muß, erzeugt keine Vorfreude, sondern nichts als enormen Druck, wenn es gerade nicht so läuft, wie man es sich vorgestellt hat.


Dieser Druck wird durch perfekte „heile Welt Inszenierungen“ in Werbespots, Spielfilmen und Zeitschriften nicht nur manifestiert, sondern überdimensional groß aufgeblasen. Wir lassen uns suggerieren, wie genau diese perfekte Version der staaden Zeit auszusehen hat. Ich würde sagen, die "Top Ten" der vermittelten „Must Haves" sind: eine harmonische Großfamilie, eine in Schnee gebettete, filmreife und opulent geschmückte Kulisse, ein schwanzwedelnder Hund, luxuriöse Geschenke, ein mehrgängiges Menu, Mädchen mit karierten Schleifen im Haar, und Jungs mit Seitenscheitel, die hingebungsvoll Flöte und Klavier spielen, nicht zu vergessen, der liebende Partner, der einen im Glanz des Christbaumes, mit einem funkelnden Schmuckstück zu Tränen rührt. Natürlich tragen alle nicht nur makellose Abendgarderobe, sondern auch ein Dauerlächeln im Gesicht, und die stimmungsvolle Musik wird vom Knistern des Kaminfeuers untermalt. Friede, Freude, Eierkuchen auf der ganzen Linie. Klingt gut. Und verstehe mich bitte nicht falsch… ich würde dieses „Rundumsorglospaket“ auch genau so nehmen. Sofort!


Aber was ist, wenn das Geld knapp, die Familie zerstritten ist, und der ( Ex- ) Partner die Feiertage mit seiner neuen Flamme auf den Malediven verbringt? Heißt das, daß man sich vor der Weihnachtszeit fürchten, und darauf hoffen muß, daß sie möglichst schnell vorüber geht?


Ganz und gar nicht! Ich denke, daß nicht die Feiertage, sondern unsere Erwartungen das Problem sind, und die Tatsache, daß es uns schwerer fällt, uns, in solch von Emotionen geschwängerten Zeiten, etwas vorzumachen. Natürlich wünschen wir uns alle die perfekte Version unseres Lebens. Ganz besonders an Weihnachten. Aber wenn dem gerade nicht so ist, heißt das nicht, das wir automatisch noch etwas trauriger und frustrierter sein müssen, als ohnehin schon.


Der Trick ist, sich von den Erwartungen zu verabschieden, und sich zu überlegen, was die beste Version der Feiertage ist, die in der aktuellen Situation möglich ist.


Vielleicht hat einen der Weihnachtsbaum sowieso immer gestresst, und man nutzt die unglücklichen Umstände, um dieses Jahr komplett auf einen Baum zu verzichten. Oder man nimmt sich vor, jetzt erst recht den allerschönsten, größten, prächtigsten Baum zu schmücken, der nicht sagt:

"Hier ist jemand einsam, verlassen und traurig, sondern hier haben wir es jemandem zu tun, der es sich selber wert ist, sich eine Freude zu bereiten, und es sich so schön wie nur möglich zu machen." Vielleicht müssen wir uns von der Vorstellung verabschieden, Weihnachten kann nur im Kreise der Familie erfüllend sein. Wenn es keine Familie gibt, feiert man eben mit Freunden. Wenn kein Partner da ist, der Dich mit einem schönen Geschenk überrascht, dann besorge Dir selber eins, und freue Dich darauf, es an Heilig Abend auszupacken. Wenn Du Weihnachten nicht ausstehen kannst, klinke Dich aus, mache es Dir richtig gemütlich, und sehe Dir Deine Lieblingsfilme an. Ganz ohne Lichterketten, Kugeln und Plätzchen. Du kannst über Heilig Abend auch mit Deinem besten Freund verreisen. Oder alleine.


Nirgendwo steht geschrieben, wie wir diese Tage zu verbringen haben. Wir haben lediglich irgendwann beschlossen, zu glauben es hat genau so laufen, wie wir es vermittelt bekommen, und müßten im Umkehrschluss unendlich traurig sein, wenn es anders kommt.


Vor zwei Jahren fürchtete sich meine Freundin vor dem 24.12., war regelrecht bedrückt und betrübt, weil es das erste Weihnachten war, das sie nach ihrer Scheidung ohne ihre Tochter verbringen mußte. Ich lud sie ein mit uns zu feiern, und die Aussicht in einem nicht "perfekten", sondern zusammengewürfelten Haufen aus Singles, Alleinerziehenden, Familie, Freunden, Nachbarn und Patchwork zu feiern, entspannte sie etwas. Und obwohl der wichtigste Mensch in ihrem Leben an diesem Abend fehlte, sagte sie später zu mir, daß sie noch nie ein so lustiges Weihnachtsfest erlebt hatte.


Sobald wir die Luft aus diesem perfektionierten Weihnachtsballon, der schon ab Oktober über uns kreist, herauslassen, ist es plötzlich nur noch ein Monat mit vielen Feiertagen, die wir planen können, wie es uns gefällt, oder wie es eben gerade möglich ist.


Wir fallen ja auch nicht in eine Sinneskrise, wenn mal kein großer Sommerurlaub drin ist, sondern verbringen stattdessen einfach schöne Badetage am See, sonnen uns auf dem Balkon, gehen in die Berge, oder picknicken im Stadtpark. Und ganz ehrlich, eine schlechte Phase, eine Krise, ein Verlust oder gar Schicksalsschlag ist schrecklich und herausfordernd, auch wenn Frühling ist.


Weihnachten kann nichts dafür wenn es uns schlecht geht, sondern kann vielmehr ein Spiegel sein, der uns klar und deutlich zeigt, daß wir uns in einem Leben befinden, daß sich nicht richtig anfühlt, und uns nicht gut tut.


Ich stand während der Beziehung mit einem Alkoholiker während der Weihnachtszeit extrem unter Strom, weil ich die vielen Versuchungen auf den Weihnachtsfeiern, Christkindlmärkten, und gemütlichen Umtrunken fürchtete, wie der Teufel das Weihwasser. Und auch wenn es letztendlich gut läuft, bist Du als Co - Abhängiger so unendlich angespannt, daß jede Unbeschwertheit und Vorfreude gekillt wird, und die möglichen Freuden dieses Festes, nicht mehr im Verhältnis zu Deiner nervlichen Anspannung im Vorfeld stehen. Und obwohl es mir mit diesem Zustand alles andere als gut ging, konnte ich das natürlich auf keinen Fall zeigen, sondern gab mich fröhlich und unbeschwert, und kümmerte mich freiwillig alleine um alles, was es zu tun gab, um seine Stimmung nicht unnötig zu gefährden. Seine Aufgabe war es nichts zu trinken, und alles andere hing an mir. Und war der 24.12. heil überstanden, lauerte nach diesem Spießrutenlauf direkt Silvester um die Ecke. Damals gab ich Weihnachten die Schuld an meinem Zustand, und entwickelte eine regelrechte Antipathie, für diese, mir bis dato so heiß geliebte Zeit.


Ich war so erleichtert, wenn endlich Januar, und das Zittern, und gute Miene zum bösen Spiel machen, vorüber war. Denn durch die Krankheit meines Partners, wurde der Dezember für mich schlicht und ergreifend, zu einer nervlichen Zerreißprobe.


Wenn ein eigentlich schöner Anlass bedrückt und Angst macht, kann das augenöffnend sein, und einem zeigen, daß es etwas Grundlegendes zu verändern gilt. Somit können die gefürchteten Feiertage auch ein Anstoß sein, darüber nachzudenken, was man gewinnen würde, wenn man etwas anderes loslässt.


Unabhängig von Alkoholismus und Co - Abhängigkeit ist es im Leben immer so, daß es mal besser, und mal schlechter läuft.


Aber wie wir die Dinge betrachten, und was wir in unserem Kopf daraus machen, liegt an uns.


Mir ging es an meinem letzten Geburtstag so. Der Mann mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen wollte, wohnte aufgrund seines Alkoholismus nicht mehr bei mir, und die Vorstellung, am Geburtstagsmorgen ohne ihn aufzuwachen, lag wie Blei auf meinem Herzen. Hinzu kam der Frust darüber, daß ich nicht nur auf ihn, sondern auch auf seine Rosen, und einen Kuchen verzichten müßte, da meine Kinder noch nicht alleine backen können. Ich fühlte mich durch meinen nahenden Ehrentag so einsam und unglücklich, wie selten zuvor, und versank geradezu im Selbstmitleid, bis mir ein Gedanke kam.


Wenn ich für alle Menschen, die einen Platz in meinem Herzen haben, immer mit großer Freude den wunderschönsten Geburtstagstisch vorbereitete, warum dann nicht auch für mich?


Ich beschloss in diesem Moment wieder eine Beziehung mit mir einzugehen, und mir selber einen bombastischen Blumenstrauß in meiner Lieblingsgärtnerei zu kaufen, und mir keinen Kuchen zu backen, sondern mir eine prächtige Torte mit rosa Fondant und Zuckerblüten zu bestellen. Ich ließ sie mit den Abschiedsworten von Laura Seilers Podcast beschriften, der mir beim schwierigen Weg aus der Co - Abhängigkeit eine riesengroße emotionale Stütze war: Rock on & Namasté!


Ab diesem Moment freute ich mich auf meinen Geburtstag, weil ich keine Erwartungen mehr hatte, die nicht erfüllt werden konnte, und es plötzlich etwas Reelles gab, worauf ich mich freute: die hübsche, köstliche Torte mit meinen Jungs anzuschneiden, und es mir mit ihnen schön zu machen. Den Rest wollte ich nun ganz einfach auf mich zukommen lassen. Das zunächst traurige Bild in meinem Kopf hatte sich gewandelt, weil ich beschlossen hatte es zu ändern. Am Ende hatte ich einen sehr lustigen Tag mit viel Besuch, tollen Geschenken, und wunderschönen Blumen.

Auch von T.


Und zum Glück konnte ich jedem Gast ein Stück Torte anbieten…



Mein Filmtipp für eine gelassenere Sicht auf die Weihnachtszeit: Obendrüber, da schneit es



Byebye Co - Abhängigkeit!

Alles Liebe,

Julia



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