Mein schönstes Geschenk...

Aktualisiert: März 16

Vorletzte Woche saß ich mit meinen Kindern seit langer Zeit einmal wieder im Garten. Ohne Jacke!


Ich hatte es mir nach unserem gemeinsamen Mittagessen mit meinem Kaffee in einem Liegestuhl gemütlich gemacht, während die zwei, mit dem ersten Eis am Stiel des Jahres, das Trampolin nach der Winterpause einweiten. Die Kaninchen meines jüngeren Sohnes dösten aufgeplustert und zufrieden in der Sonne und ich bemerkte, daß der kleine Kirschbaum vor unserer Küche schon voller praller, grüner Knospen hängt, die sich jedes Jahr gefühlt über Nacht, in ein wunderschönes, rosarotes Blütenmeer verwandeln. Und obwohl jetzt alles noch recht trostlos, braun und matschig aussieht, hingen die Frühlings Vibes verheißungsvoll in der klaren, frischen Luft des strahlend blauen Himmels. Ich konnte die Wärme der Sonnenstrahlen auf meiner Haut spüren, das aufgeregte Vogelgezwitscher wurde vom ausgelassenen Herumbalgen der Jungs begleitet und ab und zu hörte man in der Ferne einen Hund bellen.


Als ich auf mein Handy sah, um die Uhrzeit zu checken, damit ich pünktlich zu meinem nächsten Coaching Termin vor dem Laptop sitzen würde, sah ich das Datum: 3. März. Mir fiel wieder ein, daß mein Geburtstag kurz bevorstand.


In den letzten Jahren stand mir dieser Tag tatsächlich BEVOR, doch hier und jetzt fühlte es sich anders an.

In diesem schönen, scheinbar unscheinbaren Moment im Garten registrierte ich, daß all die inkompatiblen Gefühle, die Anspannung, die toxischen Verstrickungen, die Machtkämpfe, die Unsicherheit und die Nervosität der vergangenen Jahre weg waren: sie hatten sich offensichtlich in Luft aufgelöst! Früher wurde ich Ende Januar angespannt und war immer heilfroh, wenn ich meinen Geburtstag endlich hinter mir hatte.


Meine Erfahrungen in der Beziehung zu einem Alkoholiker hatten mir gezeigt, wie schnell sich das Blatt wenden konnte, wenn ich den Blick erkannte, den ich so sehr fürchtete, weil er alles sagte…

… ich gerade eben noch Teil einer, von außen betrachtet, heilen Welt in Perfektion war, um kurz darauf die, für den Moment erlösende Ankunft des Notarztes herbeizusehnen,…


… während einem Essen mit Freundinnen alles stehen und liegen ließ, um den heillos betrunkenen Mann irgendwo einzusammeln,…


… er, als ich gerade alles richtig schön für den WM Grill - Nachmittag mit den Kindern und Freunden hergerichtet hatte, betrunken zur Haustür herein getorkelt kam…


… oder ich nach dem Osterbrunch, der von seinem Vollrausch gesprengt wurde, in meinem zerknitterten Seidenkleid auf dem Boden in der Küche saß und nichts mehr fühlte, als eine grenzenlose Leere und lähmende Ohnmacht.

Ich wußte bereits wie es sich anfühlt, wenn ich wieder einmal beschlossen hatte ihm zu glauben, daß ich vertrauen konnte und ich genau in dem Moment, als ich am allerwenigstens damit rechnete, mit dem nächsten Rückfall konfrontiert wurde, der sich immer mehr wie ein Schlag in die Magengrube anfühlte.


Aber auch dann, wenn es letztendlich gut lief, konnte ich vorher nie sicher sein, was mich erwartet. Genau so, wie an jedem anderen Tag des Jahres.

Ich konnte mich nie wirklich fallen lassen, Ich sein, oder uneingeschränkt vertrauen. Alles kreiste um meinen Partner und seine Alkoholsucht, oder darum, seinen aktuell guten Zustand nicht zum Kippen zu bringen. Alle besonderen, eigentlich freudigen Anlässe triggerten meine Angst noch mehr als üblich, so daß jegliche Unbeschwertheit gnadenlos im Keim erstickt wurde.


Ich war zunehmend fremdbestimmt.
Wie es mir ging, war davon abhängig, wie es ihm ging und ob, oder wieviel er getrunken hatte.
Der Alkohol hatte die Kontrolle über meinen Partner übernommen, der, wiederum abhängig von seinem Zustand/Konsum/Suchtdruck, über Nähe und Distanz in unserer Beziehung bestimmte.

Doch irgendwann nahm ich die Brille ab, durch die ich ihn absolut glorifiziert wahrnahm und alles, was er tat, entschuldigte. Ich wollte endlich einen realistischen Blick auf ihn und unsere Beziehung werfen und mich nich länger für sein inakzeptables Verhalten verantwortlich fühlen. Ja er war und ist krank. Aber es liegt bei ihm, die Verantwortung für diese Krankheit zu übernehmen…


… und an niemandem sonst!


Ich wollte ihm wieder auf Augenhöhe begegnen, gab ihm seine Verantwortung zurück und nahm die Schuldgefühle nicht mehr zu mir. Ich begann meine Standards und Werte zu definieren und zog Grenzen, weil ich begriff, daß die Veränderung bei mir beginnt.

Ich wollte mich nicht länger abhängig von dieser, oder irgendeiner anderen Beziehung fühlen und mich als Konsequenz endlich meinen Ängsten stellen, die der Nährboden für ungesunde Beziehungen waren, da sie mich dazu gebracht hatten, mich selber zu verraten und bis zur Unkenntlichkeit zu verbiegen.


Ich wollte zurück… zurück zu mir. Mit, oder ohne ihm.
Heute kann ich mich wieder entspannt und gelassen auf das Wochenende, die Ferien, eine Einladung bei Freunden, den Besuch meiner Freundinnen, einen neuen Tag, oder auf das Nachhause - Kommen freuen…
… genauso, wie auf meinen Geburtstag. Einfach so. Keine großen Erwartungen, keine Angst, keine Anspannung. Ich fühle nichts als eine gelassene, unaufgeregte Vorfreude.

Als ich diesen Wandel bemerkte, wurde ich von einer regelrechten Welle der Euphorie ergriffen. Ich war von einer Sekunde zu anderen unendlich erfüllt von Dankbarkeit, Leichtigkeit und Glücksgefühlen, die so groß waren, daß ich vor Freude hätte weinen können.


Daß ich so glücklich war, lag nicht an konkreten Erwartungen an meinen Geburtstag, sondern daran, daß mir wieder einmal bewußt wurde, wie gut es mir wieder geht, weil ich mich eines Tages getraut hatte, das Suchtsystem, in das ich mich durch die Beziehung zu einem Alkoholiker heillos verstrickt hatte, zu durchbrechen.


Ich hatte die Wahrheit angenommen, ihm die Verantwortung für seine Krankheit, seine Nüchternheit und alle Folgen seines Trinkens zurückgegeben und mich meinen Ängsten gestellt.

Ich hatte begriffen, daß die Veränderung bei mir beginnt und ich jederzeit den ersten Schritt machen kann, auch wenn er noch meilenweit von seiner ernsthaften Einsicht entfernt war. Ich hatte verstanden, daß Veränderungen nicht mit fertigen Lösungen, sondern mit einer Entscheidung beginnen und daß sich nichts Grundlegendes ändern konnte, wenn ich nicht bereit war, grundlegend etwas zu verändern.


Ich wollte nicht länger mit meiner Hoffnung an einer zukünftigen und auf Hochglanz polierten Idee von meinem Partner kleben und mich mit seinen leeren Versprechen, daß ab jetzt alles anders und es keinen Griff zur Flasche mehr geben wird, füttern lassen.


Ich war nicht mehr bereit das Glück meiner Gegenwart zu opfern, weil ich ewig auf die nüchterne Version von ihm wartete, als gebe es für immer ein Morgen.

Ich wollte mir selber nicht mehr glauben, wenn ich im entscheidenden Moment die guten Phasen heillos glorifizierte, was es umso schwerer machte loszulassen. Ich richtete den Fokus wieder auf die tatsächliche Realität unseres Alltags, sowie auf mich und fragte mich, was notwendige Schritte waren, wenn ich zurückgewinnen wollte, was ich verloren hatte: meinen inneren Frieden, meine emotionale Freiheit und MICH.


Ich wollte meinen Bedürfnissen wieder Raum geben, meiner Intuition wieder vertrauen und mein authentisches Selbst wiederfinden.

Ich wollte die kräftezehrende und lähmende Ohnmacht verlassen und ohne seine Untersstützung/Einsicht/Bereitschaft entscheiden, wie es für mich weitergeht.


I was sick and tired of being sick and tired.
Er war abhängig vom Alkohol und ich war abhängig von ihm.

Von seinem Zustand.

Von seinen guten Phasen.

Davon, daß er die emotionalen Wunden, die er mir zufügte auch wieder verarztete.

Von der vermeintlichen Sicherheit einer gemeinsamen Zukunft.

Von seinen Liebesbeteuerungen.

Von meiner Hoffnung.


Ich hatte keine Kraft und keine Motivation mehr, vom nächsten Rückfall enttäuscht zu werden, unnötige, destruktive Machtkämpfe und toxische Beziehungen zu führen und Menschen, sowie Umständen Raum in meinem Leben zu geben, die mir nicht gut taten.


Ich wollte mich nicht mehr dafür verantwortlich fühlen, daß der Mann an meiner Seite in der Spur ist, vor den Kindern verbergen, es aushalten, rechtfertigen, oder es ausbügeln, wenn er es (wieder einmal) nicht war.

Vor kurzem fiel mir beim Aufräumen eine Postkarte in die Hände, die er mir von seiner letzten Therapie während unserer Beziehung schrieb. Sie endete mit den Worten: “Es macht viel hier mit mir.“ Ich weiß noch, wie gerührt ich damals von seinen Worten war und meine Hoffnung erneut Feuer fing, um nur einen Wimpernschlag später wieder im Keim erstickt zu werden. Es folgte der schlimmsten Absturz, den ich jemals mit ihm erlebt hatte…


.. was wiederum viel mit mir gemacht hat. Nachhaltig.


Ich kappte die Leine der Hoffnung, die mir über so lange Zeit so unendlich viel Energie zog, weil sie unweigerlich mit der grenzenlosen Enttäuschung und meiner Ohnmacht verbunden war, ein für alle Mal.

Heute habe ich ein Umfeld, in dem klare Luft herrscht, auch wenn es einmal Streit gibt. Ich habe ausschließlich Menschen um mich herum, die eine absolute Bereicherung in meinem Leben sind, auch wenn wir gemeinsam durch schwere Phasen gehen, unterschiedlicher Meinung, oder einmal schlecht gelaunt sind.


Meine Beziehungen sind geprägt von Augenhöhe, Vertrauen, Empathie, Leichtigkeit, Tiefe, Loyalität, Ehrlichkeit, Verständnis, Spaß und Authentizität.

Ich bin wieder zu Hause, weil ich mich wiedergefunden und erkannt habe, daß die Qualität meines Umfelds, die Qualität meines Lebens bestimmt und ich die Verantwortung für mein Glück wieder übernommen habe, anstatt es von etwas abhängig zu machen (die Nüchternheit eines anderen), das nicht im Einflussbereich meines Denkens und Handelns liegt.


Ich registriere, daß ich nicht mehr an mir zweifle, obwohl ich weiß, daß es keinen Zweifel gibt. Ich glaube meiner Intuition wieder, genieße die Leichtigkeit, auch über emotionale oder schwierige Themen sprechen zu können, ohne daß es darum geht, daß letzte Wort zu haben. Ich erlebe wie es ist, wenn Dein Gegenüber Deine Sicht verstehen will, anstatt Dir gezielt jedes Wort im Mund herumzudrehen und versucht, Dich mit Unterstellungen mundtot zu machen. Ich weiß wieder, daß eine krankhafte Eifersucht kein Beweis für große Liebe, sondern für großen Mangel ist. Ich erlebe wie es ist, mit der Unterstützung eines anderen Menschen wachsen zu können, anstatt regelmäßig in seinem Selbstwert demontiert zu werden.


Ich freue mich heute über Zuckerbrot ohne Peitsche und ich weiß wieder, wie es sich anfühlt zu vertrauen.

Ich erkenne und erlebe nun wie es ist, genau dafür gesehen, respektiert, geliebt und geschätzt zu werden, wie man ist. Ich erinnere mich daran, wie mir genau das, so wie alles andere was mich ausmacht vorgeworfen wurde, wenn er getrunken hatte, der Suchtdruck einsetzte und ich dem sehnsüchtigen Griff zur Flasche im Wege stand, ich unbequeme Fragen stellte, die ungeliebte Wahrheit aussprach, oder er gezwungen gewesen wäre, klare Stellung zu beziehen.


„Du bist einfach zu emotional, das ist das Problem! Wenn Du nicht immer Drama kreieren und Stress machen würdest, wäre alles bestens…wenn DU…“

Zu wissen, daß die Krankheit aus einem Menschen spricht, ändert de facto leider absolut nichts an Deinem realen Unglück. Das einzige, das etwas ändern würde, wäre die echte Einsicht, der ein reflektiertes Handeln des Betroffenen folgt. Ich erlebte diese (nachhaltige) Kehrtwende nicht.


Anstatt Verantwortung für seine Krankheit zu übernehmen, machte er mich oder die Umstände oder sonst irgendwen oder irgendetwas zum Sündenbock, was eine perfekte Methode ist, den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen und sich wieder und wieder vor der eigenen Verantwortung zu drücken: seine „Beziehung“ zum Alkohol ein für alle Mal zu beenden...


... also habe ich die Beziehung zu ihm beendet.


Dieses Jahr habe ich mir keine Sorgen gemacht, was mich an meinem Geburtstag erwarten könnte und hatte eines der allerschönsten Geburtstags - Wochenenden überhaupt…


… weil ich mir selber vor drei Jahren das allerschönste Geschenk gemacht, die Opferrolle verlassen und die Verantwortung für mein Glück wieder selber übernommen, los - gelassen und dafür etwa sehr Kostbares bekommen habe:



Meine emotionale Freiheit

Mein authentisches Selbst

Meinen inneren und äußeren Frieden

Ein Umfeld ohne toxische Beziehungen


Früher hielt ich an meiner (co - abhängigen) Beziehung fest, weil ich Angst hatte, alleine zu sein. Heute weiß ich, daß sich nichts so einsam anfühlt, wie gemeinsam einsam in einer unglücklichen Beziehung zu leben.

I've seen things I never wanted to see

I've got to get back on my feet

I feel like I've been sleeping

Sweet, sweet time

Has been a real good friend of mine

Waiting for that change of season

Oh the winter's been so long

Searching for that rhyme or reason

You've just got to

Move on

Hold it together, move on

Life's so short, move on


George Micheal / Move on

Byebye Co - Abhängigkeit!

Alles Liebe,

Julia





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