Co - abhängige Kinder


Ich durfte Katrin coachen. Ihr Auftrag an mich lautete, ihre Zielgruppe zu definieren, doch unser Coaching nahm schnell eine sehr überraschende Wende. Es stellte sich heraus, daß die vage Idee, wer ihre Klienten sein könnten, dem Verhaltensmuster eines co - abhängigen Kindes folgte, daß Katrin war, ohne sich dessen, und der enormen Auswirkungen, dieser nicht angenommenen, sondern verdrängten Erfahrungen bewußt zu sein. Plötzlich fiel ihr wie Schuppen von den Augen, dass all ihre Beziehungen, aber vor allem die zu Männern und die zu sich selber, bis heute von den Strategien ihrer nicht aufgearbeiteten Co - Abhängigkeit geprägt, und überschattet waren. Ich danke Katrin von Herzen, daß sie die Erfahrungen ihrer Kindheit, die Alkoholismus geprägt war, auf diesem Weg teilen möchte, um aufzurütteln, und dazu beizutragen, eine Krankheit zu enttabuisieren, unter der die ganze Familie ( nachhaltig ) in extremer Form leidet.


Für Julias Kolumne:


Ich bin Katrin, 39 Jahre alt, und die älteste von 4 Schwestern.


Meine Mutter ist Lehrerin und Bankangestellte, und war seit meiner Geburt Einhundertprozent Mama und Hausfrau. Mein Vater war erfolgreicher Rechtsanwalt und Alkoholiker.

Mein Vater war unter der Woche nicht viel zu Hause. Er verließ das Haus um 10.00 Uhr um in die Kanzlei zu gehen, und kam erst spät nachts wieder nach Hause. In der wenigen Zeit, in der ich ihn erlebte, gab es immer Streit. Zumindest ist es in meiner Erinnerung so. Seine Anwesenheit wurde in meiner Wahrnehmung praktisch von Gebrüll begleitet, als sei es sein eigener Schatten. Weder meine Mutter, noch wir Kinder konnten ihm irgendetwas recht machen, und keiner von uns hatte auch nur den Hauch einer Chance, dieser toxischen Atmosphäre zu entkommen.


Die tagtäglichen Streitereien nahmen uns unsere Unbeschwertheit, unsere Lebensfreude und die Luft zum Atmen, denn sie hingen erdrückend und schwer über unserem Alltag, und sie hörten auch dann nicht auf, wenn wir Kinder längst in unseren Betten lagen, und versuchten zu schlafen, was gar nicht so leicht war.


Da mein Zimmer direkt über der Küche war, habe ich jedes einzelne seiner verletzenden Worte verstanden. All zu oft konnte ich diese Energie nicht aushalten, und versuchte dann, meiner Mutter zu helfen. Es zerriss mir das Herz, wie mein Vater sie behandelt hat.


Ich konnte regelrecht spüren, wie sie durch seine verbalen Salven, die ihr Abend für Abend um die Ohren flogen, und die in meinem Empfinden genau so schmerzhaft wie Schläge waren, ihre Kraft verlor. Ich konnte das nur schwer ertragen, und entschied mich unzählige Male dazu, wieder aufzustehen, um meinem Vater zu erklären, dass doch alles gut sei. Ich war davon überzeugt, daß ihn eine klare und logische Darlegung meinerseits zur Einsicht bringen würde. Bringen mußte!


Also nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, und begab mich in die „Höhle des Löwen“, um meine Mutter zu verteidigen.

Ich versuchte meinem Vater klar zu machen, daß sie doch alles richtig macht, lieb zu uns, und immer für uns da ist, und es doch gar keinen Grund gebe, so mit ihr zu schimpfen. Selbstverständlich habe ich damals versucht eine Verantwortung zu übernehmen, die nicht meine war, und darüber hinaus einen Kampf gekämpft, den ich niemals gewinnen konnte. Ich wußte noch nicht, daß es mit keiner Logik, und keinen Argumenten dieser Welt möglich ist, einen betrunkenen Alkoholiker zu „erreichen“.


Mein Vater wollte natürlich nichts von all dem hören, und drehte uns die Worte so im Mund herum, dass am Schluss seine "Wahrheit" siegte. Wie immer.


Damals konnte ich nicht in Worte fassen, was genau mit meiner Familie nicht stimmt, aber natürlich spürte ich, daß es ein ganz massives Problem gibt, unter dem wir alle in extremer Form gelitten haben. Es wurde nicht ausgesprochen, daß mein Vater ein Alkoholiker, und das der Grund für all die Verletzungen, den permanenten Streit und die große Verunsicherung war. Heute kann ich meine vielen schmerzvollen Erinnerungen zu einem großen, klaren Bild zusammensetzen.


Ich erinnere mich, wie wir von unserem Vater als Kinder in der Dorfbeiz zum Bier holen geschickt wurden, oder daran, wie das Weihnachtsfest zu einer Katastrophe mutierte, nur weil mein Patenonkel etwas verspätet eintraf. Mein Vater bestand quasi nur noch aus grenzenloser Wut, und demonstrierte uns allen seine Macht, indem er uns klein machte, unseren Selbstwert zerstörte und uns so manipulierte, daß wir alle zunehmend unsicher wurden, und an unserer Intuition zweifelten.


Ich fühlte mich schrecklich! Warum konnten wir denn nicht einfach friedlich Weihnachten feiern? In diesem Moment wurde mir klar, daß jede, noch so winzige Kleinigkeit vermochte, eine kurze, vermeintliche Idylle in unserer Familie von einer, zur anderen Sekunde zu kippen. Von nun an trat bei mir anstelle der Vorfreude auf Familienfeste die Angst vor ihnen.


Als ich ungefähr neun oder zehn Jahre alt war, kam meine Mutter in der Weihnachtsnacht, nachdem das Fest vorbei war, zu mir ins Zimmer, und hat mir einen CD - Spieler und eine CD - Box ans Bett gebracht. Sie sagte, dass Papa nichts davon wisse, und sie mir so etwas eigentlich nicht schenken, und er es nicht erfahren dürfe. Ich erinnere mich vor allem daran, wie Papa meine Schwestern und mich regelmäßig wegen Kleinigkeiten angebrüllt hat, wie er auch mit unserer Mutter tat, und daran, wie oft sie bei mir Trost gesucht hat. Ich war die Älteste, und somit gab es unzählige Nächte in denen sie mir ihr Herz ausgeschüttet hat, weil sie niemand anderen hatte, mit dem sie offen und ehrlich reden konnte.


Die Situation bei uns zu Hause bekam ausser meinen Grosseltern und unseren direkten Nachbarn niemand mit. Die Alkoholsucht meines Vaters war ein Tabuthema, und wir haben nach Aussen die perfekte "heile Welt" präsentiert.


Ich weiss nicht, wie lange der Alkohol damals schon wütete und die Kontrolle über unser Leben übernommen hatte, aber ich weiss heute, dass er das Problem war. Mein Vater sah im Alkohol ein vermeintliches Allheilmittel, um all seinen Ängsten und Sorgen Herr werden zu können.


Trotz alledem, und nie erhaltener Wertschätzung seitens meines Vaters, hatte ich immer wieder Mitleid mit ihm. So fuhr ich, obwohl ich krank war und sogar Fieber hatte, mitten in der Nacht mit ihm in unser Ferienhaus ins Tessin, weil er es sich wünschte. Es ging mir wirklich schlecht, und erst nach längerem Flehen meiner Mutter, brachte er mich schliesslich wieder zurück nach Hause.


Ich glaube irgendwann bin ich abgestumpft und habe nicht nur den Kampf um Gerechtigkeit zu Hause aufgegeben, sondern auch mich selber.


Ich fühlte mich „mauseklein“ und leer,… wie leblos. In der Schule war ich ein komisches Kind. Ein extrem verunsichertes Kind, dass sich jedes Wort sehr lange überlegte, und kaum, daß es endlich ausgesprochen war, sofort mit sich haderte, ob die anderen nicht doch doof finden könnten, was es gesagt hatte. Zwangsläufig ging das schief. Ich hatte keine Freunde und wurde ausgeschlossen. Mit mir hat man nur gespielt, wenn niemand anderes Zeit hatte. Ich konnte einfach nicht unbeschwert auf andere zugehen und hatte, nicht nur keinen Selbstwert, sondern auch nicht den Hauch einer Ahnung, wer ich bin.


Ich habe ganz einfach gemacht, was ich machen musste. Nicht mehr und nicht weniger… und ich hab immer gelächelt, damit niemand bemerkte, wie es tatsächlich in mir aussah.


Es folgte die Zeit zwischen meinem zwölftem und sechzehnten Lebensjahr, die sich rückblickend als die Schlimmste herausstellen sollte. Unser Haus war für mich zu einem Ort geworden, dem ich die Attribute Kälte und Unsicherheit zuschreiben würde. Ich ging wirklich sehr ungern nach Hause, und tat das nur, wenn es keine andere Option gab. Ich begann damals bei uns im Dorf eine Lehre in der Gemeindeverwaltung. Doch auch diese neue Welt brach schnell in sich zusammen, da hinter meinem Rücken über mich geredet, und erzählt wurde, man könne mich für nichts gebrauchen. Meine Erinnerung an diese Zeit ist unklar und lückenhaft, als sei sie in einen grauen Nebelschleier gehüllt. Aus heutiger Sicht wird mir vieles klar. Ich war extrem unsicher, wie ein kleines Fähnchen im Wind.


Ich hatte es mir abgewöhnt eine eigenen Meinung zu haben, denn die war ja niemals gefragt, wurde weder gehört, geschweige denn toleriert.


Ich hatte gelernt meinen Mund zu halten, und mich möglichst unauffällig und angepasst zu verhalten. Mit dieser Strategie konnte ich, in meinem von Alkoholismus dominiertem Elternhaus über die Runden kommen.


Die Folge war, daß ich keinen einzigen Funken Selbstwert, Selbstbewusstsein oder gar Selbstliebe besaß. Ich konnte mich nicht fühlen, stellte die Meinung der anderen über alles, und bemühte mich krampfhaft, mich an deren Werten, Normen, Wahrheiten und Erwartungen zu orientieren.


Ich suchte verzweifelt nach Anerkennung, während ich gleichzeitig davon überzeugt war, es nicht wert zu sein, um meiner selbst willen geschätzt, oder gar geliebt zu werden.

Als ich sechzehn Jahre alt war, passierte das, für mich absolut Unerwarteste überhaupt! Ein Junge gestand mir, in mich verliebt zu sein, was mit meiner tief verankerten Überzeugung, nicht liebenswert zu sein, kollidierte. Doch bald darauf, hatte ich dennoch meinen ersten festen Freund, und bin mit achtzehn Jahren von zu Hause ausgezogen. Ich hielt es dort ganz einfach nicht mehr aus.


Heute weiss ich, dass ich nicht wirklich verliebt war, sondern mit der ungewohnten Aufmerksamkeit, die mir plötzlich jemand schenkte, versuchte, meinen mangelnden Selbstwert zu kompensieren. Es fühlte sich seit langer Zeit etwas schön für mich an.

Von meinem Elternhaus bekam ich keinerlei Unterstützung. Meine Mutter war wegen meines Auszugs so gekränkt, dass sie mir weder beim Umzug half, noch ein Wort mehr, als unbedingt notwendig mit mir redete. Für sie muss meine Entscheidung zu gehen grausam gewesen sein. Der einzige Mensch, der ihr, in ihrem, vom unkontrollierten Alkoholkonsum ihres Mannes dominiertem Leben, Halt gab, war nun weg.


Kurz darauf wurde meine kleinste Schwester in die Jugendpsychiatrie eingewiesen, weil sie begonnen hatte, sich an den Armen und Beinen zu ritzen. Meine Mutter hatte eines Tages Wäsche mit grossen Blutflecken unter ihrem Bett gefunden.


Sie verbrachte insgesamt eineinhalb Jahre dort, und ist bis heute von breiten Narben gezeichnet. Ein paar Jahre später hatte sie ein Burnout, und ihre psychischen Probleme wurden so übermächtig, dass Sie ihren Alltag ohne meine Mutter nicht mehr bewältigen konnte. Beim einkaufen im Supermarkt stand sie ewig, fast regungslos vor den Regalen, weil sie mit der Entscheidung, welchen Apfel sie nehmen sollte, überfordert war. Sie erkrankte an Magersucht, genau wie meine zweit jüngste Schwester, im Alter von zwanzig Jahren.

Meine dritte Schwester kämpft auch noch bis heute mit den psychischen Folgen unserer Co - Abhängigkeit. Während ich mich total aufgegeben habe, hat sie sich dafür entschieden extrem viel und hart zu arbeiten, und sich konstant zu verausgaben, um zu beweisen, daß sie wertvoll ist.

Ich selbst konnte circa dreißig Jahre meines Lebens nicht auf Menschen zugehen, und hoffte in meiner Unsicherheit, niemandem zu begegnen. In zweifelte in all meinen Beziehungen daran, wirklich geliebt und wertgeschätzt werden zu können, und habe deshalb ganz einfach immer das getan, was mein Partner erwartete, in der Hoffnung, mir auf diese Weise dessen Liebe zu „verdienen“. Dieses Muster hatte ich gelernt: pass Dich an, sei brav, still, unterwürfig, und behalte Deine Meinung für Dich. Ich stolperte von einer Beziehung in die nächste, die alle gemeinsam hatten, daß ich meinen Partnern helfen wollte, ihre Problemen zu lösen, um im Gegenzug anerkannt, und geliebt zu werden. Heute weiss ich mit absoluter Klarheit, daß Selbstliebe die Basis für gesunde, schöne und erfüllende Beziehungen ist, in denen man zur besten Version seiner selbst werden kann.


Meine Mutter hat meinen Vater sehr geliebt, und tut das vielleicht sogar heute noch, aber sie war nach zwanzig Jahren Ehe so am Ende, dass sie ihn schließlich vor die Türe gesetzt hat. Die meisten Bekannten und Verwandten verachteten sie dafür, und brachen jeglichen Kontakt zu ihr ab.


Sehr oft hat sie einfach nur geweint, weil für etwas anderes keine Energie mehr da war.

Heute haben wir alle vier ein sehr enges und schönes Verhältnis zu unserer Mutter.


Und trotz alledem, habe ich auch noch mit sechsundzwanzig Jahren um die Anerkennung meines Vaters gekämpft, und weiterhin gehofft, daß doch noch alles gut werden könnte. Ich habe mich als einzige von uns Geschwistern nicht von ihm abgewandt, ihm seine Wäsche gewaschen, und sie ihm an der Haustür übergeben. Er bat mich nur sehr selten hinein. Heute, da ich beginne die Krankheit Alkoholismus wirklich zu begreifen, weiß ich auch warum…


Papa starb mit vierundsechzig Jahren an den Folgen einer Autoimmunerkrankung in Kombination mit Alkoholismus, da die dringend notwendige Entgiftung als Voraussetzung für die erforderliche Behandlung, in seinem Zustand nicht mehr möglich gewesen ist. Auf der einzigen Seite seines Testaments, das wir gefunden haben, stand geschrieben:


An meine Kinder:


„Es tut mir Leid. Ich hoffe, ihr könnt mir irgendwann verzeihen und wir sehen uns wieder.“





Kinder spüren wenn etwas nicht stimmt. Man kann ihnen nicht wirklich etwas vormachen, und sie erkennen jeden Fake! Versuchen die Erwachsenen offensichtliche Probleme, wie beispielsweise Alkoholismus tot zu schweigen, und den Dreck unter den Teppich zu kehren, werden Kinder versuchen, sich ihre Fragen selber zu beantworten, und bleiben mit ihren Ängsten und Unsicherheiten alleine. Sie werden sich, genau wie die großen Co - abhängigen möglichst unauffällig verhalten, was aber nicht bedeutet, daß sie nicht merken, dass etwas nicht in Ordnung ist. Sie wollen die Situation nicht noch komplizierter machen, als sie es ohnehin schon ist, und tun alles dafür, ihre kleine Welt in Ordnung zu halten. Das überfordert sie heillos, und eine mehr als toxische Atmosphäre entsteht, in der die Kinder leider Gottes lernen, an sich und ihrer Intuition zu zweifeln. Denn wenn man ihnen das Gegenteil von dem einredet, was sie eigentlich so deutlich spüren, müssen sie denken, daß mit ihnen etwas nicht stimmt, und suchen den "Fehler" im Zweifel bei sich. Ich halte es für essentiell wichtig, mit Kindern altersgerecht über ihre Erfahrungen mit Alkoholismus zu sprechen und ihnen die Krankheit möglichst sachlich zu erklären, ganz egal, wie lange ihre unschönen Erlebnisse möglicherweise bereits zurück liegen. Andernfalls riskiert man, dass sie falsche Schlüsse ziehen, sich nachhaltig schämen, verantwortlich, oder gar schuldig fühlen, und keinen Selbstwert entwickeln.



Byebye Co - Abhängigkeit!

Alles Liebe,

Julia





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