Als ich die "Komfortzone" verließ, part 4.

Bis zum Abendessen war noch reichlich Zeit. Da ich mich nicht in einem Hotel befand, in dessen Lobby ich in Illustrierten blättern und einen Cappuccino trinken, auf der Terrasse einen Snack bestellen, oder mich im Spa hätte massieren lassen können, ging ich auf mein Zimmer. Die Stille im ganzen Haus war plötzlich unerträglich laut. Ich setzte mich auf den einzigen Stuhl in dem spartanisch eingerichteten Raum, und fragte mich, was ich nun mit dem Rest des Nachmittags anfangen sollte.


Mein Kopf war voller neuer Erkenntnisse, die gesehen, sortiert und verarbeitet werden wollten. Doch ich hätte ehrlich gesagt nichts lieber getan, als mich genau davon abzulenken.


Wäre ich zu Hause gewesen, hätte ich eine Freundin angerufen um mit ihr essen zu gehen. Ein bißchen plaudern, lachen, ein Glas Wein trinken und so tun, als sei alles in bester Ordnung. Stattdessen mußte ich es einfach aushalten nichts zu tun, mußte Zeit mit mir alleine verbringen und die vielen Gedanken, die sich zu einem Gefühlsbrei aus Angst, Scham, Unsicherheit, Heimweh und Schuld vermengten, ertragen. Wenn ich mit Rolf, oder den anderen im Gespräch war, ging es mir meistens ganz gut, weil ich merkte, wie ich langsam vorankam. Doch ganz alleine mit mir und der Ruhe zu sein, nichts zu haben worauf ich mich freuen konnte, oder womit ich mich normalerweise nach einem anstrengenden Tag belohnte, war extrem schwer auszuhalten. Ich fühlte mich nicht wohl in meiner Haut und ahnte jedoch, daß das Teil des ganzen Prozesses, und unabdingbar war, um ans Ziel zu kommen.

Ich erkannte, daß das wohl damit gemeint war, in seine Ängste hinein gehen zu müssen, um sie auflösen zu können.

Normalerweise drücken wir uns genau davor, und ignorieren die Stimmen, die wir nicht hören wollen ganz einfach. Oder wir kompensieren. Wir drehen die Musik auf, schauen in die Glotze, gehen aus, oder ins Kino, trinken Alkohol, versuchen die Probleme der anderen zu lösen, nur um unseren eigenen unangenehmen Gefühlen nicht auf den Grund gehen zu müssen. Wir gaukeln uns vor, das alles gut ist wie es ist. Ich erinnerte mich an einen Satz, den ich einmal gelesen hatte, und verstand in diesem Moment seine Bedeutung. Er lautete:

„Sobald Du Deine eigene Stille ertragen kannst, bist Du frei.“

Mein Kopf tat höllisch weh, ich vermisste T., und ich fühlte mich, als sei ich hier auch auf Entzug. Auf Entzug vom Verdrängen, auf Entzug von meiner Co - Abhängigkeit, und auf Entzug von T..

Endlich wurde es 19.00 Uhr, und ich freute mich auf Gesellschaft.


Während des Abendessens erzählte uns Rolf von seiner Kindheit.


Seine Mutter war auch Alkoholikerin, und hatte häufig wechselnde, ebenfalls alkoholabhängige Männer.


Es schien nicht so, als hätte er irgendeine schönen Erinnerung an diese Zeit. Sobald er die Schule abgeschlossen hatte, suchte er das Weite, und machte sich mit ein paar Mark in der Tasche auf den Weg zu seiner älteren Schwester, die in den USA lebte. Ich liebte es, wenn Rolf seine Geschichten auspackte, und hing wie gebannt an seinen Lippen. Er erzählte lebhaft und spannend und schaffte es immer, mich an irgend einer Stelle zum Lachen zu bringen. Wie ich schon erwähnte, genoß ich die gemeinsamen Mahlzeiten, da sie etwas Normalität in den Therapie Alltag brachten. Die Ärztin war an diesem Abend sichtlich besser drauf, beteiligte sich rege am Gespräch, aß mit großem Appetit, und R. versprühte wie gewohnt ihre Liebenswürdigkeit. Unser schüchterner Kollege war nach wie vor sehr zurückhaltend und ruhig, doch ich konnte an seinen Augen sehen, daß auch er etwas aufgetaut war. Mittlerweile sah er einen direkt an und lächelte sogar hin und wieder verhalten. Mein Gedankenkarussell war endlich zum Stillstand gekommen, und ich wußte, daß ich heute gut schlafen würde.

Der nächste Tag begann mit der Lieferung meines Koffers, über den ich mich sehr freute, mit Yoga, Sonnenschein und Kopfschmerzen.


Ich spürte, wie mich das ganze Nachdenken und Grübeln verspannte, und unter Strom setzte. Diese Einsicht half zwar genau so wenig wie die Tabletten, aber ich tröstete mich damit, daß die angehende Migräne scheinbar Teil meiner Aufarbeitung war.


Heute stand der Film über Betty Ford auf dem Programm und ich war sehr gespannt darauf. Rolf machte uns auf den Titel aufmerksam, und sprach ihn sehr langsam und deutlich aus: „Eine Frau besiegt ihre Angst“, woraufhin er seine Augenbrauen hochzog, wie er es gerne tat, um dem Gesagten Nachdruck zu verleihen.


Er ließ seinen Blick einmal durch die Runde schweifen ohne ein einziges Mal zu blinzeln, und wiederholte, daß der Titel nicht hiesse, eine Frau besiegt ihre Sucht, sondern eine Frau besiegt ihre Angst!


Nach einer kurzen Pause erklärte er uns, das sei so elementar, da der Grund warum ein Alkoholiker trinkt, letztendlich immer Angst sei: Angst zu Versagen, Angst nicht zu gefallen, Angst vor Ablehnung, oder Angst vor dem Alleinsein. Rolf machte deutlich, daß bei uns allen, hinter jedem unangenehmen Gefühl Ängste stehen. So ist beispielsweise der Antrieb für Eifersucht Verlustangst, oder die Angst nicht gut genug oder liebenswert zu sein. Er griff nach seinem Stock, erhob sich und verabschiedete sich bis später.

Nach dem Frühstück und einem Einzelgespräch mit R., war es schon an der Zeit im Wohnzimmer Platz zu nehmen.


Ich machte es mir gerade bequem, als ich die Ärztin auf der Treppe, die in den ersten Stock führt, entdeckte. Sie saß auf einer der obersten Stufen, klammerte sich mit einer Hand am Geländer fest und versuchte mit der anderen Blut von ihrem Bein zu wischen, was ihr nicht recht gelang, da sie so zitterte.


Ich bekam einen riesigen Schreck und rief nach R., die sofort herbei geeilt kam, und sich um die letztendlich harmlose Wunde kümmerte. Unsere „Kollegin“ hatte sich scheinbar beim Beine rasieren geschnitten, was ja eigentlich nicht weiter schlimm ist. Doch in diesem Fall bekam das Ganze eine gewisse Dramatik, weil man sah wie hilflos sie war. Diese clevere, erwachsene Frau, die auch noch Medizinerin war, war nicht im Stande, sich alleine um dieses kleine Malheur zu kümmern. Sie wirkte wie ein unsicheres, hilfloses Kind.


Sie war ganz aufgeregt und stand komplett neben sich. Ihr Zustand war kein Vergleich zu gestern Abend.


Mir wurde klar, daß die guten, wie die schlechten Tage eines Alkoholikers nur Momentaufnahmen sind, was ja eigentlich klar ist, da auch ein gesunder, fröhlicher Mensch seine Hochs und Tiefs hat. Trotzdem stimmte mich der Vorfall etwas traurig, schien sie doch gestern Abend noch in so guter Verfassung gewesen zu sein. Mich erinnerte der kleine Zwischenfall an die vielen Rückschläge, die ich mit T. erlebt hatte. Als das Bein gesäubert, die Wunde desinfiziert und mit einem Pflaster versehen war, starteten wir den Film. Er war nach Flight mit Denzel Washington in der Hauptrolle, und der Geschichte über die Gründung der Anonymen Alkoholiker durch Robert Smith und Bill W., der dritte Film von Rolfs Liste, den ich auf Mallorca gesehen hatte.

Ich war wirklich sehr verblüfft, denn ich erkannte T. in jedem einzelnen Alkoholiker wieder. Ich erkannte uns in jeder dieser Handlungen wieder!


Ich begriff, daß T. im Laufe unserer Beziehung nicht zu einem Arschloch mutiert war, sondern daß alle alkoholbedingten Entgleisungen schlicht und ergreifend das „Gesicht“ dieser schrecklichen Krankheit waren. T. war die First Lady, er war Bill W. und er war der betrunkene Pilot. Ich war ebenso die Frau von Bill W., als auch der Ehemann von Betty Ford.

Ich begriff zum ersten Mal, daß das Verhalten des Kranken, sowie das des Co - Abhängigen, in den Grundzügen immer gleich, die Abwärtsspirale mit all ihren häßlichen Begleiterscheinungen eine unabdingbare Konsequenz, der nicht behandelten, fortschreitenden Krankheit ist.

Ich ahnte in diesem Moment, daß jede Art von Beziehung zu einem Alkoholiker, unabhängig von den Rahmenbedingungen, beinahe identisch abläuft. Die Schlussfolgerung daraus, war für mich eine der elementarsten Erkenntnisse, um meine emotionale Freiheit und meine Leichtigkeit wieder zu erlangen, mich aus meiner Co - Abhängigkeit zu befreien. Sie lautet:

Alkoholismus hat keinen moralischen Aspekt!

Als ich diesen Satz in meinen Gedanken ausgesprochen hatte, spürte ich regelrecht, wie er die ersten Ketten in mir sprengte. Denn wenn ein Alkoholiker trinkt, wenn er einen Rückfall hat, dann sagen die gesunden Menschen in seinem Umfeld, daß er ein Idiot ist, daß er sich doch endlich einmal zusammenreißen, und endlich mit dem Saufen aufhören soll. Es wird logisch um die Wette argumentiert. „Jetzt hat er doch eine erfüllte Beziehung… das kann er doch nicht alles aufs Spiel setzen… dem ist wirklich nicht mehr zu helfen… wenigstens für die Kinder sollte er sich am Riemen reißen… und seine armen Eltern sind auch schon ganz krank vor Sorge… er kann doch die Kollegen nicht so hängen lassen… er muß doch endlich einmal Verantwortung übernehmen… ist ihm denn ganz egal was die Leute sagen?… wenn er sie wirklich lieben würde, würde er doch nicht weiter trinken…“


Das Problem ist nur, daß man diese Krankheit nicht mit der üblich zutreffenden Logik begreifen kann.


Das wäre so, als sagte man zu einem schwer depressiven Menschen, er solle sich nicht so anstellen, in die Puschen kommen, das Bett verlassen, die Rollos wieder hochziehen, und sich ganz einfach des Lebens freuen.

Und leider sind es genau diese wertenden Äußerungen, die beim co - abhängigen Partner genau das Gegenteil von dem teilweise sogar gut gemeintem Zuspruch bewirken. Sie multiplizieren das co - abhängige Verhalten um ein Vielfaches.

Bedeutet es doch im Umkehrschluss, daß wenn ich mich als Partnerin noch mehr anstrenge, ich dafür sorge, daß unser gemeinsames Leben, unsere Beziehung noch schöner, besser und perfekter wird, ich es schaffe, daß mein Partner mich vielleicht noch etwas mehr liebt, es sich automatisch positiv auf das Trinken auswirken müsste. Aber genau das ist ja der Trugschluss!

Begreift man, daß der Alkoholiker die Kraft trocken zu werden, nur in seinem Inneren finden kann, und er nicht deshalb weiter trinkt, weil ihm die Menschen die er liebt egal sind, sondern weil er krank ist, kann man sich aus den Fesseln der Co - Abhängigkeit befreien.

Als mir klar geworden ist, daß diese Krankheit nichts mit meinem Versagen, oder mit mangelnder Liebe und Wertschätzung von T. zu tun hat, konnte ich die Opferrolle verlassen. Einfach so. Denn solange wir nicht begreifen, daß Alkoholismus keinen moralischen Aspekt hat, fangen wir früher oder später an zu jammern, und werden den anderen unermüdlich für unser Unglück verantwortlich machen. Im Zweifel werden wir uns weiterhin im „Außen“ abmühen, und immer enttäuschter und verbitterter werden, wenn der Erfolg ausbleibt. Irgendwann sind wir dann im schlimmsten Fall täglich damit beschäftigt zu schimpfen, uns selber zu bemitleiden, aufzuzählen, was wir nicht alles für diesen miesen Kerl gemacht haben, und vorzurechnen, wie wir uns aufgeopfert, aber nichts dafür zurück bekommen haben.

In dem Moment, da wir begreifen, daß es weder an seinem Charakter, noch an uns liegt, daß der Alkoholkranke es noch nicht geschafft hat die Nüchternheit zu erlangen, es möglicherweise auch niemals schaffen wird, können wir ohne Groll, und in Liebe loslassen.



Byebye Co - Abhängigkeit!

Alles Liebe,

Julia






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