Als ich die "Komfortzone" verließ, part 2.

Ich habe in Rolf Bollmann, einem 79 jährigen trockenen Alkoholiker einen Mentor gefunden, der mir half, die Krankheit Alkoholismus, sowie die Co - Abhängigkeit wirklich zu verstehen. Nachdem ich über ein YouTube Video auf ihn aufmerksam wurde, verbrachte ich eine Woche in seiner Finca auf Mallorca, wo er bis Ende 2018 Seminare für Alkoholiker anbot. Nachdem ich nicht locker ließ, wurde ich die erste co - abhängige Kursteilnehmerin, und lernte in dieser einen Woche in Spanien mehr über die Krankheit Alkoholismus, als in all den Jahren zuvor. Das war der Start zu meiner emotionalen Freiheit, die es mir ermöglichte, mich aus der Co - Abhängigkeit zu lösen.




Ich hätte mich gerne frisch gemacht, die Turnschuhe gegen Sandalen getauscht, meine von der ganzen Aufregung verschwitze Bluse ausgezogen, und die Kontaktlinsen, die vom Flug sehr trocken waren gewechselt, aber ich hatte außer einem Lippenstift und Puder nichts bei mir. Mir blieb also nichts anderes übrig, als so zu bleiben wie ich war. Ich wusch mir die Hände und ging hinunter.


Ich sah zwei Frauen auf der Terrasse, die sich unterhielten, und sich eine Zigarette ansteckten.

R. kam strahlend und gut gelaunt aus der Küche auf mich zu, und begleitete mich nach draußen. Ich stellte mich gerade vor, als sich ein sehr introvertiert wirkender, circa dreißig jähriger Mann zu uns gesellte, mir etwas verhalten die Hand reichte, um sie danach direkt wieder in die Hosentasche gleiten zu lassen. Er trat leicht nervös auf der Stelle, und seine stahlblauen Augen blickten unruhig umher. Wir waren alle befangen und man spürte regelrecht, wie sich alle gegenseitig unter die Lupe nahmen.


Es ergab sich ein unverfängliches Geplänkel über die üblichen Themen, die immer herhalten müssen, wenn einem nichts Besseres einfällt.


Schließlich setzte ich mich auf die Mauer, die die Terrasse umgibt, genoß den Ausblick und den erfrischenden Wind, der vom Meer herüber wehte. Dann sah ich ihn. Ein alter, sehr klappriger Mann kam aus dem Haus auf uns zu. Er bewegte sich etwas wackelig fort, und war auf einen Gehstock gestützt. Als er näher kam, stand ich auf und strahlte ihn an.


Er strahlte aus wachen Augen zurück und sagte: „Du mußt Julia sein. Herzlich willkommen! Ich bin Rolf.“


Er bat R. ihm eine Cola zu holen und ließ sich dann recht mühevoll auf einem der Stühle nieder, wobei ihm sein Stock umfiel. Unser schüchterner Seminarkollege kam ihm sofort zu Hilfe, und hob ihn wieder auf. Rolf bedankte sich, erzählte uns die Geschichte von dem fehlenden Teilnehmer, und fragte nach unserer Meinung dazu. Nachdem alle anderen schwiegen, schilderte ich meine Einschätzung, die mir während der Autofahrt vom Flughafen in den Sinn gekommen war.


Rolf sah mich aus verschmitzten Augen an, nickte einmal kurz, aber mit Nachdruck, zog die buschigen Brauen hoch und sagte: „Und ich sehe das genau so wie Du, lasse mich aber gerne eines Besseren belehren.“


Er zündete sich eine Zigarette an, nahm einen Schluck von seiner Coke, und informierte uns über den restlichen Verlauf des Tages. A. und R. würden mit uns für einen kleinen Bummel an die Strandpromenade fahren. Er schlug vor, daß ich mir dort das Nötigste besorgen solle, da unklar war, ob und wann mein Gepäck ankäme. Ich fand das eine hervorragende Idee und holte meine Tasche, da Rolf den baldigen Aufbruch ankündigte, damit wir pünktlich zum Abendessen zurück seien. Zwanzig Minuten später saßen wir alle in dem kleinen Finca - Bus, und A. startete den Wagen. R., die auf dem Beifahrersitz saß, tat ihr Bestes, die Konversation am Laufen zu halten, und die jüngere der zwei weiblichen Seminarteilnehmerinnen war offensichtlich auch in Plauderlaune. Ich hörte einfach nur zu und freute mich darauf, heute Abend endlich meine muffigen Klamotten ablegen, mir die Haare waschen, und das Gesicht eincremen zu können. Außer Handtüchern und einem Stück Seife war in meinem Badezimmer nichts vorhanden.


Ich hatte nun Gelegenheit die anderen ein bißchen zu beobachten, und mir ein erstes Bild zu machen. Die ältere der beiden Frauen war Ärztin, genau wie ich Anfang vierzig, und körperlich in einer erschreckend schlechten Verfassung.


Die zierliche Person wirkte auf mich sehr gebrechlich, fast wie eine achtzig Jährige. Sie hatte sichtlich Mühe gehabt, ohne Hilfe ins Auto einzusteigen. Sie sprach auffallend langsam, schien ein bißchen fahrig zu sein, wirkte sehr unsicher, irgendwie verloren, und sie rechtfertigte sich ständig. Sie trug einen dunkelroten Lippenstift, der verschmiert, bis über die Lippenkontur aufgetragen war. Ihre schönen großen Augen blickten in unbeobachteten Momenten traurig ins Leere.


Ich war mir sicher, daß dies nicht ihre erste Therapie, nicht ihr erster Versuch war, dem Alkohol die Stirn zu bieten. Sie tat mir leid.


Die jüngere Frau hingegen gab sich sehr selbstbewußt und stark, und redete in einer Tour. Sie hatte ein hübsches Gesicht und trug einen hellblonden Bob. Obwohl sie, wie sie uns erzählte Mutter zweier Kinder war, hatte sie die Figur eines Teenagers. Sie sprach von ihren Jungs, welche Sportarten die beiden ausübten, wie viele verschiedene Kräuter sie zum Kochen im Garten angepflanzt hat, und erwähnte ganz nebenbei, daß sie fliessend Spanisch spreche, falls das beim Einkaufen von Nöten sein sollte. Mein Bauchgefühl sagte mir, daß das das Ganze eine Show war, und sie weit davon entfernt war, ehrlich zu sich selber zu sein.


Es machte den Anschein, als ginge es ihr darum uns, und sich selber, möglichst eindrucksvoll zu vermitteln, daß sie, im Gegensatz zu den anderen, eigentlich gar kein Problem hatte.


Der einzige Mann im Bunde war ein ebenso höflicher, wie schüchterner Kerl, der kaum ein Wort sprach. Er sah ziemlich fit und sportlich aus, war sehr gepflegt, hatte einen akkuraten Haarschnitt, trug ein schickes Polohemd und eine weiße Leinenhose. Er sah aus wie aus dem Ei gepellt, wie jemand auf den man sich verlassen konnte, wie jemand der regelmäßig den Rasen mäht, und seinen Freunden beim Umzug hilft. Ich hatte keine Idee, welche Geschichte hinter seiner Fassade stecken könnte.


Und ich kam nicht umhin mich zu fragen, was die anderen wohl über mich dachten.


Am Ziel angekommen war ich etwas enttäuscht, denn es gab nur einen einzigen Shop, der geöffnet hatte. Das Sortiment bestand aus, mit Strass besetzten Plastiksandalen, aufblasbaren Badetieren, mit barbusigen Frauen bedruckten Feuerzeugen, Kühlschrankmagneten in Geckoform, neonfarbenen Tangas, Sonnencreme und „I love Mallorca“ Tanktops. Im hinteren Teil des schlauchförmigen Geschäfts stapelten sich Schuhkartons neben vollgestopften, rollbaren Kleiderstangen. Alles wurde von grellen Neonröhren ausgeleuchtet. Da es scheinbar keine Alternative zu diesem Geschäft gab, ließ ich mich nicht abschrecken und versuchte das Beste rauszuholen. Ich ergatterte schlichte Flip Flops, drei luftige Kleidchen, die einigermaßen passabel waren, eine zusammenklappbare Zahnbürste und Zahnpasta. Deo, Duschgel, eine Feuchtigkeitscreme, und Tageslinsen gab es in der Apotheke nebenan. Die anderen kauften Zigaretten und Softdrinks. Nach unserem kleinen Bummel setzten wir uns noch ein bißchen an den Strand, um die Abendstimmung zu geniessen.


Aber kaum hatten wir uns im Sand niedergelassen, überkam mich eine extreme Heimweh - Attacke, die mir meinen Magen regelrecht zuschnürte. Ich vermisste eine vertraute Person an meiner Seite.


Ich hatte schreckliche Sehnsucht nach meinen Kindern, meinen Freundinnen und nach T! Ich fühlte mich unendlich weit weg von zu Hause, und dachte bei mir, daß das die längsten sieben Tage meines Lebens werden würden, und ich begann, an meiner Entscheidung hierher zu kommen zu zweifeln. Die Situation war für mich eher trostlos als kraftvoll, und ich war heilfroh als R. die Stille, mit der Bitte, uns langsam auf den Heimweg zu machen, unterbrach.



Zweifel sind Verräter, sie rauben uns, was wir gewinnen können, wenn wir nur einen Versuch wagen. W. Shakespeare




Byebye Co - Abhängigkeit!

Alles Liebe,

Julia





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