Als ich die "Komfortzone" verließ

Ich habe in Rolf Bollmann, einem 79 jährigen trockenen Alkoholiker einen Mentor gefunden, der mir half, die Krankheit Alkoholismus, sowie die Co - Abhängigkeit wirklich zu verstehen. Nachdem ich über ein YouTube Video auf ihn aufmerksam wurde, verbrachte ich eine Woche in seiner Finca auf Mallorca, wo er bis Ende 2018 Seminare für Alkoholiker anbot. Nachdem ich nicht locker ließ, wurde ich die erste co - abhängige Kursteilnehmerin, und lernte in dieser einen Woche in Spanien mehr über die Krankheit Alkoholismus, als in all den Jahren zuvor. Das war der Start zu meiner emotionalen Freiheit, die es mir ermöglichte, mich aus der Co - Abhängigkeit zu lösen.



Auf Palma angekommen, machten sich gemischte Gefühle in mir breit. Die Situation im Flugzeug fühlte sich, trotz allem Schwermut schön vertraut, ein bißchen nach Ferien an. Aber nun rückte der tatsächliche Grund meiner Reise immer näher. Ich würde heute Nachmittag nicht am Pool eines hübschen Hotels liegen und anschließend ein wunderbares Dinner bei Kerzenschein genießen. Ich war hier um eine Therapie zu machen und hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, daß ich keineswegs irrtümlich für eine Alkoholikerin gehalten werden wollte. Ich mußte bei allen anderen Beteiligten direkt klarstellen, daß ich „nur“ eine

Co - Abhängige war! Sobald dieser Quatsch durch meinen Kopf gerauscht war, und mir bewußt wurde, wie sehr sich gerade mein Ego aufgeblasen hatte, fühlte ich mich richtig schlecht.


In diesem Moment wurde mir zum ersten Mal wirklich bewußt, wie es sich für einen alkoholkranken Menschen anfühlen musste, offen mit dieser schambehafteten Krankheit umzugehen, und wie schwer es sein mußte offen auszusprechen:

„Ich bin ein Alkoholiker.“


Wahrscheinlich fühlte man sich selbst in einer Klinik, die nicht auf Suchtproblematik spezialisiert war, wie ein Patient, oder sogar wie ein Mensch zweiter Klasse. Die Mitteilung auf der Anzeigetafel über dem, für meinen Flug angegebenen Gepäckband riß mich aus meinen Gedanken. Das gesamte Gepäck dieses Fluges befand sich noch in München, und alle betroffenen Reisenden wurde gebeten, sich beim Informationsschalter registrieren zu lassen. Somit kam ich nicht umhin, geschlagene eineinhalb Stunden in einer endlos langen Schlange von ausgelassenen Urlaubern zu stehen. Allen sah man ihre Vorfreude auf die bevorstehende Zeit auf der Insel an. Es waren einige verliebt wirkende Pärchen, und viele Familien mit kleinen Kindern unter ihnen, die noch außerhalb der Schulferien reisen können. Man umarmte sich, packte die Strohhüte aus, nahm sich bei der Hand, machte Späße und freute sich kollektiv auf Quality Time mit den Liebsten.


Ich glaube ich habe mich an diesem Schalter anstehend so einsam gefühlt, wie noch nie im meinem ganzen Leben.


Als ich endlich den Zettel mit den Angaben über Farbe und Größe meines Koffers, und meiner Adresse auf Mallorca ausgefüllt und abgegeben hatte, machte ich mich auf den Weg zum vereinbarten Meeting Point. Mein Herz pochte jetzt bis zum Hals, und ich war ab diesem Zeitpunkt wirklich aufgeregt, was und wer mich nun erwarten würde. Ich drehte mich langsam auf der Stelle im Kreis, als ich das Schild mit der Aufschrift „Finca Esperanza“ entdeckte. Ich atmete einmal tief durch, und ging auf den Mann, der es hochhielt zu. A. begrüßte mich freundlich, stellte sich als „Mädchen für alles“ vor, und bat mich, ihm zum Wagen zu folgen. Ein Gepäckstück, das er mir hätte abnehmen können, gab es ja nicht. Ich wußte nicht recht, welches Smalltalk Thema den Umständen angemessen wäre, und fragte deshalb, wie lange die Fahrt zur Finca dauert, obwohl ich es aufgrund der E - Mail eigentlich wußte. Ich fühlte mich nicht besonders wohl in meiner Haut, und klammerte mich regelrecht an meiner Handtasche, die ich, nachdem ich Platz genommen und mich angeschnallt hatte, auf meinen Knien balancierte, fest.


Er unterbrach das darauf folgende Schweigen mit der Bemerkung: „Du mußt Deinen Mann wirklich sehr lieben, wenn Du das hier für ihn machst.“ Ich war von dieser unerwartet offenen Art etwas überrumpelt und dachte kurz darüber nach, was A. gesagt hatte. Nach einer kleinen Pause erwiderte ich, daß ich das hier nicht für ihn, sondern für mich tue.


Ich konnte förmlich sehen, wie sich ein riesengroßes Fragezeichen in seinem Gesicht breit machte, fühlte mich aber nicht veranlaßt, mich weiter zu erklären. Ich erkundigte mich, wer außer mir noch alles anwesend sei. A. berichtete von zwei Frauen und einem Mann, die bereits gestern angereist waren. Er fuhr fort, daß ein weiterer Kandidat namens K., aufgrund eines Staus seinen Flug verpasst, und leider erst in einer Woche einen Ersatzflug bekommen hatte. Ich fragte ungläubig, ob das der Besagte selber so erzählt habe, woraufhin A. den Kopf schüttelte. Die Ehefrau habe angerufen und ihren Mann entschuldigt. Ich mußte fast lächeln und erzählte mir im Stillen die wahre Geschichte:


K. war zum Zeitpunkt der Abreise so betrunken, daß er nicht fliegen konnte. Da eine Entgiftung mindestens fünf Tage dauert, kann er erst in einer Woche einen zweiten Versuch starten, und offensichtlich hat auch er eine zuverlässige, funktionierende

Co - Abhängige an seiner Seite, die angerufen, und für ihn gelogen hatte.


A. bog in eine enge kleine Strasse ein, und wir waren am Ziel. Das Tor öffnete sich, und gab den Blick auf die Finca frei. Die Haustür ging auf, und eine große, sehr dünne Frau, mit einem strahlendem Gesicht kam auf mich zu, um mich willkommen zu heißen. R. war neben Herrn Bollmann Therapeutin des Seminars, und die Herzlichkeit in Person. Sie sah wie ein erwachsen gewordenes Hippie - Mädchen aus, sie trug gebatikte Leggings, und eine wilde, brünette Mähne fiel über ihre braungebrannten Schultern. Sie umarmte mich und bat mich herein. Die Finca hatte ein grosses Wohnzimmer, das in das angrenzende Esszimmer überging. Alles war sehr hell und lichtdurchflutet, und die große Fensterfront bot einen herrlichen Blick in den Garten voller Palmen. Neben drei zerknautschten, braunen Ledersofas, stand eine riesige, hölzerne, sich auf den Hinterbeinen stehend aufbäumende Pferdeskulptur mitten im Raum. Außer uns war niemand zu sehen. R. erkundigte sich nach dem Verlauf meiner Reise, und führte mich direkt in den ersten Stock, um mir mein Zimmer zu zeigen. Ich hatte Glück, denn durch den fehlenden Kandidaten, bekam ich das schönste und größte Zimmer des ganzen Hauses. Ich hatte einen Balkon mit Blick auf das Meer, und als Einzige ein eigenes Badezimmer.


Ich muß zugeben, daß ich sehr erleichtert war, mir nun doch nicht ein Zimmer mit der alkoholkranken Ärzten teilen zu müssen, wie es mir Herr Bollmann angekündigt hatte.


R. bat mich in Ruhe anzukommen, machte mich auf die Informationsblätter zum Tagesablauf und zwei Bücher aufmerksam, die auf dem Nachttisch lagen. Sie fügte hinzu, daß sich alle in einer knappen Stunde unten zusammenfinden würden, und verabschiedete sich bis später. Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, setzte ich mich auf das Bett und nahm das Infoblatt zur Hand.

Anamnese, Einzelgespräch mit R., 1. - 3. Schritt mit Rolf, Yoga, Gruppengespräch, 4. - 6. Schritt mit Rolf, Morgengymnastik, …


Es stand offensichtlich einiges auf dem Programm. Ich legte das Blatt zur Seite und las die Titel der zwei Bücher. Eines war ein ziemlich dicker, königsblau gebundener Wälzer der Anonymen Alkoholiker, das zweite Buch war klein und handlich. Es hieß „Eine neue Brille“. Ich schlug es auf und las auf der ersten Seite:


„Für Elsa - die Frau in meinem Leben, ohne deren Liebe, Anteilnahme, Ermutigung und Hilfe dies nie hätte verwirklicht werden können“.


Diese Zeilen stammten von Rolf Bollmann, genau wie der anschließende Prolog. Ich spürte den hämmernden Schmerz in meinem Kopf und ich vermisste T. Ich ließ mich mit dem aufgeklappten Buch in der Hand auf das Kopfkissen fallen, schloß die Augen, versuchte an gar nichts zu denken und mich ein bißchen zu entspannen, bevor ich die anderen kennen lernte.



Byebye Co - Abhängigkeit!

Alles Liebe,

Julia






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